Marco Thomas kämpft über zwei Jahre lang für ein bisschen Mobilität
Drama um Elektrorollstuhl

Westerkappeln -

Mit Marco Thomas möchte kein gesunder Mensch tauschen. Der Westerkappelner ist seit seiner Kindheit an einer unheilbaren Muskeldystrophie erkrankt. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Das jüngste Kapitel seiner Leidensgeschichte lässt den neutralen Zuhörer nur den Kopf schütteln. Es geht um einen Elektrorollstuhl, um Krankenkassen, Sanitätshäuser und Gesetze...

Samstag, 30.07.2016, 00:07 Uhr

Der defekte E-Rolli von Marco Thomas. Mehrfach wurde er in die Reparatur geschickt, genauso oft kam er kaputt zurück.
Der defekte E-Rolli von Marco Thomas. Mehrfach wurde er in die Reparatur geschickt, genauso oft kam er kaputt zurück. Foto: Frank Klausmeyer

Mit Marco Thomas möchte kein gesunder Mensch tauschen. Der Westerkappelner ist seit seiner Kindheit an einer unheilbaren Muskeldystrophie erkrankt. Seit seinem 16. Lebensjahr ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Das jüngste Kapitel seiner Leidensgeschichte lässt den neutralen Zuhörer nur den Kopf schütteln. Es geht um einen Elektrorollstuhl , um Krankenkassen, Sanitätshäuser und Gesetze. „Ich hab die Schnauze so voll...“, klagt der 44-Jährige.

Die Krankheit hat ihn schwer gezeichnet. Sein Händedruck ist nur ein Streicheln. Keine Kraft. Seine Sprache nur schwer verständlich. Der Muskelschwund hat von seinem ganzen Körper Besitz ergriffen. Rund um die Uhr wird er deshalb in seiner Wohnung von einer Assistentin versorgt.

Sein Elektrorollstuhl ist für Marco Thomas die einzige Möglichkeit, sich alleine vor die Tür zu wagen, ein kleines Stück Selbstständigkeit zu genießen. Doch über zwei Jahre schon ist der Rentner in seinen vier Wänden wie gefangen. Der E-Rolli ist defekt.

Alles fing mit ein paar Tropfen an, die er sich in die Augen träufeln lassen wollte. Er kippte die Rückenlehne seines speziell für seinen E-Rolli angepassten Recaro-Sitzes dafür zurück. Plötzlich habe sich der Sicherheitsgurt um den Sitz gewickelt und diesen dabei zerstört, berichtet Thomas. Der Elek­trorollstuhl wurde vom Osnabrücker Sanitätshaus Gehrmeyer abgeholt und weitergeschickt zur Reparatur beim Hersteller.

„Dann ging das Drama los“, erzählt Thomas, der seit fünf Jahren in Westerkappeln lebt und aus Rheinland-Pfalz stammt. Drei Monate sei der E-Rolli weg gewesen. Als dieser dann endlich zurückkam, sei die Rückenlehne nicht hoch gegangen. Der Rollstuhl wurde gleich wieder mitgenommen. Wieder vergingen drei Monate, wieder war er bei der Auslieferung defekt. „Das ganze Spiel ging über zwei Jahre so.“ Fünf- oder sechsmal sei der E-Rolli in Reparatur gewesen. „Das lag nicht unbedingt an Gehrmeyer, sondern am Hersteller“, betont der 44-Jährige.

Seinen ersten E-Rolli von diesem Fabrikanten sei er 14 Jahre lang gefahren und sehr zufrieden damit gewesen. Der aktuelle sei nur sieben Jahre alt gewesen. „Deshalb bin ich auch davon ausgegangen, dass der repariert werden kann.“

Zwischenzeitlich bekam er von Gehrmeyer einen Leihrollstuhl zur Verfügung gestellt. Darin konnte er aber nicht sitzen und noch schlechter fahren, weil die Steuerung des Gerätes viel zu nah an seinem Körper montiert gewesen sei.

Im Herbst 2015 – wieder nach einer Reparatur – blieb der E-Rolli ständig stehen. Thomas ließ ihn wieder abholen, bekam den fahrbaren Untersatz aber postwendend zurück, weil er angeblich nicht defekt sei. Seine Assistentin fuhr ihn dann persönlich zum Sanitätshaus, um das Problem zu demonstrieren. Auf der Rückfahrt ging es noch zu Ikea. Thomas blieb beinah in der Drehtür stecken, weil der Rolli erneut streikte.

