Dr. Eckart von Hirschhausen im Interview
„Kirchen sind sinnvoll und sinnstiftend“

Westerkappeln -

Mit der Zusage von Dr. Eckart von Hirschhausen, im Themengottesdienst am 1. März anlässlich der Ausstellung „Menschenbilder“ die Gastpredigt zu halten, ist der evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln ein wahrer Coup gelungen. Die WN befragten den Unterhaltungsprofi und promovierten Arzt zu seinem bemerkenswerten Auftritt, zu seinem Verhältnis zur Relegion, zu seiner Stiftung und zu seinem gelernten Beruf.

Freitag, 27.02.2015, 06:02 Uhr

Dr. Eckart von Hirschhausen predigt am Sonntag in der Stadtkirche Westerkappeln
Dr. Eckart von Hirschhausen predigt am Sonntag in der Stadtkirche Westerkappeln Foto: Frank Eidel

Herr von Hirschhausen , alle kennen Sie als Kabarettist und Fernsehmoderator. Sie sind studierter Mediziner, versuchen Sie sich jetzt auf dem Pfad der Theologie ?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Viele Anliegen, mit denen die Menschen früher zu ihrem Pfarrer gegangen sind, landen heute in der Medizin. Deshalb ist es doch nur konsequent, wenn jetzt ein Mediziner mal zurück in die Kirche geht und laut darüber nachdenkt, wie unsere geistige Einstellung und die körperliche Gesundheit zusammenhängen. In meinem aktuellen Bühnenprogramm „Wunderheiler“ beschäftige ich mich viel mit der Wirkung von Glaube, Placebo und der Kraft von Ritualen auf die Heilung. So gesehen bin ich schon im Thema. Viele meiner Vorfahren waren Pastoren, und daher ist mir der Kontext Kirche auch sehr vertraut.

Am Sonntag wird die Kirche in Westerkappeln sicherlich voll werden, wenn Sie predigen. Was erwartet die Gottesdienstbesucher ? Gibt es auch etwas zu lachen ?

von Hirschhausen: Klar, mein Thema „Humor hilft heilen“ ist ja nicht nur der Name meiner Stiftung für mehr heilsame Stimmung im Krankenhaus. Es ist auch meine persönliche Überzeugung. Dazu einer meiner Lieblingswitze: Moshe und Adam stehen in Amsterdam im Museum vor einem Rembrandt-Bild der Heiligen Familie und betrachten eingehend die Motive. „Nu sag mir Moshe, warum sind die Herrschaften da in einem Stall ?“ „Nu, Adam, sie waren sehr arme Leute.“ „Und warum liegt das Kind bei Ochs und Esel ?“ „Sie hatten wirklich keine andere Bleibe.“ „Nu dann sag mir, wenn die waren so arm: wie konnten sie es sich leisten, von Rembrandt gemalt zu werden ?“ Was mag ich an dem Witz ? Dass er den Kern der Weihnachtsgeschichte trifft, denn die Geburt Jesu stellt alles auf den Kopf, alle Annahmen darüber was wichtig ist, was zählt, was oben und unten ist. Humor ist immer der Wechsel der Perspektive, und so gesehen ist die Geschichte des Christentums auch ein Witz, eine Provokation, denn sie zieht unserem Verständnis von Arm und Reich mit dem Kind im Stroh buchstäblich den Teppich unter den Füßen weg.

Sie gehören der evangelischen Kirche an. Sind Sie gläubiger Christ ?

von Hirschhausen: Ja, wobei es schwer zu sagen ist, woran ich genau glaube. An keinen persönlichen Gott, eher die Vorstellung, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, einer Energie, die wir für oder gegen uns und andere verwenden können. Und ich glaube auch, dass Kirchen eine sinnvolle und sinnstiftenden Einrichtung in unserer Gesellschaft sind, weil es wenig Orte gibt, wo andere Werte gelten, wo Menschen unterschiedlichster Lebenswelten und Generationen zusammen kommen, um sich für Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen. Klar haben alle Institutionen ihre Macken und Machtthemen, aber zum Glück bin ich ja nicht katholisch (zwinkert).

Wann waren Sie das letzte Mal in der Kirche  ?

von Hirschhausen: Letzten Sonntag. Das ist aber weiß Gott nicht jeden Sonntag so. Aber ich war froh, denn ich konnte wieder lauthals mitsingen und hörte eine interessante Predigt über die Fastenzeit, dass es nicht so sehr um Verzicht, sondern um „fest“ werden geht, so wie bei „fasten your seatbelts“, also sich festigen durch Ausbildung von Willensstärke, in dem man sich seiner kleineren und größeren Versuchungen bewusster wird.

