Spannende Lesung von Leo G. Linder
Die Evangelisten im Kreuzverhör

Westerkappeln -

War Judas wirklich ein Verräter, der Jesus für 30 Silberlinge den Schergen preisgab, fragte sich der Autor und Dokumentarfilmer Leo G. Linder und kommt zu einem ganz anderen Ergebnis. Welches, präsentierte er am Donnerstag bei einer Lesung in der Stadtkirche.

Freitag, 13.03.2015, 17:03 Uhr

Der Autor Leo G. Linder las vor der Kulisse der Ausstellung „Menschenbilder“ aus seinem Buch „Judas, der Komplize. Die Wahrheit über den zwölften Jünger“.
Der Autor Leo G. Linder las vor der Kulisse der Ausstellung „Menschenbilder“ aus seinem Buch „Judas, der Komplize. Die Wahrheit über den zwölften Jünger“. Foto: Dietlind Ellerich

Die Geschichte des Jüngers Judas, der Jesus im Garten Gethsemane den Wachen ausliefert, ist ebenso hinlänglich bekannt wie die Redewendungen „Judaskuss“ oder „Judaslohn“, die sich des Klischees des Verräters Judas bedienen und in der deutschen Sprache gang und gäbe sind. Aber war Judas wirklich der Verräter, der Jesus für 30 Silberlinge den Schergen preisgab, fragte sich der Autor und Dokumentarfilmer Leo G. Linder und kommt zu einem ganz anderen Ergebnis.

Vor der Kulisse der Ausstellung „Menschenbilder“ liest der 66-Jährige am Donnerstag in der Stadtkirche aus seinem Buch „Judas, der Komplize. Die Wahrheit über den zwölften Jünger“. Schon im Titel macht er ohne Umschweife deutlich, worauf er hinaus will, und lässt einen fiktiven Ermittler die vier Evangelisten, die den „Fall Judas“ völlig unterschiedlich darstellen, ins Kreuzverhör nehmen und so der Wahrheit auf die Spur kommen.

Das ist ebenso unterhaltsam wie spannend und führt in der Stadtkirche zu einer kontroversen Diskussion der Menschen in den Kirchenbänken – miteinander und mit dem Autor.

Eigentlich verstünden die Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes ihr Handwerk, versichert Linder. „Bis sie an einem Punkt jämmerlich versagen – und das ist Judas“, hatte er vor Jahren beobachtet, als er die Vier in einem Rutsch gelesen hatte. „Sie wissen etwas, wollen aber nicht darüber reden“, glaubte er und fragte nach dem Warum.

Was wäre, wenn Jesus Judas ins Vertrauen gezogen, ihn zum Komplizen gemacht hätte, ihn seine Verhaftung hätte arrangieren lassen ? Für den Ermittler in Linders Buch, der in der Beweisaufnahme Wort für Wort die Widersprüche und Ungereimtheiten aufspürt, in die sich die Evangelisten verstricken, ist der vermeintliche Verräter Judas am Ende des Verhörs jedenfalls passé.

Genüsslich nimmt er Matthäus´ Entlarvungsszene beim letzten Abendmahl auseinander, begründet deren Schwäche mit der grundsätzlichen Schwäche des Ausgangsmaterials, die in dessen Fassung noch stärker ins Auge springe. Die Urfassung sei nämlich auf Verschleierung des wahren Sachverhalts angelegt.

„Natürlich wissen Sie das. Sie sind der Schriftsteller von uns beiden. Aber mir fällt es womöglich leichter, das auszusprechen“, fährt der Ermittler fort. Es sind kleine verbale Ohrfeigen wie diese, die das Zuhören zum Vergnügen machen. Und Leo G. Linder liest am Donnerstagabend vieler solcher Passagen.

„Die Teilnehmer erwarten neue spannende Ermittlungen mit einem ebenso überraschenden wie überzeugenden Ergebnis im Fall Judas“, hatte Mitorganisatorin Adelheid Zühlsdorf-Maeder angekündigt. Sie hat nicht zu viel versprochen.

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