Landrat Thomas Kubendorff zieht Bilanz nach 16 Jahren im Amt
Viel getan fürs Tecklenburger Land

Westerkappeln -

„Bis zum Sommer ist volles Programm“, sagt Thomas Kubendorff, der das erstens nicht anders kennt und zweitens überhaupt noch nicht im „Abschiedsmodus“ ist. Der Landrat zieht aber schon mal Bilanz nach 16 Jahren im Amt.

Freitag, 21.08.2015, 05:08 Uhr

So kennt man ihn: Landrat Thomas Kubendorff (59; CDU) lächelnd – diesmal vor dem Kreishaus in Steinfurt.
So kennt man ihn: Landrat Thomas Kubendorff (59; CDU) lächelnd – diesmal vor dem Kreishaus in Steinfurt. Foto: Peter Henrichmann

Keine Chance: Zu dem Termin konnte Thomas Kubendorff , Landrat und wohl deshalb Kreismeister im Zu-spät-kommen, gar nicht unpünktlich sein. Denn wir sind ihm „auf die Pelle gerückt“, zu einem Bilanz- aber bitte noch nicht zu einem Abschiedsgespräch. Neulich war das ...

Neulich im Kreishaus. Viele, sehr viele und gefühlt noch mehr Kilometer weit weg von Westerkappeln und dem TE-Land. Steinfurt , das ist fast eine Weltreise ... 8.55 Uhr, fünf Minuten vor der Zeit. Kubendorff begrüßt zwei Redakteure auf dem Flur. Handschlag in der Teppichbodenetage. Beste Laune, strahlendes Lächeln, er ist locker drauf, eigentlich wie immer. Ist nett, ist freundlich, ist offen. Ja, er freut sich auf dieses Gespräch. Landratsbüro. „Kommen Sie rein, Kaffee?“ Klar – es wird was dauern.

„Bis zum Sommer ist volles Programm“, sagt Kubendorff, der das erstens nicht anders kennt und zweitens überhaupt noch nicht im „ Abschiedsmodus “ ist. Nicht sein möchte. Doch seine Stimmungslage ist ein wenig zwiegespalten. Ja, es blutet das Herz ... welch’ Wunder: Nach einem Jahr fulminantem Wahlkampf wurde der Mann aus dem Niederbergischen 1999 Landrat im Kreis ST. Sein Sieg, persönlich. Ein CDU-Sieg, parteilich. CDU , da gehört er hin, auch wenn er das mit der Partei nie raushängen lässt.

Da habe ich oft schon so ein OS-Feeling...

Thomas Kubendorff über Lotte

„Es gibt jetzt viele letzte Male“, sagt er, denkt an Themen und Projekte, die sich für ihn dem Ende entgegen neigen. Denkt an Treffen und Kontakte, die es in Zukunft so nicht mehr geben wird. Kubendorff (er ist 59) hört auf. 16 Jahre – „es ist auch Erleichterung dabei“, sagt er. Druck, der Terminkalender war picke-packe voll. Immer. „Man wird nicht jünger ...“, lächelt er. Der Mann, der sie alle total überrascht hat mit seiner ganz persönlichen, ganz privaten, ganz plötzlichen Nicht-mehr-Landrat-Entscheidung.

Lebenslauf

Thomas Kubendorff, geb. 1956, verheiratet, Ehefrau Elke, Vater zweier Kinder, katholisch. Elternhaus CDU-geprägt, Vater Ratsherr. Volksschule in Heiligenhaus im Niederbergischen Kreis Mettmann, Gymnasium in Velbert. Jura in Bochum, Start der Laufbahn als Rechtsrat der Stadt Ratingen; elf Jahre als Beigeordneter für Recht, Ordnung, Liegenschaften, Soziales, Jugend, Sport, Umwelt der Stadt Hattingen. CDU seit 1973. 1999 erste Direktwahl zum Landrat in Steinfurt mit 53,7 Prozent, 2005 zweite Wahl mit 60,2 Prozent, 2009 dritte Wiederwahl mit 54,5 Prozent. Sport: Reiten, Schwimmen, Indoor Cycling. Lesen: englische Krimis; er mag klassische Musik. Seit 2004 Präsident/Vizepräsident des NRW-Landkreistages Düsseldorf, seit Sommer 2011 Vizepräsident des deutschen Landkreistages Berlin. Zweckverbandsvorsitzender der Kreissparkasse Steinfurt, aktiv in zahlreichen weiteren Funktionen/Ämtern.

