Urteil im Prozess um „Baumunfall“
„Unfall billigend in Kauf genommen“

Westerkappeln/Tecklenburg -

Im Prozess um den „Baumunfall“ auf der Ibbenbürener Straße gibt es ein Urteil. Gegen den 32-jährigen Grundstückseigentümer hat das Amtsgericht Tecklenburg wegen fahrlässiger Körperverletzung und eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr eine dreimonatige Freiheitsstrafe verhängt.

Freitag, 15.04.2016, 18:04 Uhr

Der schreckliche Unfall am 31. März vergangenen Jahres wäre nach Meinung des Richters zu verhindern gewesen, wäre der angeklagte Grundstückseigentümer der Empfehlung eines Baumsachverständigen gefolgt.
Der schreckliche Unfall am 31. März vergangenen Jahres wäre nach Meinung des Richters zu verhindern gewesen, wäre der angeklagte Grundstückseigentümer der Empfehlung eines Baumsachverständigen gefolgt. Foto: Frank Klausmeyer

Im Zweifel für den Angeklagten. Diesem Rechtsgrundsatz folgend forderte der Verteidiger einen Freispruch für seinen Mandanten. Doch der Richter hatte am Freitag keine Zweifel und hat einen 32-jährigen Westerkappelner wegen fahrlässiger Körperverletzung und eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Mit diesem Schuldspruch zog er nach drei Verhandlungstagen einen Schlussstrich unter die zentrale Frage, ob der Angeklagte den Inhalt eines Gutachtens kannte oder nicht.

Den Prozess ausgelöst hatte – wie berichtet – ein schrecklicher Unfall am 31. März vergangenen Jahres. Damals war eine 30 Meter hohe Sommerlinde auf dem Grundstück des Westerkappelners entzwei gebrochen und auf die Ibbenbürener Straße gestürzt. Dort war zu diesem Zeitpunkt ein heute 53-jähriger Mettinger unterwegs. Sein Auto wurde von dem Baum erfasst und er darin eingeklemmt. „Wir können von Glück sprechen, dass er nicht ums Leben gekommen ist“, fasste der Richter die Geschehnisse zusammen.

Fakt ist: Der Baum war ob einer Erkrankung „gefährlich“. Das hatte ein Sachverständiger bereits im Mai 2013 festgestellt und empfohlen, die Linde innerhalb kürzester Zeit zu kappen oder ganz zu fällen.

Das Gutachten war von einem Tecklenburger Grünbetrieb in Auftrag gegeben worden. Dessen Inhaber hatte sich die insgesamt vier Linden auf dem Grundstück des Westerkappelners angesehen. Dieser hatte das Fällen in Erwägung gezogen – angeblich, weil die Bäume „so viel Dreck machten“, wie er zum Auftakt des Prozesses ausgesagt hatte. Mit dem Inhaber der Fachfirma habe er lediglich über die Kostenübernahme fürs Gutachten gestritten, nicht aber über das Ergebnis der Expertise gesprochen. Diese sei ihm auch nicht zugeschickt worden, behauptete er. Weil ihm das Fällen zu teuer war, waren die Bäume am Ende stehengeblieben.

Der Sachverständige will am Tage seiner Begutachtung mit dem Vater des Angeklagten gesprochen und auch ihn über seine Beurteilung des kranken Baumes informiert haben. Das ging zumindest aus einem Anschreiben zum Gutachten hervor, dass der Experte einen Tag später verfasste. Bei seiner erneuten Vernehmung am Freitag konnte er sich allerdings nicht mehr genau daran erinnern. Auch erkannte er den Vater im Gerichtssaal nicht wieder. „Ich kann mir nur die Bäume gut merken.“ Der Vater selbst machte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Weder der Inhaber des Tecklenburger Fachbetriebes noch dessen Mitarbeiter konnten im Laufe der drei Verhandlungstage bestätigen oder gar beweisen, dass das Gutachten – wie sonst bei Kunden üblich – dem Westerkappelner zugeschickt worden war.

Dessen Verteidiger plädierte deshalb auf Freispruch. Die Frage, ob sein Mandant von dem Gutachten Kenntnis hatte, sei nicht zweifelsfrei beantwortet worden. Die Staatsanwaltschaft sah dies anders und forderte eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen á 35 Euro.

Über diesen Antrag ging der Richter deutlich hinaus. Die Behauptung, nichts von der Empfehlung des Gutachters gewusst zu haben, sei lebensfremd. Schließlich habe sich der Angeklagte bei der Tecklenburger Firma über die Kosten für die Untersuchung beschwert. Selbst wenn diese nicht bei ihm angekommen wäre, hätte er sich nach dem Ergebnis erkundigen müssen, weil bereits der Baumfachbetrieb ihm gegenüber angedeutet hatte, dass die Linde unsicher war. Auch widerspreche es jeglicher Lebenserfahrung, dass der Vater nichts vom Zustand der Linde weitererzählt habe.

„Ich halte das für eine Schutzbehauptung“, sagte der Richter und warf dem Angeklagten mangelnde Einsicht vor. Er habe fahrlässig gehandelt, indem er den Inhalt des Gutachtens ignorierte. „Dass etwas passiert, hat er billigend in Kauf genommen.“ Angesichts der Schwere der Verletzungen, die der Mettinger davongetragen hatte, sei eine Freiheitsstrafe unumgänglich.

Erfüllt sah das Gericht auch den Straftatbestand des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Das sei kein Augenblicksversagen gewesen, wie es zuweilen bei Verkehrsunfällen passiere. „Die Gefährdung war akut – zwei Jahre lang“, meinte der Richter.

Die Freiheitsstrafe wurde für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem muss der Angeklagte 2000 Euro Geldbuße an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen sowie die Kosten des Verfahrens und die der Nebenklage tragen. Das Fällen der Sommerlinde wäre ihn vermutlich billiger gekommen.

Das Strafmaß ist auch im Hinblick auf Nachahmungstäter festzustellen.

Der Richter
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