Mastanlage für über 240 000 Hähnchen geplant
„Das ist Wahnsinn“

Westerkappeln/Neuenkirchen -

„Das ist Wahnsinn.“ Rainer Seidl von der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL) fehlen fast die Worte für das Projekt, dass nur wenige Meter jenseits der Landesgrenze in Neuenkirchen-Vinte enstehen soll. Dort soll eine Mastanlage für über 240 000 Hähnchen entstehen. In der region sprengt dies alles bisher Dagewesene.

Montag, 25.02.2013, 19:02 Uhr

Bis zu 39 500 Hähnchen dürfen im vorhandenen Stall gemästet werden. Wenn der Antrag auf den Bau drei weiterer Mastställe genehmigt wird, könnten es über 240 000 Tiere sein.
Bis zu 39 500 Hähnchen dürfen im vorhandenen Stall gemästet werden. Wenn der Antrag auf den Bau drei weiterer Mastställe genehmigt wird, könnten es über 240 000 Tiere sein. Foto: Frank Klausmeyer

Das sprengt bisher alles in der Region Dagewesene. In Neuenkirchen-Vinte soll eine Hähnchenmastanlage mit über 240 000 Plätzen entstehen. „Das ist Wahnsinn“, meint Rainer Seidl von der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL). Die Kritik gegen das Projekt hält sich allerdings noch in Grenzen – wohl auch, weil bislang kaum jemand von dem Vorhaben Notiz genommen hat.

Laut Genehmigungsantrag will die Hof Barenfeld GmbH & Co.KG aus Neuenkirchen die vorhandene Mastanlage für 39 500 Hähnchen unweit der Grenze zur Gemeinde Westerkappeln um drei große Ställe erweitern. Brisanz besitzt der Antrag nicht nur wegen seiner Dimensionen, sondern nicht zuletzt durch die Nähe zum EU-Vogelschutzgebiet „Düsterdieker Niederung“, das gleich auf der anderen Seite des Mittellandkanals liegt.

Sogar direkter Nachbar ist die Stiftung Schoellerhof, deren Ackerflächen sukzessive renaturiert werden. Die Gemeinde Westerkappeln und der Landesbetrieb Straßen NRW haben sich dort Ausgleichsflächen gesichert.

„Das geht ja wohl gar nicht“, äußert sich die Stiftungsvorsitzende Dr. Antonia Sievert schier fassungslos über die Pläne. Sie sieht die Arbeit der Stiftung gefährdet. Von dem Hähnchenmastbetrieb seien erhebliche Stickstoffeinträge zu erwarten. „Da wächst zum Beispiel der Gagelbusch. Der verträgt gar keinen Stickstoff“, betont Sievert. Auch seltene Brutvögel hätten sich niedergelassen. Eine Massentierproduktion gefährde alle Bemühungen.

Im Westerkappelner Rathaus ist das Projekt erst durch die Nachfrage der WN bekannt geworden. Dementsprechend hält sich Bürgermeister Ullrich Hockenbrink auch noch mit einer Bewertung zurück. Gleichwohl ist er verwundert. Dem Campingplatz in Seeste habe man vor einigen Jahren eine Erweiterung wegen möglicher schädlicher Auswirkungen auf die Düsterdieker Niederung untersagt „und gleichzeitig will man da einen Stall für über 240 000 Hähnchen hinstellen ?“

Nach Auskunft des Landkreises Osnabrück sollen alle Anrainergemeinden noch im Zuge des Verfahrens gehört werden. „Das müssen wir nicht, wir tun das aber“, versichert Sprecher Burkhard Riepenhoff. Andere sogenannte Träger öffentlicher Belange seien bereits gehört worden, darunter auch der Kreis Steinfurt. Der habe mit Schreiben vom 6. Dezember vergangenen Jahres keine Bedenken geäußert, erklärt Riepenhoff.

Das Gebiet, in dem die Mastställe gebaut werden sollen, ist dünn besiedelt. Norbert Dyckhoff wohnt rund 750 Meter Luftlinie in der Hauptwindrichtung weit entfernt. „Ich war richtig erschrocken, als ich das gelesen habe“, sagt er. Zwar habe es bislang erst ein paar mal nach Hähnchen gerochen – der vorhandene Maststall wurde vor rund zwei Jahren gebaut – von einer so großen Anlage befürchtet er aber deutlich mehr Belästigungen. Deshalb hat er sich auch schon ans niedersächsische Landesumweltministerium gewandt. Weil dort jetzt ein grüner Politiker das Sagen hat, erhofft er sich ein bisschen Unterstützung.

In der Gemeinde Neuenkirchen wurde den Ratsgremien der Antrag bislang nur nachrichtlich mitgeteilt, berichtet Samtgemeindebürgermeister Martin Brinkmann. Die Kommune werde aber rechtzeitig eine Stellungnahme abgegeben und insbesondere Einwendungen zu den Auswirkungen auf die Wohnbebauung und zu naturschutzrechtlichen Belangen formulieren.

Im Neuenkirchener Rat werde sich wohl kein Befürworter finden, ist Bernward Abing (CDU) überzeugt. Bedauerlich sei nur, dass der Gemeinderat kein Mitspracherecht habe. Das müsse sich ändern, findet der Kreistagsabgeordnete. Der Neuenkirchener Rat hätte bereits den vorhandenen Maststall abgelehnt. „Wir hatten aber keine Chance“, bedauert Abing, der selbst Landwirt ist und die Entwicklungschancen der bäuerlichen Betriebe durch solche Anlagen gefährdet sieht.

Eindeutig positioniert haben sich die Neuenkirchener Grünen, die vergangene Woche in einer Versammlung über den geplanten Maststall diskutierten. Vorstandsmitglied Laurenz Brackmann kündigte bereits an, bis zur Klage alles daran zu setzen, diese Stallbauten zu verhindern.

Auch Anlieger Norbert Dyckhoff will sich mit anderen Nachbarn wehren. Er ist mit Hinweis auf den Widerstand gegen den bestehenden Maststall aber skeptisch ob der Erfolgsaussichten: „Da können 100 Menschen dagegen sein. Wenn da ein wichtiger Vogel gebrütet hätte, wäre das vielleicht zu verhindern gewesen.“

»Das geht ja wohl gar nicht«

Dr. Antonia Sievert, Vorsitzende Stiftung Schoellerhof

»Der Kreis Steinfurt hat keine Bedenken geäußert«

Burkhard Riepenhoff, Sprecher Landkreis Osnabrück
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