Beten Sie, und wenn ja, wann ?

von Hirschhausen: Es ist selbstverständlich geworden, etwas für seinen Körper zu tun, zum Beispiel sich abends die Zähne zu putzen. Warum ist es nicht genauso selbstverständlich, etwas für seinen Geist zu tun ? Ich bin ein großer Fan der „achtsamkeitsbasierten“ Techniken, die einem beibringen, die Gedanken im Kopf zu beobachten und nicht alle ernst zu nehmen. Stille zu werden kann man lernen und ein Leben lang üben. Ich versuche täglich einen Moment der Besinnung hinzubekommen und bitte vor großen Aufgaben, großem Publikum oder schwierigen Gesprächen um Unterstützung und die richtigen Worte. Aber es wäre gelogen zu sagen, dass ich das immer hinbekäme. Klar, wendet man sich eher in Notsituationen an „den Himmel“ als wenn man selber im siebten Himmel ist. Dazu noch ein Witz: Ein Pfarrer und ein Busfahrer stehen vor der Himmelstür. Der Busfahrer darf rein, der Pfarrer nicht. Petrus erklärt: Wenn du gepredigt hast, haben alle geschlafen. Aber wenn er Bus gefahren ist, haben alle gebetet !

Und wie ist es Ihrer Meinung nach mit dem Humor in der Kirche bestellt ?

von Hirschhausen: Ehrlich gesagt, wäre es schon hilfreich, dass die, die die Erlösung predigen, etwas erlöster gucken! (lacht). Nein, im Ernst, ich habe auch schon Seminare für Pfarrer gegeben zu Humor in der Predigt. Da kam oft der Einwand, dass sie Angst haben, von der Gemeinde nicht ernst genommen zu werden, das ist ein sehr deutsches Missverständnis. Humor ist nichts Oberflächliches, sondern das tiefe Bejahen der unfassbaren absurden Situation, in der wir uns auf Erden befinden: Wir kommen aus Staub, wir werden zu Staub, darum meinen die meisten, es müsse darum gehen, viel Staub aufzuwirbeln...

Kommen wir auf ein anderes Thema zu sprechen. Sie sind Mediziner. Haben Sie noch eine krankenkassenärztliche Zulassung und rechnen über die Krankenkasse ab ?

von Hirschhausen: Auch wenn ich als Komiker auf der Bühne stehe, bin ich noch immer als Arzt tätig. Wenn ich heute an einem Abend auf der Bühne gleichzeitig 2000 Menschen etwas hoffentlich Substanzielles über Medizin und Psychologie näherbringe, wie man mit mehr Freude und gesünder lebt, hätte ich dafür in der Klinik Jahre gebraucht. So gesehen, habe ich nie den Beruf gewechselt, sondern nur den Spielort. Ich habe an der Universitätsklinik in Berlin gearbeitet, heute Charité . Größtes Klinikum Europas. Charité kommt nicht von Shareholder Value. Es bedeutet Caritas . Nächstenliebe. Sich um kranke Menschen zu kümmern war ursprünglich im christlichen Abendland ein Akt der Barmherzigkeit. Hospital und Hotel stammen aus der gleichen Wurzel – ein Ort für Gäste. Ein Patient ist kein Kunde, sondern ein leidender Mensch. Und die wichtigste Frage sollte auch nicht sein, wie mach ich mit dem 20 Prozent Rendite, sondern: was kann dem helfen ? Und wenn wir so viel reden über die Bedrohung der Werte der Abendländischen Kultur, warum gehen so wenige auf die Straße für Nächstenliebe, Solidarität und Gerechtigkeit im Umgang mit Kranken und Pflegebedürftigen? Warum hört man von 29 000 Apothekern in Diskussionen mehr als von 1,5 Millionen Pflegekräften ? Hat die Medizin ihre Wurzel, die Kraft von Zuwendung um nicht zu sagen von Glaube, Liebe und Hoffnung verraten ?

Am Sonntag bitten Sie die Gottesdienstbesucher um Spenden für Ihre Stiftung „Humor hilft heilen“. Worum geht es da genau ?

von Hirschhausen: Wir bringen Ideen aus der modernen Psychologie in die Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen und die Forschung. Humor spielt für die seelische Gesundheit eine große Rolle als Schutzfaktor und Kraftquelle. Los ging es mit Clowns auf den Kinderstationen. Aber auch alte Menschen reagieren sehr positiv auf die Visiten, gerade wenn viel mit Musik gearbeitet wird. Und wir entwickeln Schulprograme für soziales Lernen, damit die nächste Generation seelisch und körperlich gesund bleibt. Mit der Kollekte wollen wir einen Workshop für Pflegende in der Diakonie finanzieren, denn alle die dort jeden Tag für andere da sind, brauchen unsere Unterstützung. Denn irgendwann brauchen wir sie sicher! Wenn die Lokführer streiken, kommt man nicht von A nach B, aber wenn die Pflege ausfällt, kommst du nicht vom Bett aufs Klo. Und nach 12 Stunden ist dir klar, was schlimmer ist.

Noch eine Frage: Warum ausgerechnet Westerkappeln ?

von Hirschhausen: Wie so vieles im Leben, eine Kombination von Zufall und Fügung und menschlichen Kontakten. Meine Frau ist aus der Region, und über drei Ecken kam es zu dieser Einladung. Es hätte aber auch Osterkappeln sein können.

Zum Thema

Der Gottesdienst mit Dr. Eckart von Hirschhausen am Sonntag, 1. März, beginnt um 10.30 Uhr in der evangelischen Stadtkirche Westerkappeln.

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