Sprachförderung im Kindergarten
„Immer miteinander reden“

Westerkappeln -

Der umstrittene „Delfin 4“-Test ist Geschichte. Die Kompetenz zur Sprachstandsfeststellung wird seit Kurzem wieder den Kindergärten zuerkannt. Die Sprachförderung soll fortan in den Alltag der Kinder integriert werden. Wie das geht, konnten Eltern jetzt bei einem Infoabend in Erfahrung bringen.

Dienstag, 05.05.2015, 22:05 Uhr

Vorlesen und mit den Kindern über Bücher reden, gilt unter Experten als besonders probates Mittel zur Sprachförderung.
Vorlesen und mit den Kindern über Bücher reden, gilt unter Experten als besonders probates Mittel zur Sprachförderung. Foto: dpa

„So wie Sie´s heute hier erlebt haben, kurz, aber häufig und ganz bewusst“, beschreibt Anne Frickenstein die ideale Sprachförderung . „Sprache ist ein ganz wichtiger Schlüssel zur Bildung“, weiß die Leiterin der Grundschule am Bullerdiek, denn nur wenn Kinder Sprache beherrschten, könnten sie in der Schule gut mitarbeiten.

Zwei Jahre vor der Einschulung zu schauen, ob das Kind alle Buchstaben und Laute aussprechen kann sowie über einen altersgerechten Sprachschatz verfüge, sei deshalb sinnvoll, sagt Frickenstein.

Die beiden Westerkappelner Grundschulen und vier Kindertageseinrichtungen des Ortes hatten am Montagabend die Eltern der Vierjährigen gemeinsam zu einem Informationsabend ins „Haus der Wespe“ eingeladen. Thema: „Sprachstandsfeststellung und alltagsintegrierte Sprachförderung“, die ab diesem Jahr ganz andere Wege gehen.

Viele Jahre lang testeten Grundschullehrer die Vierjährigen in ihrer vertrauten Umgebung in den Kindergärten , erfassten deren Sprachstand nach „Delfin 4“ (steht für Diagnostik, Elternarbeit, Förderung der Sprachkompetenz In Nordrhein-Westfalen bei 4-Jährigen). Die Kritik an dem 2007 eingeführten Test wurde im Laufe der Jahre jedoch immer lauter. „Die Kinder waren oft eingeschüchtert, weil die Testsituation eben doch etwas Besonderes für sie war“, erinnert sich Heike Bulk , Leiterin des Anne-Frank-Kindergartens.

Mit Änderung des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) NRW im vergangenen Jahr wurde der Delfin-4-Test (fast) beerdigt. Nur Kinder, die keine Tagesstätte besuchen oder deren Eltern es ablehnen, den Sprachstand ihrer Söhne und Töchter nach neuem Verfahren feststellen zu lassen, müssen den Test im Auftrag des Schulamtes noch machen.

Für alle anderen wird die Kompetenz an die Kindergärten vergeben. Künftig solle der Sprachstand durch Beobachtung der Kinder festgestellt werden, erläutert Heike Bulk. Dazu solle es zwei verschiedene Bögen – für deutsche und für Migranten-Kinder – geben. Durch die Auswertung ergebe sich dann, ob und welcher Förderbedarf bestehe. Amtlich beschieden, wie bis vergangenes Jahr Gesetz, werde das Ganze nicht mehr, betont Bulk.

Noch sei das neue Verfahren zur Sprachstands­feststellung und Sprachförderung aber nicht im Detail geklärt, sagt die Leiterin des evangelischen Kindergartens Anne Frank. So müssten noch sogenannte Moderatoren für das Ausfüllen der Bögen ausgebildet werden.

Grundschulen und Kindertageseinrichtungen ziehen gemeinsam an einem Strang – (hinten v.r.):. Anne Frickenstein (Grundschule am Bullerdiek), Britta Höting (Grundschule Handarpe), Stephanie Grieger und Solveig Hoge (AWO-Kita), Veronika Kowalski (Familienzentrum St. Barbara); vorne von links: Heike Bulk, Ann-Katrin Hinnah und Anja Peters (evangelisches Familienzentrum) informierten die Eltern der vierjährigen Kinder über Sprachstandsfeststellung und alltagsintegrierte Sprachförderung.

Grundschulen und Kindertageseinrichtungen ziehen gemeinsam an einem Strang – (hinten v.r.):. Anne Frickenstein (Grundschule am Bullerdiek), Britta Höting (Grundschule Handarpe), Stephanie Grieger und Solveig Hoge (AWO-Kita), Veronika Kowalski (Familienzentrum St. Barbara); vorne von links: Heike Bulk, Ann-Katrin Hinnah und Anja Peters (evangelisches Familienzentrum) informierten die Eltern der vierjährigen Kinder über Sprachstandsfeststellung und alltagsintegrierte Sprachförderung. Foto: Dietlind Ellerich

Und bekamen die Kindergärten bislang im Falle eines durch „Delfin 4“ festgestellten Förderbedarfes pauschal rund 350 Euro Zuschuss für beispielsweise die Arbeit eines Logopäden, gebe es heute gar nichts mehr, bedauert Heike Bulk.

Nur anerkannte „plusKITAs“ – das sind Einrichtungen in Stadtteilen mit hohem Anteil von bildungsfernen Familien – bekommen ihr zufolge noch pauschal 5000 Euro im Jahr für die Sprachförderung. Dies sei zwar für eine „plusKITA“ wie den Anne-Frank-Kindergarten schön. Andere Einrichtungen, die ja durchaus auch Kinder mit Sprachproblemen betreuten, gingen hingegen leer aus.

In Zukunft sollen Sprachstandfeststellung und Sprachförderung der Vierjährigen in den Alltag integriert werden, idealerweise nicht nur im Kindergarten, sondern auch in der Familie. Die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos, wie der kleine Stationenlauf, den die Vertreterinnen der Kindergärten am Montag vorbereitet hatten, deutlich machte. Anhand von Spielen, Bilderbüchern, Alltagssituationen und Bewegung veranschaulichten sie, wie Sprachförderung ganz nebenbei erfolgen kann.

Egal ob Eltern mit ihrem Kind den Tisch decken, spazieren oder einkaufen gehen, Fußball, Memory oder Mensch-ärgere-dich-nicht spielen, Bilderbücher anschauen oder es zum Turnen bringen, „reden Sie mit­einander, lassen Sie sich etwas erzählen“, ermuntern die Lehrer und Erzieherinnen Mütter und Väter, laut, deutlich und vor allem richtig mit den Kleinen zu sprechen.

Um das Kind nicht zu entmutigen, sollten Eltern zudem darauf verzichten, es ausdrücklich auf Fehler hinzuweisen, sondern es vielmehr korrigierend bestätigen. „Sprache findet immer statt“, das ist den Fachfrauen ebenso bewusst wie die Tatsache, dass Sprachförderung im gewohnten Umfeld und im Spiel viel intensiver erfolgen kann.

„Sie haben noch zwei Jahre Zeit, ganz locker und ohne Druck zu üben“, legte Schulleiterin Frickenstein den Eltern ans Herz, Ruhe zu bewahren.

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