Erster Segelflug mit einem „Kranich 3“
Im Oldtimer über Achmer

Achmer -

Schon fast 60 Jahre hat der „Kranich 3“auf dem Buckel. Sein metallisches Grau erinnert an ein Militärflugzeug. Im Kranich erlebt Autor Christoph Lützenkirchen heute seinen ersten Segelflug.

Donnerstag, 08.08.2013, 12:08 Uhr

Sie sehen aus wie riesige Möwen. Elegante, schneeweiße Kunststoffsegler mit weit gespannten, schlanken Flügeln bevölkern den Flugplatz in Achmer. Daneben sieht der „Kranich 3“ aus wie ein Tier aus einer anderen Zeit. Immerhin hat er ja auch schon 60 Jahre auf dem Buckel. Sein metallisches Grau erinnert an ein Militärflugzeug. Im Kranich soll ich heute meinen ersten Segelflug erleben. Wir sind mit Heiner Berstermann vom Vorstand des Osnabrücker Vereins für Luftfahrt verabredet. Er wird mein Pilot sein.

Der Kranich sei als Schulflugzeug konstruiert worden, erklärt Berstermann, dabei habe man auf eine gute Kombination aus Leistung und gutmütigen Flugeigenschaften geachtet. Wie viele Flugschüler mag der Kranich im Laufe der vergangenen sechs Jahrzehnte in den Himmel und zurückgetragen haben ? Doch mein Pilot hat ihn nicht nur wegen seiner Gutmütigkeit ausgewählt. Der alte Vogel besitzt eine lang gestreckte einteilige Haube, die einen schönen freien Blick erlaubt.

Der Tower signalisiert: „Gleich seid ihr an der Reihe beim Windenstart.“ Nun wird es ernst. Im Unterschied zu Motorflugzeugen muss im Segelflugzeug ein Fallschirm getragen werden. Ein Helfer legt mir die Gurte an.

Überhaupt sind gleich allerhand Leute um uns herum, die zupacken. Das Zugseil wird befestigt, der Kranich in die richtige Position geschoben. Beim Einstieg ist Gelenkigkeit gefragt. Ich habe Sorge, etwas zu beschädigen, denn die Stahlrohrkonstruktion des Flugzeugs ist mit Leinen bespannt. Auf dem hinteren Sitz werde ich stramm angeschnallt, Sicherheit geht vor Bequemlichkeit. Zwischen meinen Oberschenkeln ragt der Steuerknüppel für Höhenleitwerk und Querruder empor.

Ein Muss vor dem Start: Gewissenhaft checkt Heiner Berstermann (vorne) die Instrumente. Vor seinem ersten Segelflug sieht unser Autor etwas blass aus, lächelt aber tapfer.

Ein Muss vor dem Start: Gewissenhaft checkt Heiner Berstermann (vorne) die Instrumente. Vor seinem ersten Segelflug sieht unser Autor etwas blass aus, lächelt aber tapfer. Foto: Klaus Lindemann

Die Füße stehen in zwei Schalen, die die Seitenruder bedienen. „Stellen sie die Füße einfach leicht auf und versuchen, dem Piloten möglichst wenig in die Quere zu kommen“, rät mein Helfer. Hauptsache, ich bekomme jetzt keinen Krampf im Bein. Jemand reicht mir grinsend einen Gefrierbeutel – für alle Fälle. Ein einzelner Sonnenstrahl bricht durch den wolkenverhangenen Himmel. Ein gutes Vorzeichen ? Berstermann schließt die Haube und checkt die Funktionen des Kranichs. „Alles klar bei Ihnen?“ Alles klar, wir sind bereit zum Abheben.

»Segelfliegen ist ein Gemeinschaftssport«

Heiner Berstermann, Pilot

Der Zug der Winde setzt nachdrücklich ein. Schnell nehmen wir Fahrt auf, nach wenigen Metern beginnt der Kranich zu schweben. Berstermann fordert per Funk mehr Geschwindigkeit an. Das Flugzeug steht nun in einem Winkel von 45 Grad in der Luft und bewegt sich rasend schnell nach oben.

Der Eindruck ist atemberaubend, dagegen ist der Start mit einem Motorflugzeug eine gemütliche Sache. In 380 Meter Höhe schwenken wir langsam in die Waagerechte ein. Man hört ein metallisches Knacken, und schon sehe ich, wie unser Zugseil an einem kleinen Fallschirm zu Boden sinkt. Wir fliegen. Ohne Motor. Schweben oder gleiten wir? Jedenfalls ist das Erleben des Fliegens konkreter, körperlicher als im motorgetriebenen Flugzeug.

Vom Boden betrachtet, sind Segelflugzeuge lautlos. Hier oben kann von Stille keine Rede sein: Die Luft rauscht und schwirrt an den Tragflächen. Im Rumpf knackt es hin und wieder. Außerdem ertönt von vorn ein permanentes Tonsignal, eine Art Hupen. „Das ist das Variometer“, erklärt Berstermann. „Mit einem Dauerton zeigt es uns an, dass wir sinken. Wird der Ton rhythmisch unterbrochen, steigen wir.“ Trotz der Geräusche kann man sich im Kranich-Cockpit gut unterhalten.

Der Pilot versucht, aufsteigende Warmluft zu finden, eine Thermik. Segelflugzeuge brauchen sie, um Höhe zu gewinnen. Wir bleiben in der Nähe des Flugplatzes und fliegen enge Kreise. Ein Flügel des Kranichs hängt fast senkrecht nach unten, der andere ragt steil nach oben. Nun bewährt es sich, dass man mich so fest am Sitz vertäut hat. Über die Flügelspitze kann ich Häuser, Teiche, Wälder und Straßen anpeilen.

Die 100 Meter hohen Türme des nahe gelegenen Windparks liegen tief unter uns. Berstermann dreht einige Runden über dem Werksgelände des Serviettenherstellers Duni: „Da geht eigentlich immer was“, sagt er. Doch wir sinken. Pech gehabt, heute regt sich kein Lüftchen in Sachen Thermik.

Mein Pilot leitet den Landeanflug ein. Krachend springen die Bremsklappen aus den Tragflächen. Erst setzt das Heck des Kranichs auf, dann die lang gezogene Kufe unter dem Bug. Sie bremst das Flugzeug wirksam und schnell ab. Nur wenige Meter von unserer Startposition entfernt kommen wir zum Stehen. Schnell sind eine Handvoll Helfer zur Stelle und schieben den Kranich von der Landebahn. „Segelfliegen ist ein Gemeinschaftssport“, sagt Berstermann. „Alleine kann man fast gar nichts, das fängt schon damit an, dass die Flugzeuge aus der Halle geholt werden müssen.“

Er bedauert, heute nicht mehr bieten zu können, doch beim Segelflug ist man nun einmal voll auf das Wetter angewiesen. Berstermann besitzt auch Flugscheine für Motorflugzeuge, dennoch sagt er: „Wenn ich richtig fliegen will, setze ich mich in eins unserer Segelflugzeuge.“

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