Westerkappelner Landwirte informieren über Folgen des Preisdrucks
Bauern und Bürger im Dialog

Westerkappeln -

Die Milchpreise sind im Keller. Bei den Schweinepreisen sieht es nicht viel besser aus. „Wir hoffen, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist“, sagt Birgit Leyschulte, Vorsitzende der Westerkappelner Landfrauen. Die Bauern suchen den Dialog mit den Bürgern, um auf die schwierige Lage aufmerksam zu machen.

Freitag, 20.05.2016, 19:05 Uhr

Vom Frühstück machen können die Bauern nicht leben. Die Landfrauen Elke Wieligmann, Edelgard Steer und Birgit Leyschulte (von rechts) machten am Donnerstag auch Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer auf das Dilemma aufmerksam. Die Info-Stellwand mit vielen Fotos von der „Rote Sofa“-Aktion anlässlich des Maimarktes steht derzeit im Rathaus.
Vom Frühstück machen können die Bauern nicht leben. Die Landfrauen Elke Wieligmann, Edelgard Steer und Birgit Leyschulte (von rechts) machten am Donnerstag auch Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer auf das Dilemma aufmerksam. Die Info-Stellwand mit vielen Fotos von der „Rote Sofa“-Aktion anlässlich des Maimarktes steht derzeit im Rathaus. Foto: Frank Klausmeyer

„Faire Preise für alle landwirtschaftlichen Produkte!“ - „Für gute Qualität würde ich gerne bezahlen!“ - „Lebensmittel sind zu billig!“ Das sind drei Meinungen, mit denen sich Besucher des Westerkappelner Maimarktes auf einer Stellwand des örtlichen Landfrauenverbandes verewigt haben. Sie streicheln sicher das Ego der Bauern, an deren misslicher Lage ändern sie aber nichts. Denn die Preise sind im Keller, die wirtschaftliche Not auf den Höfen wächst.

Das gilt vor allem für die Milchviehbetriebe. Etwa 23 Cent pro Kilogramm zahlen die Molkereien derzeit, in machen Regionen Deutschlands sind es noch weniger. Elke Wieligmann, Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Westerkappeln-Wersen, hatte noch zu Jahresbeginn gehofft, dass mit 27,5 Cent die Talsohle erreicht ist. 31 oder 32 Cent seien erforderlich, um wenigstens die Kosten zu decken. Mit 35 Cent komme man einigermaßen über die Runden. Rund 1,5 Millionen Liter Milch hat der Hof Wieligmann im vergangenen Jahr produziert. Da muss man kein Rechenkünstler sein, um herauszubekommen, wie viel Geld so einem Betrieb verloren geht.

Viel investiert haben viele landwirtschaftliche Betriebe in die Wettbewerbsfähigkeit und ins Tierwohl. Das Bild zeigt das Melkkarussell auf dem Hof Wieligmann.

Viel investiert haben viele landwirtschaftliche Betriebe in die Wettbewerbsfähigkeit und ins Tierwohl. Das Bild zeigt das Melkkarussell auf dem Hof Wieligmann. Foto: Ulrike Havermeyer

„Wir hoffen, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist“, sagt Birgit Leyschulte , Vorsitzende der Westerkappelner Landfrauen , deren Familie zusammen mit der Familie Steer gemeinsam einen Milchviehbetrieb in Seeste (130 Kühe) bewirtschaftet. Auch sie zahlen derzeit bei jedem abgegebenen Liter drauf.

„Ich frage mich, ob die Politik und der Handel uns einfach ausbluten lassen wollen“, kritisiert Birgit Leyschulte. Viele Betriebe hätten investiert; für die nachfolgenden Generationen und nicht zuletzt ins Tierwohl. „Das fordern die Verbraucher und Tierschutzverbände doch“, betont die Landfrau.

Bezahlt macht sich das alles aber offensichtlich nicht. Im Gegenteil: Bei den Bauern komme immer weniger von dem an, was die Verbraucher an der Ladenkasse zahlten, kritisiert auch der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV). Verantwortlich macht er dafür vor allem den Preisdruck durch den Lebensmitteleinzelhandel. Vier große Unternehmen teilten sich 85 Prozent des Marktes auf.

Nur ein Viertel des Lebensmittelpreises in den Geschäften lande beim Landwirt. Obwohl die Erzeugerpreise deutlich gesunken seien, hätten die Lebensmittelpreise in den beiden zurückliegenden Jahren sogar leicht angezogen, kritisiert der WLV.

„Wir machen ihr Frühstück! Aber wir können davon nicht leben!“ – Mit diesem Weckruf machen die Bauern in Westfalen-Lippe für die Verbraucher folgende Rechnung auf: Für ein großes Frühstück (zwei Brötchen, ein Croissant, 25 Gramm Butter, 20 Gramm Marmelade, je 100 Gramm Wurt, Käse und Schinken, ein Ei, Müsli, eine Handvoll Beeren und ein Drittel Liter Milch) erhalten sie nur 1,07 Euro – brutto versteht sich.

„Davon leben wir!“ – ein weiterer Spruch auf der Stellwand der Landfrauen – kann so gesehen durchaus doppeldeutig verstanden werden. Gemeint war aber sicher Zuspruch. Und solchen glauben die Bauern in Westerkappeln beim Großteil der Bevölkerung zu genießen. Als es sich anlässlich des Maimarktes etliche Besucher auf dem „Roten Sofa“ der Landfrauen – eine Aktion des Kreisverbandes – bequem machten, „haben die Leute gefragt, wie sie den Landwirten helfen können“, freut sich Edelgard Steer über den Rückhalt. „Wir sind erstaunt, wie positiv die Resonanz war“, schließt sich Birgit Leyschulte an. Viele hätten auch ihre Anerkennung zum Ausdruck gebracht, dass die Landwirte versuchten, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen.

Auch der WLV sieht den Großteil der Verbraucher hinter der Landwirtschaft stehend. 77 Prozent hätten in einer Umfrage angegeben, großes Vertrauen in deutsche Lebensmittel zu haben. „Aber ohne wirtschaftlichen Erfolg lässt sich das auf Dauer nicht machen“, erklärt der WLV.

„Wir brauchen die Landwirtschaft in Westerkappeln“, lautet eine weiterer Spruch auf einem der Dialogkärtchen an der Landfrauen-Pinnwand. Die Bauern kümmerten sich schließlich auch um die Kulturlandschaft, gibt Birgit Leyschulte zu bedenken. „Ich möchte mir nicht ausmalen, wie die sich verändert, wenn wir die Flächen nicht mehr bewirtschaften würden.“

Angesichts der Erfahrungen beim Maimarkt möchten die Landwirte mit den Bürgern im Dialog bleiben. „Die Leute sollen uns gerne direkt ansprechen“, betont Leyschulte.

Die Stellwand der Landfrauen steht jetzt für einige Tage im Rathaus, danach soll sie in den örtlichen Geldinstituten aufgebaut werden. Am Donnerstagabend warfen einige Mitglieder des Umweltausschusses einen Blick darauf. Das Gremium ist auch für die Landwirtschaft zuständig. Mit den Belangen der Bauern beschäftigen sich die Politiker allerdings höchst selten.

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