Wieder ging dieser in die Reparatur, dieses Mal gab es jedoch die Rückmeldung, dass er nicht reparabel wäre.

Ein Ersatz musste her. Dazu muss man wissen, dass so ein Elektrorollstuhl den Preis eines Mittelklassewagens kostet: rund 29 500 Euro. Ende Januar wurde das neue Fahrzeug von einem anderen Hersteller in Westerkappeln auf Thomas` Bedürfnisse angepasst. Der 44-Jährige rechnete mit der Auslieferung im Mai.

Doch weit gefehlt: Der Hersteller und das Sanitätshaus hätten sechs Wochen gebraucht, um einen Kostenvoranschlag bei der DAK einzureichen. Die Krankenkasse erhielt die Dokumente nach eigenem Bekunden am 10. März. Bereits am 11. März forderte die DAK ergänzende Papiere an. „Aus den eingereichten Unterlagen ging nicht hervor, warum eine Umversorgung notwendig war“, erklärt Pressesprecher Sönke Krohn. Deshalb sei ein entsprechender Befundbericht vom behandelnden Arzt angefordert worden.

„Da fühlte ich mich schon verarscht“, kritisiert Thomas. „Wie soll ein Neurologe feststellen, dass der E-Rolli defekt ist ? Außerdem hatte Gehrmeyer der DAK das doch schon mitgeteilt.“

Der Patient kümmerte sich um die ärztliche Verordnung, welche der DAK am 8. April vorlag. Die Kasse habe am 11. April beim Sanitätshaus den Rollstuhl angefordert. Wieder vergingen Wochen „Leider haben wir erst am 10. Mai eine Nachricht beziehungsweise den Kostenvoranschlag vom Sanitätshaus erhalten“, erläutert Krohn.

Bei Gehrmeyer gibt man sich in der Angelegenheit zugeknöpft. Weil es um Patientendaten gehe, wolle man keine Stellungnahme abgeben. Nur so viel: Auf Seiten des Sanitätshaus habe es keine Versäumnisse gegeben, das Unternehmen sei nur ein Baustein im Rahmen des Versorgungsnetzes. Und außerdem sei die Situation manchmal nicht so einfach, wie es sich aus Sicht des Kunden vielleicht darstelle.

Für Marco Thomas tauchte derweil noch ein Problem auf. Er hatte einen Rollstuhl beantragt, der auf zehn Kilometer pro Stunde (km/h) ausgelegt ist. Die Krankenkasse lehnte das ab mit der Begründung, es handele sich um eine Überversorgung. Eine solche werde nur genehmigt, wenn sich Thomas mit 40 Prozent an den Folgekosten beteilige. „Das kann ich nicht. Wenn etwas kaputt ist, gehen die Reparaturkosten gleich in die tausende Euro“, sagt der Westerkappelner. Folglich begnügte er sich am Ende mit einen Sechs-km/h-Modell.

Nach den gesetzlichen Bestimmungen – unter anderem gestützt durch ein Urteil des Bundessozialgerichts (BSG-Urteil vom 11.11.2004 B 9 V3/03 R.) – dürften alle gesetzlichen Krankenkassen nur eine Versorgung mit Elektro-Krankenfahrzeugen genehmigen, die nicht schneller als sechs km/h seien, verweist DAK-Sprecher Krohn auf die Rechtslage.

Die Frage der Überversorgung mag auch noch Zeit gekostet haben. Die Auslieferung des neuen E-Rollis zog sich aber nach deren Klärung weiter in die Länge. Die Thomas vom Hersteller genannten Termine – Ende Juni, Anfang Juli – verstrichen. „Die machen alle, was sie gerade wollen, ich kann mich ja nicht zur Wehr setzen.“

Übrigens: Am Dienstag dieser Woche ist der neue E-Rolli bei Marco Thomas eingetroffen: das Sechs-km/h-Modell. Endlich kann der 44-Jährige wieder – ohne von seiner Assistentin geschoben zu werden – vor die Tür. So richtig glücklich ist er aber nicht. „Ich hab das Gefühl, ich komme gar nicht voran.“ Bedingt durch seine Krankheit muss er – je nach Tagesform – alle zwei bis vier Stunden ans Atemgerät. „Wenn ich dann mal allein unterwegs bin, komme ich langsamer ans Ziel und muss auch früher den Rückweg antreten.“ Nein, mit Marco Thomas tauschen möchte man nicht.

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