Bildhauer Gunter Demnig verlegt Stolpersteine
Acht Mahnmale für Westerkappeln

Westerkappeln -

Mehr als 45 000 Stolpersteine hat der Kölner Bildhauer Gunter Demnig seit Beginn seines vielfach ausgezeichneten Projekts gegen das Vergessen Mitte der 90er Jahre mittlerweile in Gehwege in ganz Europa eingelassen. Acht von ihnen gemahnen seit Samstag nun auch die Westerkappelner daran, sich an ihre jüdischen Mitbürger und deren Schicksal – Isolation, Demütigung, Vertreibung, Internierung, Deportation und Ermordung durch die Nationalsozialisten – zu erinnern.

Sonntag, 02.03.2014, 20:03 Uhr

Erste Station: Der Bürgersteig vor dem Wohnhaus an der Osnabrücker Straße 11. Gunter Demnig stülpt sich den Knieschutz über die Arbeitshose, zieht seine derben Handschuhe an und legt Material und Werkzeug zurecht: Hammer, Meißel, Akku-Flex, Maurerkelle, Gießkanne, ein Eimer voll Zement – und vier Steine. Schlichte, würfelförmige Betonsteine, auf deren Oberseite eine Messingplatte angebracht ist. Stolpersteine . Aber keine für die Füße – die Quader werden ebenerdig ins Trottoir verlegt. Vielmehr eine Angelegenheit für den Kopf – denn in die vier Messingtafeln sind vier Namen eingeschlagen: Dr. Feodor Block . Bernhardine Block. Dr. Hildegard Block. Dr. Gertrud Block.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig aus dem Talmud und verweist damit auf eines der Ziele seines Kunstprojekts: den in den Konzentrationslagern zu Nummern degradierten NS-Opfern ihre Identität zurück zu geben und ihre Namen an die Orte ihrer letzten selbst gewählten Wohnung zurück zu bringen.

Bis 1939 lebten Feodor und Bernhardine Block an der Osnabrücker Straße 11 in Westerkappeln . Als die Nazis sie zwangen, ihr Haus zu verkaufen, flüchteten sie in die Niederlande. Ihrer ältesten Tochter Hildegard war bereits ein Jahr zuvor die Flucht nach Holland gelungen. Dort heiratete sie und bekam einen Sohn. Nachdem die Nazis auch die Niederlande besetzt hatten, wurde Dr. Hildegard Block, verheiratete Rosenthal, am 19. Oktober 1942 gemeinsam mit ihrem dreijährigen Sohn im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Auch ihre Eltern Feodor und Bernhardine wurden 1944 in den Gaskammern von Auschwitz umgebracht. Die jüngste Tochter der Familie Block, Gertrud, war bereits 1937 in die USA geflüchtet. Sie überlebte den Holocaust.

„Wir müssen uns unserer Verantwortung vor der Familie Block stellen“, forderte Dirk Dörmann die mehr als 50 Personen auf, die das Verlegen der Stolpersteine verfolgten. Dörmann hat sich gemeinsam mit Marie-Luise Heßling, Ute Terhorst, Dietmar Strecke, Frank Bekierz, Friedhelm Scheel, Horst Meyer und Wieland Wienkämper dafür engagiert, dass auch in Westerkappeln Stolpersteine verlegt werden. „Hitler hatte Millionen von Helfern“, betonte Dörmann. Auch in Westerkappeln.

Zweite Station: Das Pflaster vor dem Neubau in der Großen Straße 4. Hier lebte, in einem heute nicht mehr existierenden Fachwerkbau, der angesehene Westerkappelner Kaufmann Ernst Reinhaus mit seiner Frau Lilly und ihren Kindern Martha und Walter.

Während Ernst und Lilly Reinhaus 1942 auf dem Weg nach Auschwitz ermordet wurden, konnten ihr Sohn und ihre Tochter in die USA flüchten. Dort nahm sich Matha Reinhaus im Alter von 58 Jahren das Leben.

Bei der anschließenden Gedenkfeier im Haus Bonhoeffer erinnerten die Schüler des „Auschwitz-Projekts“ der Kardinal-von-Galen Realschule Mettingen an den staatlich organisierten Massenmord. Wer sich über die Geschichte der Juden in Westerkappeln informieren möchte, sei auf das ebenfalls ausgezeichnete Multimedia-Projekt „Jäger des Vergessenen“ unter www.jaeger-des-vergessenen.de hingewiesen, das der ehemalige Leiter des Jugendtreffs „Teestube Velpe“, Thomas Brümmer, gemeinsam mit Westerkappelner Jugendlichen entwickelt hat.

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