Besuch bei Pflegefamilie Beckmann
Paar gibt Kindern ein Zuhause

Westerkappeln -

Am Anfang hat der Junge im Karton geschlafen. Mit sieben Jahren kam er in die Pflegefamilie, zu Marianne und Klaus Beckmann. Vier Pflegekinder leben mittlerweile bei dem herzlichen Ehepaar. Seit zehn Jahren nehmen sich die beiden der Kinder an, die nicht mehr in ihrem zu Hause leben können.

Freitag, 23.01.2015, 15:01 Uhr

Bei Familie Beckmann ist immer viel los. Das kleine Haus, das eines der Pflegekinder gebaut hat, wird auch gern von den tierischen Freunden der Jungs als Hütte genutzt.
Bei Familie Beckmann ist immer viel los. Das kleine Haus, das eines der Pflegekinder gebaut hat, wird auch gern von den tierischen Freunden der Jungs als Hütte genutzt. Foto: Andrea Bracht

Begonnen hat das im Jahr 2004. Das Paar lebte mitten in Westerkappeln , als es beschloss, eine Pflegefamilie zu werden. Beckmanns informierten sich und stießen in einer Zeitungsannonce auf die Kinder- und Jugendhilfe „tibb“ in Ibbenbüren – sie vermittelt Kinder in Pflegefamilien.

Es folgten viele Treffen. Beckmanns lernten die Mitarbeiter von „tibb“ kennen, dann den Jungen, der ihr erstes Pflegekind werden sollte. Schließlich, nach langer Zeit der Vorbereitung, zog das Kind ein. Marianne erinnert sich gut an die erste Nacht: „Das ist, als hätten sie einen Fremden in der Wohnung und würden ins Bett gehen.“

Der Junge war die ganze Nacht wach und durchwühlte alles. Schränke, Schubladen. „Man muss viele Gewohnheiten ändern“, sagt Marianne Beckmann. „Es sind eben nicht die eigenen Kinder, das muss man sich immer wieder bewusst machen“, erklärt sie. „Wenn wir auf dem Sofa kuscheln, hat jeder seine eigene Decke.“

Es ist bisweilen schwierig, wie in jeder Gemeinschaft. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, und das der Kinder ist in der Regel sperrig und schwer. Das Wunderbare, sagt Marianne, sind „die kleinen Erfolge“.

Als der jüngste sich nach einem halben Jahr zum ersten Mal nicht mehr in den Karton zurückzog, sondern in sein Bett krabbelte. Auf einer Liste notierte, was er noch nie gemacht habe: „Drachensteigen“ steht drauf und „auf den Mond fliegen“, erzählt Klaus. Er lacht: Man muss ja Ziele haben im Leben.

Pflegekinder aufnehmen wollten Beckmanns schon lange. „Klaus wollte immer sechs Kinder“, sagt Marianne. Sie hatten zwei, insgesamt haben sie in den vergangenen zehn Jahren sieben Kinder aufgenommen.

„tibb“

Die Abkürzung „tibb“ steht für „Therapie, Integration, Beratung, Betreuung Ibbenbüren“. 2003 wurde die Einrichtung von Professor Klaus Münstermann in Ibbenbüren gegründet. 199 Kinder im Alter von null bis 18 Jahren werden zurzeit in 102 Pflegefamilien von „tibb“ betreut. 95 Mitarbeiter sind insgesamt bei „tibb“ beschäftigt, davon 24 in Ibbenbüren.

...

Für die tun sie alles. Sie haben einen Kredit aufgenommen, sind aus ihrem Eigenheim ausgezogen und haben einen 280 Quadratmeter großen Hof in Westerbeck gekauft: ein Kinderparadies auf 35 000 Quadratmetern, mit Tieren, Spielzeugen und Platz ohne Ende.

Nachbarn gibt es keine, auch keine Mittagsruhe, an die sich die vier Jungs (8, 14, 16 und 17 Jahre alt) halten müssen. Für zwei von ihnen haben Beckmanns Hunde angeschafft. Die Jungs gehen mit ihnen in die Hundeschule, verreisen mit ihnen. Das hilft den Kindern. Der Jüngste war mit Hund und Pflegemutter auf Juist. Zum ersten Mal hat er das Meer gesehen. Seither spricht er ständig davon.

Obwohl sie nun seit zehn Jahren den Vollzeitjob als Pflegeeltern ausfüllen – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – kommen sie ursprünglich aus anderen Berufen. Klaus war 38 Jahre bei der Post, seine Frau Marianne hat dies und das probiert, sich aber nicht ausgefüllt gefühlt. Deshalb kommen ihnen die Weiterbildungsmöglichkeiten bei „tibb“ entgegen. Und wenn es Ärger gibt, steht der Familientherapeut zur Seite – Tag und Nacht.

Klaus und Marianne Beckmann wollen noch lange weitermachen. „Mindestens zehn Jahre“, dann ist ihr jüngstes Pflegekind 18. Pflegefamilie zu sein, daran hängen ihre Herzen. „Es ist einfach fantastisch: Da kommt ein Kind mit einem ganz großen Paket an Erlebtem zu uns, und damit muss man dann leben. Und man kriegt es hin! Irgendwann blickt man zurück und merkt, wie heilsam alles war. Dass die Kinder eine Perspektive entwickeln und an die Zukunft denken, in die Ausbildung starten...“, zählt Marianne auf und ihre Augen glitzern: „Dann weiß man: Ich konnte ihnen Hilfe geben.“

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