Ein Tag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Langes Warten auf den Neuanfang

Westerkappeln -

Nor und Mosaab sind aus Syrien vor den Bomben und dem Terror geflohen. Die beiden wollen, dass ihr Sohn in einem sicheren Zuhause aufwächst. Deshalb ist die junge Familie jetzt gemeinsam mit 73 weiteren Flüchtlingen aus Westerkappeln nach Bielefeld in die dortige Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefahren. Unsere Zeitung hat sie begleitet.

Dienstag, 12.04.2016, 16:04 Uhr

Unruhig und laut geht es im Warteraum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld zu.
Unruhig und laut geht es im Warteraum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld zu. Foto: Karin C. Punghorst

Laith ist fünf Monate jung. In Ibbenbüren hat der kleine Junge das Licht der Welt erblickt – zwei Tage nachdem seine Eltern Nor und Mosaab in Westerkappeln angekommen waren. Das junge Paar kommt aus Syrien. Sie sind geflohen vor den Bomben und dem Terror in ihrer Heimat. Die Eltern wollen, dass ihr Sohn in einem sicheren Zuhause aufwächst. Sie hoffen, in Deutschland bleiben zu können. Deshalb ist die junge Familie jetzt gemeinsam mit 73 weiteren Flüchtlingen aus Westerkappeln nach Bielefeld in die dortige Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefahren. Die Westfälischen Nachrichten haben die Fahrt begleitet.

Mit zwei Bussen geht es früh morgens um 6 Uhr los. Rebecca Stratmann und Edina Mesic von der Gemeindeverwaltung haben die Fahrt organisiert. Daniela Krause und Michael Marfels sind als ehrenamtliche Helfer dabei.

In der Morgendämmerung rollen die Busse über den Asphalt nach Bielefeld. Laith kriegt von all dem wenig mit. Er schläft auf dem Arm seiner Mutter. Wie auch die anderen Säuglinge im Bus. Die etwas größeren Kinder schauen neugierig aus dem Fenster und lassen die Landschaft an sich vorbeiziehen. Der Himmel bricht auf, die Sonne kommt zum Vorschein, der Horizont weitet sich. Es scheint, ein guter Tag zu werden.

Für die Flüchtlinge ist er besonders wichtig. Viele haben lange auf den Termin gewartet. Einige müssen noch registriert werden. Andere haben heute ihre Anhörungen. Es ist ein Tag, der lang und anstrengend wird. Aber am Ende haben alle etwas geschafft und erledigt. Auch aufgrund der in Bielefeld geführten Gespräche wird entschieden, ob sie bleiben können. Es geht um ihren Asylantrag. Um ihre Zukunft. Um ihr Ziel, ein Leben in Sicherheit führen zu können.

Von morgens, 7.30 Uhr sind die Flüchtlinge im Wartebereich. Gegen 16.30 Uhr geht es zurück nach Westerkappeln, auch für Mosaab und seine Frau Nor mit Sohn Laith.

Von morgens, 7.30 Uhr sind die Flüchtlinge im Wartebereich. Gegen 16.30 Uhr geht es zurück nach Westerkappeln, auch für Mosaab und seine Frau Nor mit Sohn Laith. Foto: Karin C.Punghorst

Einladend wirkt der große rot verklinkerte Bau in Bielefeld nun gerade nicht. Über eine enge Treppe geht es ins Gebäude. Alle sind hilfsbereit. Jeder packt mit an, Kinderwagen und Proviant werden geschleppt und nach oben gewuchtet. Einzeln geht es am Pförtner vorbei, der freundlich, aber bestimmt die Anmeldung erledigt. Zur gleichen Zeit kommt eine weitere Gruppe aus Tecklenburg an.

Gut 150 Leute sind jetzt im Wartebereich. Ein großer Raum. Karge Wände. Tische und Stühle. Rebecca Stratmann hat einen Wasserkocher mitgebracht. Es gibt löslichen Kaffee.

 

Viele Menschen, viele Geschichten, viele Schicksale

 

Außenstelle in Bielefeld

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat seinen Hauptsitz in Nürnberg. Über seine dezentrale Struktur mit Außenstellen in allen Bundesländern ist das Amt in ganz Deutschland präsent. Die Außenstellen führen die Asylverfahren durch, sind als sogenannte Regionalstelle der Ansprechpartner für die Träger von Integrationsmaßnahmen und verantwortlich für die Integrationsarbeit vor Ort und nehmen Migrationsaufgaben wahr, heißt es auf der Homepage des BAMF.  

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Und auch Laith ist mittlerweile wach geworden. Seine Mutter pellt ihn aus dem warmen Schneeanzug. Der junge Mann liegt auf ihrem Schoß. Freundlich, schüchtern blicken sich beide um. Nor berichtet in gebrochenem Englisch, dass sie mit ihrem Ehemann von Latakia in Syrien zu Fuß in die Türkei gelangt war. In einem dortigen Flüchtlingscamp bekam sie von ärztlicher Seite bescheinigt, dass sie schwanger ist und erhielt einen Mutterpass.

