Serie (4): Pfarrer Niermann - der teuerste Priester der Diözese
„Das war kein West-Gefängnis“

Tecklenburger Land -

Beihilfe zur Flucht, Devisenvergehen – das Kreisgericht Neustrelitz entschied am 5. Mai 1977 „im Namen des Volkes“: Drei Jahre und sechs Monate Haft für den „Religionslehrer“ Klemens Niermann.

Freitag, 09.11.2012, 08:00 Uhr
Serie (4): Pfarrer Niermann - der teuerste Priester der Diözese: „Das war kein West-Gefängnis“
Das ehemalige Zuchthaus Neustrelitz: Angela Worgull (Betrieb für Bau und Liegenschaften Mecklenburg-Vorpommern) zeigt im Jahr 2008 das Gelände. Hier saß Pfarrer Klemens Niermann 1977 ein, ehe er verurteilt wurde. Foto: dpa

Beihilfe zur Flucht, Devisenvergehen – das Kreisgericht Neustrelitz entschied am 5. Mai 1977 „im Namen des Volkes“: Drei Jahre und sechs Monate Haft für den „Religionslehrer“ Klemens Niermann .

Vorausgegangen waren sechs Wochen strengster Einzelhaft für den Ibbenbürener Pfarrer im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Neustrelitz. Und Verhöre, in denen Niermann vorgerechnet wurde, wie oft er in der Tschechoslowakei gewesen war. Man legte ihm Listen mit Namen vor. Er sollte anstreichen, wen er davon kannte. „Ich habe gelogen“, sagte er im Jahr 1996 in einem Interview, „was das Zeug hielt.“

Niermann hatte viel Geld in den Osten geschmuggelt, aber nur in einem Fall konnte die Stasi ihm etwas nachweisen. Da hatte er Devisen für ein evangelisches Bildungshaus in der Märkischen Schweiz transportiert, das von einem evangelischen Pfarrerpaar geleitet wurde. Die Frau war in Ibbenbüren zur Schule gegangen.

„Das DDR-Gefängnis war kein West-Gefängnis“, sagte er später. Nach dem Urteil wurde er ins Gefängnis Rummelsburg verlegt, in dem in den 1960er- und 70er-Jahren einige Hundert Westdeutsche einsaßen, darunter viele Fluchthelfer.

Nach der Isolation landete er nun in einer Zelle mit 30 Männern. Die Toilette war in der Ecke. Abends gab es 45 Minuten klassische Musik, Mozart, Beethoven, Bach. Einmal im Monat auch Beat. „Gute Leute waren das“, lobte er seine Mithäftlinge.

Manchmal bot der Pfarrer in einer abgetrennten Ecke Meditationsübungen an und erzählte Märchen. Zu Pfingsten wünschten sich die Mitgefangenen eine Predigt. Niermann hielt Gottesdienst, der Inhalt von Westpaketen wurde verteilt. „Das war das richtige Abendmahl“, sagte er.

Viele Häftlinge saßen hier jahrelang. Doch Klemens Niermann wurde freigekauft. Nach drei Monaten Diplomatie zwischen den beiden deutschen Staaten und dem Bistum Münster verlegte man den Häftling Nummer 1789 in die Berliner Stasizentrale. Wieder folgten Verhöre. Eines Morgens warf man ihm seine Zivilkleidung in die Zelle: „Sie werden heute entlassen.“

Im münsterischen Generalvikariat galt der Pfarrer seither als der teuerste Priester der Diözese. Obwohl: Das Kaufgeld gab es vom Staat zurück.

Die Haft hatte an dem 49-Jährigen gezehrt. Als ihn der Theatermann Einar Schleef, dessen Freundin Niermann aus der DDR schleusen wollte, später im Taxi abholte, notierte er: „Klemens ist fertig.“

Niermann wird über die Vorfälle wenig reden. In der Zeitung steht nur eine dürre Meldung. Reporter empfängt er nicht. In der Zeit des Kalten Krieges will man die dünnen Pfade der Diplomatie zwischen den beiden deutschen Staaten nicht zuschütten.

Der Pfarrer fliegt erst einmal nach Indien zu Mutter Teresa. Er will bei ihr arbeiten, Menschen helfen. Doch die später seliggesprochene Friedensnobelpreisträgerin schickt ihn zurück in die Heimat: Indien sei überall, vor allem vor seiner Haustür.

Als Klemens Niermann nach der wohl schlimmsten Reise seines Lebens vor seiner Haustür steht, passen die Schlüssel nicht mehr. Das Landeskriminalamt hat sie ausgewechselt. Man war sich sicher, dass die Stasi bei ihm eingebrochen ist.

Spitzel gebe es überall, hieß es. Auch in Ibbenbüren. Ein Verdacht, der sich später in den Stasi-Akten bestätigen sollte.

►  Letzte Folge: Die Stasi ist noch interessiert. Auch Gabriele Gerecke kommt frei.

Am 10. November wird der Platz zwischen Caritas und Rathaus nach ihm benannt: Klemens Niermann, vor fünf Jahren verstorbener Krankenhauspfarrer, hat vielen Menschen geholfen. Er stammte aus Schermbeck, war Berufsschullehrer und Pastor in Ibbenbüren. Vor allem gilt er als Mensch, der handfest gegen Not und Unrecht zu Felde zog. 1977 geriet er in DDR-Haft, weil er versucht hatte, eine junge Frau über die Zonengrenze zu schleusen. Davon handelt diese fünfteilige Serie.

Das Material dazu haben Dechant Martin Weber und andere Freunde Klemens Niermanns zusammengetragen, unter anderem auch die Stasi-Akten zum Fall.

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