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Er geht – und er wird gerne zurückschauen auf seine 16 Jahre im Kreis ST, der auch heute noch ein Konstrukt ist zwischen Steinfurt und Tecklenburger Land . Zwischen der Kreisstadt nahe Münster und der Bergbauregion. „Man merkt es schon, dass es eine eigene Identität gibt im Tecklenburger Land“, sagt Kubendorff. Und spricht ganz vorsichtig von „Ruhrgebietsmentalität“, die er gerne mag. Im Steinfurter Land, sagt er, ist es eher die westfälische Mentalität, eher der Sack Salz. Insgesamt aber „ist das doch schon deutlich besser geworden mit der Einheit und der Einigkeit im Kreis. Unterschiede wird es immer geben, das ist historisch gewachsen“, sagt er. Und findet das ganz normal.

Da bin ich besonders stolz drauf im Tecklenburger Land. Das ist wohl deutschlandweit rekordverdächtig, was dort geleistet wird.

Kubendorff über Bürgerradwege

Obwohl: Wenn’s darum geht, den einen oder anderen Teil des Kreises bevorzugt zu haben, wird der Landrat pingelig. Er hat eine lange Liste vorbereiten lassen, mit dem Finger geht er die Spalten runter (am Beispiel Straßenbau), schaut hoch und sagt: „Die Finanzen sind immer gleich verteilt gewesen!“ Man hört es, das Rufzeichen hinter diesem Satz, den er auf alle Bereiche bezogen wissen will. „Dass dem Tecklenburger Land alles weggenommen wird, das stimmt doch gar nicht“, sagt Kubendorff, angesprochen z. B. auf das Thema Schließung des Gesundheitsamtes Ibbenbüren. Er blickt lieber auf Synergieeffekte durch die Konzentration der Abteilungen der Kreisverwaltung in Steinfurt: „Wir sparen 900 000 Euro pro Jahr, in zehn Jahren neun Millionen Euro. Da kann man nicht ,Nein’ sagen.“

Und um den Eindruck, das TE-Land komme zu kurz, endgültig zu verwischen holt Kubendorff aus zu einer Tolle-Sachen-Aufzählung. Mit den Chefs fängt er an: Der Mann aus ST hat intensiv und vertrauensvoll mit den Bürgermeistern der Region zusammengearbeitet. Kellinghaus, Pohlmann, Steingröver, Kellermeier – alles prima. Mit Ullrich Hockenbrink aus Westerkappeln hat er manchen Strauß ausgefochten, sich aber stets schnell wieder vertragen.

Toll auch die Schulen: Die Berufskollege im TE-Land, meint er, „machen die dollsten Geschichten.“ Die Janusz-Korczak-Schule lobt er, den Technologie-Transfer von der FH-Steinfurt ins Tecklenburger Land, die Breitband-Internet- und die Leader-Projekte, Radwege, Wanderwege, Kirchwege und, und, und: „Die Menschen kennen die Projekte gar nicht. Aber sie profitieren davon“, sagt er. Apropos profitieren: „So ein Quatsch, was habt ihr denn da gemacht?“, erinnert er sich lebhaft an die Diskussion um die Autobahn-Abfahrt A 30-West. Ein Projekt, bei dem er (der Kreis) als Impulsgeber mit der Ansiedlung der Straßenmeisterei dabei war. „Mir ist ein Stein von Herzen gefallen, jetzt läuft es richtig da. Schierloh ist das perfekte Gewerbegebiet.“

Es gibt sie, die Sachen auf die er stolz ist. Gravenhorst. Das neue Leben im alten Kloster, des Landrats Augen glänzen: „Ja, ich bin uneingeschränkt stolz darauf“, sagt er, „ich habe das maßgeblich unterstützt. Der Kreis hat da ein Pfund mit dem er wuchern kann.“ Gravenhorst, das ist für die Bürger und für die Kultur. „Gravenhorst beweist, dass Kultur einen Platz hat im ländlichen Raum“, sagt Kubendorff. Und räumt ein, dass viel Geld ausgegeben wurde. „Aber es wurde richtig ausgegeben...“

Das ist ja nun mal das Zentrum des Tecklenburger Landes.