Es ging weiter nach Griechenland über das Meer. Sie bezahlten viel Geld für ihre Plätze in einem Boot. Nor zeigt ein Bild auf ihrem Handy: Ein Schlauchmotorboot liegt an den Klippen im Meer. Unter anderem Umständen wäre es als Urlaubsfoto durchgegangen. Für die beiden war es aber eine gefährliche Überfahrt. Das Boot war (über)voll mit Menschen. Von Griechenland gelangten die Eheleute schließlich über die Balkanroute nach Deutschland und landeten in Westerkappeln.

Irgendwann wird Nor ihrem Sohn vielleicht von der Flucht erzählen. In ein paar Jahren. Wenn er ein wenig älter ist, so wie die vielen Mädchen und Jungen im Wartesaal um ihn herum. Einige von ihnen gehen schon in den Kindergarten. Beim BAMF gibt es keine Spielmöglichkeiten in dem großen Raum.

Einen wenig einladenden Eindruck macht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld.

Einen wenig einladenden Eindruck macht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bielefeld. Foto: Karin C.Punghorst

Jemand aus der Gruppe hat wenigstens Papier und Buntstifte mitgebracht. Daniela Krause malt mit den Kindern. Schiffe werden gebastelt. Immer wieder faltet die ehrenamtliche Helferin Papier: „Himmel und Hölle“, das Schnappspiel finden die Kinder besonders toll. Später am Nachmittag startet Michael Marfels mit den Mädchen und Jungen eine Polonaise durch den Raum. Trotz des stundenlangen Wartens sind die Kinder gut drauf – als ob sie es gewohnt sind, so lange auszuhalten und zu warten.

Und Laith? Der ist wieder eingeschlafen. Der Trubel um ihn herum kann ihm nichts anhaben. Seine Eltern wurden immer noch nicht aufgerufen. Nebeneinander sitzen sie an der Fensterseite des großen Wartesaals.

Gegenüber hat sich eine Traube junger Männer gebildet. Sie stehen direkt vor der Absperrung, hinter der es durch eine Glastür auf einen Gang geht. In den dortigen Büros geht das formale Prozedere über die Bühne. Viel ist nicht zu erkennen. Die Presse ist dort nicht zugelassen. Eine schriftliche Anfrage beim BAMF in Nürnberg wurde mit Verweis auf die hohe Arbeitsbelastung in den Außenstellen abgelehnt.

  Foto: Karin C. Punghorst

Die zuständigen Mitarbeiter kommen in den Warteraum und sagen den Namen desjenigen, der als nächstes dran ist. Stünden dort nicht die Männer, die den jeweiligen Namen lautstark in den Warteraum rufen, wüsste keiner, wer als nächstes zu erscheinen hat. Der Lärmpegel ist einfach zu groß. Es gibt weder Anzeigentafel noch Lautsprecher. Doch das Rufsystem der Männer funktioniert.

Es dauert mehrere Stunden, bis der Name Mosaab endlich erschallt. Laith ist auf dem Arm seiner Mutter. So gehen die Eltern gemeinsam mit ihrem Sohn zu ihrer Anhörung. Erleichtert und erschöpft sehen sie aus, als sie wieder zurück in den Wartesaal kommen. Grund dafür ist auch, dass der kleine Laith jetzt den Nachnamen seines Vaters trägt, so wie es in vielen arabischen Familien üblich ist. Irrtümlich war auf der Geburtsurkunde der Nachname der Mutter eingetragen worden. Dieser Fehler hat die Muter schwer belastet. Jetzt ist alles in Ordnung.

Mittlerweile ist es früher Nachmittag. Alle haben etwas gegessen. Die Westerkappelner Gruppe ist gut vorbereitet, dank der guten Organisation seitens Rebecca Stratmann und Edina Mesic. Jeder hat Proviant dabei.

Laith ist wieder eingeschlafen. Seine Mutter erzählt, dass sie in Syrien in einer Apotheke arbeitete. Sie ist 26, ihr Mann Mossab 27 Jahre alt. Er war im Lebensmittelhandel tätig und lieferte Waren mit einem Lkw aus. Jetzt wollen sie Deutsch lernen, einen Job finden und arbeiten. „Germany is beautiful“, sagt Nor.

Laith wird wach. Er braucht eine frische Windel. Nor hat alles dabei. Gut gebrauchen kann sie die Wickelunterlage. Die hygienischen Verhältnisse in der Außenstelle des BAMF lassen wahrlich zu wünschen übrig. Von den Toiletten strömt schon morgens ein penetranter Uringeruch in den Raum – so, wie es früher in der Nähe der Zugtoiletten gerochen hat.

Im Laufe des Tages nimmt der Gestank weiter zu. Mehr noch, Augen und Schleimhäute werden gereizt. Irgendwann nachmittags kommt eine Putzfrau – kurz bevor die Gruppe aus Westerkappeln wieder zurück ins Tecklenburger Land aufbricht.

Gegen 16.30 Uhr fahren die Busse in Bielefeld ab. Laith geht es gut. Er ist bei seinen Eltern. In Sicherheit.

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