Unfallsimulator hinterlässt bei Lkw-Fahrern nachhaltigen Eindruck
Überschlag mit Ansage

Westerkappeln-Velpe -

Seit zwölf Jahren sitzt Henry Sellner auf dem Bock. Seit zwölf Jahren fährt er unfallfrei. Und jetzt hat der Lkw-Fahrer zwei Crashs an einem Tag. Aber alles kein Beinbruch, nix passiert. Denn der Ibbenbürener hat seine Kaffeepause für eine „Runde“ im Überschlagssimulator genutzt.

Dienstag, 07.07.2015, 16:07 Uhr

Kein Kirmesspaß: Die Überschläge im Simulator machen den Testpersonen deutlich, wie hilflos sie in solchen Momenten sind.
Kein Kirmesspaß: Die Überschläge im Simulator machen den Testpersonen deutlich, wie hilflos sie in solchen Momenten sind. Foto: Frank Klausmeyer

Seit zwölf Jahren sitzt Henry Sellner auf dem Bock. Seit zwölf Jahren fährt er unfallfrei. Und jetzt hat der Lkw-Fahrer zwei Crashs an einem Tag. Erst ein Aufprall aufs Stauende, dann ein Überschlag. Aber alles kein Beinbruch, nix passiert. Denn der Ibbenbürener hat seine Kaffeepause auf dem Autobahnparkplatz Brockbachtal-Nord für eine „Runde“ im Überschlagssimulator genutzt.

Gemeinsam mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat und der Berufsgenossenschaft Verkehr ist das Polizeipräsidium Münster in dieser Woche an der A 30 mit dem riesigen Gerät und einem Lkw-Gurtschlitten vor Ort, um Brummi-Fahrer zum Anlegen der Sicherheitsgurte zu motivieren.

bei einem Aufprall werden die zigfachen Kräfte des eigenen Körpergewichts frei, lässt sich Kraftfahrer Henry Sellner nach dem Crashtest mit dem Gurtschlitten von einem Experten des Deutschen Verkehrssicherheitsrates erläutern.

bei einem Aufprall werden die zigfachen Kräfte des eigenen Körpergewichts frei, lässt sich Kraftfahrer Henry Sellner nach dem Crashtest mit dem Gurtschlitten von einem Experten des Deutschen Verkehrssicherheitsrates erläutern. Foto: Frank Klausmeyer

„Mehr als 30 Prozent der Lkw-Fahrer sind unangeschnallt unterwegs, nachts sind es wohl noch mehr – oft aus Bequemlichkeit“, weiß Polizeihauptkommissar (PHK) Christoph Becker aus langjähriger Erfahrung.

Der Verkehrssicherheitsberater war viele Jahre bei der Autobahnpolizei und hat schon schlimme Unfälle en masse gesehen. Heute wird der 58-Jährige noch für den Opferschutz an die Unfallstellen gerufen oder er übernimmt die undankbare Aufgabe, Angehörige von Schwerverletzten und Getöteten zu informieren.

„Von den Lkw-Fahrern, die hier einsteigen, sind die meisten anschließend geläutert“, ist der Polizeibeamte überzeugt.

Henry Sellner fährt seinen 40-Tonner immer mit Gurt, sagt er. Viele Jahre war er Feuerwehrmann und so manches Mal bei der Bergung von Unfallopfern dabei. Nach dem Crashtest heute zieht er künftig vor dem Start den Gurt aber wohl noch ein bisschen fester.