Kubendorff über osnabrück

Keine Zweifel – wohl auch weil Gravenhorst ein Baustein ist in einem Bereich, der quasi Landrats Steckenpferd ist: Tourismus. „Da ist das Tecklenburger Land historisch stark. Und es hat sich auch viel getan, Tourismus spielt hier eine weitaus größere Rolle als im Raum Steinfurt.“ Hermannsweg, Hermannshöhen, Teuto­schleifen Wanderwege, MS-Land-Reitroute – „der Tourismus ist eine Riesenchance für die ganze Region“, sagt er, der im Vorstand des Vereins TE-Land Tourismus ist und das „auch persönlich immer unterstützt hat.“ In Berlin, wie er sich flugs erinnert, hat er die Bundestagsmitglieder „bearbeitet“ in Sachen Terra-Vita Geo-Park und fürs Unesco-Siegel.

Da ist viel Licht – und nun Zeit für eine Frage an den Landrat in Richtung Schattenseite. Die Frage danach, ob es nicht dunkel wird, wenn in der Zeche die Lichter ausgehen? Hopsten, Recke, Westerkappeln, Mettingen – Probleme? Kubendorff hat Meinungen dazu: Hopsten bescheinigt er eine „gesunde mittelständische Wirtschaft“. Mettingen sieht er als „wunderschönen Ort mit guter Einzelhandelstruktur und regem Vereinsleben.“ Recke hingegen macht ihm „etwas Sorgen, da ist nicht viel ...“ Ganz sicher ist Kubendorff, das man dort „vor Ort was tun muss!“ Im Oberzentrum arbeiten und auf dem Land wohnen spricht er ein Lieblingsthema, die Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn, an. Und die Schulstandorte zu erhalten findet er wichtig, „die Bürgermeister Kellermeier und Rählmann haben das verstanden.“

„Die Zeche hat mich immer begleitet“, blickt Kubendorff zurück. In den 16 Amtsjahren „haben wir lange dafür gekämpft. Aber irgendwann war klar, dass das gelaufen ist. Brüssel, Berlin, Düsseldorf, wir mussten einsehen, dass uns keiner unterstützt.“ Er ist – man merkt das – immer noch enttäuscht, ja vielleicht sogar sauer: „Berlin hat dicht gemacht. Es ist ja nie ernsthaft überlegt worden, ob und wie man das mit der Zeche weitermachen kann. Irgendwann hab’ auch ich die Flügel gestreckt.“ Man kann, auch ein Landrat kann, nicht immer gewinnen.

Und jetzt? „Wir müssen Arbeitsplätze finden für die sehr gut ausgebildeten Menschen von der Zeche. Das sind gute Fachkräfte, die kommen unter“ – Optimismus, das kann der Landrat. Gründe dafür hat er: 75 Hektar neue, zusätzliche Gewerbefläche für die Bergbauregion stimmen ihn zuversichtlich. „Die Verteilung der Flächen zwischen den Kommunen ist nicht entscheidend. Die Region muss Arbeitsplätze bekommen!“

Tja – irgendwann endet der Rückblick. Auch wenn Thomas Kubendorff den Abschiedsmodus so sehr hasst, seine Tage im Chefbüro sind endlich: „Ob ich viel getan habe fürs Tecklenburger Land? Ja! Ich habe die Region gut unterstützen können.“ Ein perfektes Schlusswort für einen Rückblick.

Thomas Kubendorff, der Landrat im Abschiedsmodus, er hat sich Zeit genommen neulich in Steinfurt. Viel Zeit für den Rückblick auf 16 Jahre Arbeit auch und sehr gerne für das Tecklenburger Land.

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