Ein Besuch im Asylheim
„Der Lack ist ab“

Westerkappeln -

„JVA Düte“ hat Jemand neben die Eingangstür gepinselt. „Das waren Idioten“, sagt Sherwan A. Aus den Buchstaben spricht viel Frust. Denn die Menschen, die hier in der alten Düter Schule wohnen, leben am Rande der Gesellschaft.

Montag, 15.04.2013, 16:04 Uhr

Viel Frust spricht aus den Buchstaben, die jemand an den Eingang des Asylbewerberheimes in Düte gepinselt hat. Etwa 15 junge Männer sind dort zurzeit untergebracht.
Viel Frust spricht aus den Buchstaben, die jemand an den Eingang des Asylbewerberheimes in Düte gepinselt hat. Etwa 15 junge Männer sind dort zurzeit untergebracht. Foto: Frank Klausmeyer

„JVA Düte“ hat Jemand neben die Eingangstür gepinselt. „Das waren Idioten“, sagt Sherwan A. Wie in einer Jugendhaftanstalt untergebracht fühlt sich der junge Mann überhaupt nicht, erst recht, seitdem er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in der Tasche hat. Dennoch: Die Menschen, die hier in der alten Düter Schule wohnen, leben am Rande der Gesellschaft.

Als Asylbewerber sind sie Fremde in einem fremden Land. Kontakte zur Bevölkerung haben sie wohl kaum. Bis zum Westerkappelner Rathaus sind es über fünf Kilometer Fußweg. Gerade kommt einer der Bewohner auf den Hof – wohl vom Einkaufen, wie die Plastiktüte, die er trägt, vermuten lässt. Wahrscheinlich hat er das in Alt-Lotte getan, wohin der Weg gerade einmal halb so lang ist wie bis in den Westerkappelner Ortskern.

Sherwan geht es da besser. Er hat einen Führerschein und ist stolzer Besitzer eines Autos, das in der Sonne glänzt. Der 29-Jährige hat eine Arbeitserlaubnis und verdient sein eigenes Geld in einer Fabrik in Lotte.

„Mir geht´s gut“, sagt Sherwan. Vor zehn Jahren ist er während des Krieges gegen den Diktator Saddam Hussein aus dem Nordirak geflüchtet. Solange wohnt der Kurde auch schon in der Düter Schule.

Das gelb-gestrichene Gebäude ist in die Jahre gekommen. Anfang der 1990er Jahre wurde es zur Asylunterkunft umgebaut. Jetzt „ist der Lack ab“, wie die Gemeindeverwaltung wörtlich in einer Sitzungsvorlage den Zustand der Flüchtlingsheime in Westerkappeln beschreibt. Neben der Düter Schule sind das noch der Hof Schildkamp an der Osnabrücker Straße und das Haus Postmeyer auf dem Schafberg.

Etwa 15 Männer wohnen in Düte. Untergebracht sind sie jeweils zu Zweit in einem Zimmer, die hinter einem dunklen, kalten Flur liegen. Vorsichtig späht ein anderer junger Mann aus einer der vielen Türen, grüßt freundlich und zieht sich dann wieder schnell in seine Privatsphäre zurück. Es ist gleich Mittag.

Gekocht wird in den Wohnzimmern. Gemeinschaftlich stehen den Flüchtlingen zwei geräumige, aber spartanisch ausgestattete Wirtschaftsräume mit Spülbecken und einer Waschmaschine zur Verfügung. Angeschlossen sind die Toiletten, nicht schön, aber wenigstens sauber. „Hier kommt immer der Hausmeister“, erzählt Sherwan, der nicht meckern will. Die Bewohner versuchten, auch selbst für Ordnung zu sorgen. „Manche können sich aber nicht benehmen“, ärgert sich der 29-Jährige über den einen anderen Nachbarn in der Zwangs-WG.

„Im Moment kommen vorwiegend Schwarzafrikaner nach Westerkappeln“, berichtet Ordnungsamtsleiter Winfried Praus . Aussuchen kann sich die Gemeinde die Flüchtlinge eh nicht, genauso wenig, wie diese eine Wahl haben. „Die werden einfach zugewiesen“, sagt Praus.

Die Verweildauer in den Wohnheimen sei recht unterschiedlich. Eigentlich, so erläutert der Ordnungsamtsleiter, sollten die Menschen nicht länger als zwei Jahre dort wohnen. „Viele wollen nach meinem Eindruck aber gar nicht umziehen.“

Oder sie können es nicht, wie Karla Helms-Pallas, die schon seit Jahren Flüchtlinge ehrenamtlich betreut, vermutet. Gehe ein Asylbewerber alleine auf Wohnungssuche, habe dieser schlechte Chancen, weil die Vermieter oft nicht wüssten, dass das Sozialamt die Kosten übernehme. „Wenn ein Deutscher dabei ist, klappt das besser“, ist die pensionierte Lehrerin überzeugt.

Wobei sie auf ein anderes Problem hinweist: die Betreuung aus dem Rathaus. Diese sei vor allem derzeit mangelhaft, weil der zuständige Mitarbeiter der Verwaltung krank sei.

Wie auch Praus bestätigt, handele es sich bei den Flüchtlingen vor allem um junge Männer. „Die sind ganz allein und isoliert“, weiß Helms-Pallas aus ihrem Engagement.

Viele Jahre kümmerte sich der Arbeitskreis Asyl der evangelischen Gemeinde um Flüchtlinge in Westerkappeln. Die Gruppe hat sich zwar nicht offiziell aufgelöst, ruht aber. „Vielleicht sollten wir den Arbeitskreis wiederbeleben“, meint Pastor Olaf Maeder. Andererseits stelle sich die Frage, warum man diese Art der Sozialarbeit immer den Kirchen überlasse.

Sherwan, der in den zehn Jahren ausgezeichnet Deutsch gelernt hat, weiß sich mittlerweile zu helfen. Bei der Wohnungssuche könnte er aber vielleicht Unterstützung gebrauchen. „Wenn ich heute eine Wohnung finde, würde ich morgen ausziehen.“  

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