Zuerst steigt der gelernte Koch in den Gurtschlitten. Nach einer kurzen Einweisung katapultiert ihn die Maschine nach vorne und stoppt abrupt. Sellner ist natürlich angegurtet. „Das merkt man trotzdem“, wundert er sich über die Kräfte, die da wirken. Dabei war der Schlitten mit nur 10,5 Kilometern pro Stunde (km/h) unterwegs. Bei seinem Gewicht von um die 100 Kilogramm drücken ihn dabei jedoch fast sechseinhalb Zentner nach vorne. Ohne Gurt endet so ein leichter Aufprall vermutlich an der Windschutzscheibe. „Bei 80 km/h wirken bei so einem Körpergewicht mehr als 24 Tonnen. Der wäre tot“, macht PHK Becker die drastischen Folgen deutlich. Zumal ein Lastwagen keine Knautschzone hat. Dennoch: Bei drei von vier schweren Unfällen könne der Gurt die Verletzungen der Lkw-Insassen vermindern oder gar vermeiden, betont Becker.

Aktionstage „Hat‘s geklickt?“

Mehr als ein Drittel der Fahrer und Beifahrer im gewerblichen Güterverkehr verzichten nach Polizeiangaben noch immer darauf, den Gurt anzulegen. Vor diesem Hintergrund veranstaltet das Polizeipräsidium Münster mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat und der Berufsgenossenschaft Verkehr vom 6. bis 9. Juli die Aktionstage „Hat‘s geklickt?“. Erstmalig finden diese an der Raststätte „Brockbachtal-Nord“ an der Autobahn 30 in Westerkappeln-Velpe statt.Polizeihauptkommissar Christoph Becker rechnet damit, dass bis zum Abschluss am Donnerstag etwa 450 bis 500 Lkw-Fahrer in den Simulator einsteigen werden. Bei Interesse dürften auch Autofahrer den Crashtest machen. „Es kommen auch viele Fahrschulen her“, berichtet Becker. Überdies haben einige Feuerwehren aus der Umgebung Besuche angesagt.Die Annahme, Lkw-Fahrer aus Osteuropa, sind besonders oft ohne Gurt unterwegs, trifft laut Verkehrssicherheitsberater Becker nicht zu. Eher sei das Gegenteil der Fall. „Die wissen, dass ein Verstoß gegen die Gurtpflicht 30 Euro kostet. Für die Leute sind die oft mehr wert als für deutsche Fahrer

...

Die nächste Fahrt geht rechtsrum: Sellner klettert in den Überschlagssimulator, schnallt sich an und wartet, was passiert. Mit einem Ruck dreht sich das Führerhaus erst auf die Seite, dann um 180 Grad auf den Kopf. Ohne Gurt würde der Ibbenbürener gegen den Dachhimmel stürzen, was bei der Bauhöhe einer Lkw-Kabine in etwa einem Fall von der Wohnzimmerdecke entspricht.

Ohne Gurt fühlen sich manche Lkw-Fahrer sicherer, berichtet Christoph Becker, Verkehrssicherheitsberater bei der Polizei. Das sei natürlich ein fataler Irrtum.

Ohne Gurt fühlen sich manche Lkw-Fahrer sicherer, berichtet Christoph Becker, Verkehrssicherheitsberater bei der Polizei. Das sei natürlich ein fataler Irrtum. Foto: Frank Klausmeyer

Während sich die Welt um Sellner dreht, fliegen ihm weiche Polster und allerlei Stofftiere um die Ohren. Das tut nicht weh, zeigt aber eindrucksvoll, was mit Gegenständen geschieht, die der Trucker meist achtlos mit an Bord führt. „Eine Coladose oder ein Handy entwickeln bei einer Vollbremsung mit 50 km/h die Kraft eines Kalksandsteins. Da kann sich jeder ausrechnen was passiert“, ermahnt Verkehrssicherheitsberater Becker nicht nur Lkw- wie auch Autofahrer, ihre sieben Sachen unterwegs stabil zu verstauen.

Henry Sellner fährt ziemlich aufgeräumt über die Straßen, sagt er. Obwohl, einen Kaffeebecher, eine Wasserflasche oder die Arbeitstasche im Mittelschacht sind bei genauerer Betrachtung wohl nicht immer ideal untergebracht. „Da mache ich mir jetzt schon Gedanken, das lieber wegzuräumen.“ Immerhin: Seinen ständigen Beifahrer – ein Stofftier – schnallt Sellner immer an.

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