Schwere Vorwürfe gegen Mediziner aus Westerkappeln
Obsessiver Pornosammler vor Gericht

Westerkappeln/Tecklenburg -

Seit fast 50 Jahren sammelt der Westerkappelner Pornos. Riesige Datenmengen wurden bei dem 63-Jährigen sichergestellt. Für ihn fatal: Unter dem Material hat die Polizei auch diverse kinder- und jugendpornographische Bilder und Filme gefunden. Deshalb steht der Mediziner jetzt vor Gericht.

Montag, 06.06.2016, 01:00 Uhr aktualisiert: 06.06.2016, 08:26 Uhr
 
  Foto: dpa

Seit fast 50 Jahren sammelt der Westerkappelner Pornos. Riesige Datenmengen wurden bei dem 63-Jährigen sichergestellt. Für ihn fatal: Unter dem Material hat die Polizei auch diverse kinder- und jugendpornographische Bilder und Filme gefunden. Deshalb steht der Mediziner jetzt in Tecklenburg vor Gericht. Sein Verteidiger und er versuchten die Eröffnung des Prozesses zu verhindern.

Fünf Anträge wegen Besorgnis der Befangenheit des Gerichts, begründet mit mangelhafter Anklageschrift, fehlender Akteneinsicht oder Terminabsprache, ebenso viele Zurückweisungen und noch mehr Beschlussfassungen und Sitzungspausen konnten den Beginn der Hauptverhandlung am Freitag vor dem Amtsgericht Tecklenburg jedoch nicht stoppen. Die Taktik der Verteidigung führte allerdings zu mehreren Stunden Verzögerung.

Und auch danach kam die Verhandlung gegen den Arzt aus Westerkappeln zunächst nur stockend in Gang. Angaben zur Person mache sein Mandant nicht, „weil ihm der gesetzliche Richter entzogen wurde“, sagte der Verteidiger, was das Gericht mit der Verlesung der Angaben aus der vom Angeklagten unterzeichneten Beschuldigtenvernehmung konterte.

"Funktionelle Mängel der Vorwürfe"

Auch den darauf folgenden Antrag, die Anklageschrift wegen funktioneller Mängel nicht zu verlesen, wies das Gericht zurück, so dass die Staatsanwaltschaft rund vier Stunden nach dem offiziellen Verhandlungsbeginn endlich ihres Amtes walten konnte.

Sie beschuldigt den 63-Jährigen des Besitzes von kinder- und jugendpornographischen Bildern und Filmen. Im Sommer 2014 wurden bei ihm auf 25 Festplatten 3500 Bilder und 551 Videos sichergestellt, die unter anderem Minderjährige beim Oral- und Vaginalverkehr mit Erwachsenen zeigen.

Den folgenden Antrag der Verteidigung, das Verfahren wegen funktioneller Mängel der Vorwürfe einzustellen, wies das Gericht zurück und unterbrach die Sitzung erneut für 15 Minuten, damit Angeklagter und Verteidiger sich besprechen konnten.

Wortkarger Angeklagter

Die anschließenden Angaben, die der zuvor wortkarge Westerkappelner zur Sache macht, sind dann doch detailliert. Redselig erzählt der 63-Jährige von seiner jahrzehntelangen Obsession für Pornographie, von seiner Sammlung, die er als 16-Jähriger mit dem Kauf von Magazinen begann und deren Erweiterung ihm das Internet einfacher und kostengünstiger machte.

„Ich bin nicht pädophil, ich bin kein Kinderschänder, ich habe keinesfalls Kinder bevorzugt“, stellt der Mann klar und verweist zur Untermauerung seiner Einlassung auf Bilder von Beata (28) und Ivana (31). „Ich hatte ein reines Gewissen, war mir der Strafbarkeit nie bewusst“, weist der Mediziner auf die Impressen einschlägiger Anbieter – meist mit Sitz in den USA und den Niederlanden – hin, in denen versichert werde, dass die Darsteller über 18 Jahre alt und freiwillig dabei seien.

Schließlich sei die Nutzung der Seiten vom Anbieter gewünscht, weiß der Westerkappelner von einem Massenphänomen mit Milliardenumsatz und scheint sich zu wundern, dass es die Seiten trotz strengerer Gesetzgebung in den vergangenen Jahren immer noch gebe.

Freiheitsstrafe droht

Wenn ihm bewusst gewesen wäre, dass er etwas Ungesetzliches tue, hätte er nicht all die Jahre weitergesammelt, stattdessen die Sammlung schreddern lassen, sagt er und macht deutlich, dass er niemandem geschadet habe.

„Sie haben niemanden missbraucht, aber dass sie keinem geschadet haben, stimmt nicht“, hält ihm das Gericht vor, dass zur Produktion der vorliegenden Bilder und Filme Kinder und Jugendliche ausgebeutet worden seien.

„Für mich klären, was ich darf und was nicht“, will der Westerkappelner in dieser Hauptverhandlung des auch für ihn schlimmen Verfahrens. „Keine Geldstrafe“, macht die Staatsanwältin deutlich, dass ihr eine Freiheitsstrafe vorschwebt.

Approbation gefährdet

Für den Mediziner geht es dabei um viel mehr. Mit einer Geldstrafe habe sein Mandant eine bessere Chance, seine Approbation zu behalten, gibt der Verteidiger zu bedenken und weist darauf hin, dass in der 50 000 Gigabyte (!) großen Sammlung des Westerkappelners lediglich ein winziger Bruchteil kinder- und jugendpornographischen Inhalts sei.

Das Gericht räumte ein, dass dieser Anteil für die Strafzumessung eine Rolle spiele. „Um es ins Verhältnis setzen zu können“, will es nun „bis ins Letzte aufklären, wie viel Straffreies das Material enthält“. Deshalb möchte es zum Fortsetzungstermin am 24. Juni die beiden Beamten hören, die die Dateien ausgewertet haben.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4057427?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F188%2F4852229%2F4852236%2F
Ärzte wollen raus aus der digitalen Wüste
Modellprojekt zu digitalen Fallakten: Ärzte wollen raus aus der digitalen Wüste
Nachrichten-Ticker