Zu viel Nitrat im Grundwasser?
„Handlungsbedarf beim Wasser“

Westerkappeln/Tecklenburger Land -

Wie viel Nitrat darf das Grundwasser haben? Und ist das Trinkwasser gefährdet? Wie erklären sich die schlechten Werte für Westerkappeln? – Fragen über Fragen – ein Interview.

Dienstag, 29.12.2015, 07:12 Uhr

Wasser ist ein kostbares Gut: Schon seit Jahren sind die Nitratwerte im Grundwasser des Kreises Steinfurt alles andere als gut. Das hat Auswirkungen auf die Gewinnung des Trinkwassers, auch wenn dieses Trinkwasser gute Qualität hat.
Wasser ist ein kostbares Gut: Schon seit Jahren sind die Nitratwerte im Grundwasser des Kreises Steinfurt alles andere als gut. Das hat Auswirkungen auf die Gewinnung des Trinkwassers, auch wenn dieses Trinkwasser gute Qualität hat. Foto: dpa

Der Nitratwert in deutschem Grundwasser ist oft höher als erlaubt. Deshalb droht ein Verfahren seitens der EU. Nitrat ist eigentlich ungiftig, kann aber im Magensaft zu Nitrit werden. Dies steht im Verdacht, krebserregend zu sein.

Aber auch Pestizide und Antibiotika machen dem Grundwasser zu schaffen. In Nordrhein-Westfalen kann deshalb bereits aus rund 40 Prozent aller Grundwasservorkommen ohne entsprechende Aufbereitung kein Trinkwasser mehr gewonnen werden, hatte der WDR recherchiert.

Dr. Detlef Schmeer, Leiter des Gesundheitsamtes des Kreises Steinfurt, und Heiner Bücker, Leiter des Umwelt- und Planungsamtes, beantworten Fragen unserer Zeitung zu dem Thema.

Der technische Leiter und Prokurist der Stadtwerke Emsdetten hat kürzlich bei einer Veranstaltung erklärt „Wir leben in einer ländlichen Idylle, doch beim Grundwasser sind wir eine Krisenregion“ – teilen Sie diese Auffassung?

Heiner Bücker: Auch der Kreis Steinfurt sieht Handlungsbedarf, u

Heiner Bücker

Heiner Bücker Foto: Kreis Steinfurt

m die Nitratbelastung zu vermindern. Die verantwortliche Bewirtschaftungsbehörde für die Grundwasserqualität (hier: Nitrat) ist das Land. Das Land NRW hat zum Vollzug der Düngemittelverordnung die Landwirtschaftskammer beauftragt.

Seit 2009 ist es im gesamten Kreisgebiet zu einer Verschlechterung des chemischen Zustandes des Grundwassers gekommen. Was hat das für Folgen?

Bücker: Durch die Verschlechterung können die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie nur mit Anstrengungen eingehalten werden. Die Brüsseler EU-Behörde kann in

Dr. Detlef Schmeer

Dr. Detlef Schmeer Foto: Kreis Steinfurt

diesem Zusammenhang Vertragsverletzungsverfahren einleiten. Weiterhin ist die Verschlechterung des chemischen Zustandes des Grundwassers für die Trinkwasserversorgung sehr bedenklich. Sofern keine Besserung eintritt und die Nitrat-Grenzwerte der Trinkwasserverordnung zukünftig durch die Wasserversorger nicht mehr eingehalten werden können, ist eine kostenintensive Aufbereitung (Denitrifikation) erforderlich.

Gilt die Verschlechterung für den ganzen Bereich Kreis Steinfurt oder gibt es Gebiete, die besonders betroffen sind?

Bücker: Nach den Ergebnissen des Landes hat sich der chemische Zustand zwischen dem ersten Bewirtschaftungsplan 2009 und dem zweiten Bewirtschaftungsplan 2015 insbesondere in den Bereichen Rheine links der Ems und Westerkappeln verschlechtert.

Ist das Grundwasser ungefährlich für Verbraucher? Und Stichwort Trinkwasser: Kann ich noch ohne Bedenken jeden Tag mehrere Liter Leitungswasser trinken? Und auch die Kinder?

Detlef Schmeer: Das Trinkwasser der öffentlichen Wasserversorger wird aus Vorkommen gewonnen, die durch Wasserschutzgebiete besonders vor Verunreinigungen geschützt sind. Die Trinkwasserqualität wird engmaschig kontrolliert. Das Trinkwasser der Wasserversorger im Kreis Steinfurt ist hochwertig und qualitativ einwandfrei. In unserem Leitungswasser werden die Grenzwerte der Trinkwasserverordnung deutlich unterschritten. Das Trinkwasser kann bedenkenlos getrunken werden. Auch für Kinder ist das öffentliche Trinkwasser im Kreis Steinfurt gesundheitlich absolut unbedenklich und ohne Einschränkung trinkbar.

Das Münsterland ist offenbar besonders stark betroffen? Warum? Haben wir hier besonders viele Intensivtierhaltungen, Biogasanlagen oder Ausbringen von Gärresten?

Bücker: Auch das Münsterland gehört zu den Intensivtierhaltungsregionen in Deutschland. Verschärft wurde die Situation insbesondere durch den Bau von Biogasanlagen im Rahmen der Energiewende. Insbesondere die Verwertung von Gärresten (hier: pflanzlicher Herkunft) ist in der bestehenden Düngeverordnung nicht geregelt.

Was muss geschehen?

Bücker: In der neuen Düngeverordnung sollte der Gesamtstickstoff (tierisch und pflanzlich) berücksichtigt werden. Weiterhin sind Festlegungen bezüglich der Ausbringungszeiten von Gülle und Dünger zu treffen. Darüber hinaus sind Verbesserungen zum Lagervolumen anzustreben. Die bisherige Vorgehensweise der Landwirtschaftskammer durch Beratung der Landwirte eine Reduzierung des Stickstoffeintrages zu erreichen, sollte konsequent weiter gegangen werden. Neue Strategien bedürfen auch hier der politischen Willensbildung auf Bundes- und Landesebene.

Was kann der Kreis Steinfurt tun?

Bücker: Der Kreis Steinfurt kann die politischen Gremien und die Bürger über die Grundwassersituation informieren. Das ist zum Beispiel in der Umweltausschusssitzung im Mai geschehen. Des Weiteren überprüft die Untere Wasserbehörde des Kreises Steinfurt im Rahmen des vorsorgenden Gewässerschutzes die landwirtschaftlichen Betriebe. Diese Überprüfung bezieht sich lediglich auf die Lagerung von Gülle/Jauche, Silagen und wassergefährdende Stoffe.

Emsdettens Stadtwerke-Chef hat gefordert, dass die Landwirtschaft stark eingeschränkt werden müsse. Das betrifft sicherlich auch die Intensivtierhaltung. Ist das überhaupt derzeit möglich? Kann der Kreis als Genehmigungsbehörde da regulierend einwirken?

Bücker: Der Kreis hat keine Befugnis, die landwirtschaftliche Nutzung einzuschränken. Er ist zuständig für die Genehmigung von Tierhaltungsanlagen nach dem Bau- oder Immissionsschutzgesetz. Soweit die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden, ist er zur Genehmigung verpflichtet. Der Bundesgesetzgeber hat im § 35 des BauGB festgelegt, dass Tierhaltungsanlagen im bauplanungsrechtlichen Außenbereich nicht mehr privilegiert sind, die einer standortbezogenen oder allgemeinen Vorprüfung oder einer Umweltverträglichkeitsprüfung nach dem UVPG unterliegen. Derartige Anlagen (ab beispielsweise 1500 Mastschweine, ab 560 Sauen, ab 700 Rinder, 500 Kälber) bedürfen daher einer Ausweisung in einem Bauleitplan.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3708585?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F188%2F4852242%2F4852243%2F
Großfeuer am FMO: Ursache bislang unklar
Die betroffenen Fahrzeuge auf den Ebenen 1 und 2 verbrannten bis zur Unkenntlichkeit. Insgesamt waren 72 Autos betroffen.
Nachrichten-Ticker