Wissenschaftler enträtseln Geheimnisse der Großen Sloopsteene bei Westerkappeln
Neues aus der Steinzeit

Westerkappeln/Lotte -

Um die Großen Sloopsteene im Werser Holz ranken sich manch Mythen und Legenden. Wissenschaftler der Altertumskommission für Westfalen haben jetzt einige Geheimnisse dieses Großsteingrabs enträtselt. So ist es viel älter als lange angenommen.

Samstag, 11.02.2017, 00:01 Uhr aktualisiert: 11.02.2017, 00:10 Uhr
Funde aus den beiden Erdhügeln während der Ausgrabung im Jahr 2015. Dabei entdeckten die Archäologen auch menschliche Knochenreste.
Funde aus den beiden Erdhügeln während der Ausgrabung im Jahr 2015. Dabei entdeckten die Archäologen auch menschliche Knochenreste. Foto: K. Schierhold, Altertumskommission für Westfalen

Um die Großen Sloopsteene im Werser Holz ranken sich manch Mythen und Legenden. Riesen seien dort begraben gewesen, mutmaßten die Menschen früher angesichts des gewaltig erscheinenden Ensembles der Findlinge. Nach einer alten Sage soll sogar Widukind in einem goldenen Sarg unter den großen Steinen liegen. Abgesehen davon, dass die Sloop­steine zu Lebzeiten des Sachsenherzogs im ausgehenden 8. Jahrhundert schon einige tausend Jahre an dieser Stelle gelegen haben, steht fest, dass dort kein Adliger und auch keine Riesen bestattet wurden. Als letzte Ruhestätte dienten die Großen Sloopsteene aber mit Sicherheit. Vielleicht waren sie sogar ein Massengrab.

 

„Unter Umständen können wir in so einem Grab mehrere hundert Bestattungen nachweisen“, sagt Dr. Kerstin Schierhold . Sie und ihr Team von der Altertumskommission für Westfalen haben die Großen Sloopsteene vor einiger Zeit – unbemerkt von der Öffentlichkeit – systematisch untersucht und sind dabei auf einige Überraschungen gestoßen. So konnte nachgewiesen werden, dass das Hünengrab viel älter ist als lange vermutet.

Schierhold ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Altertumskommission in Münster . Sie betreut ein Projekt zur Megalithik in Westfalen, das die wissenschaftliche Aufarbeitung und neue Präsentation der Großsteingräber zum Ziel hat.

Die Sloopsteene gehören zu den besterhaltenen Großsteingräbern in Westfalen. Vor rund 5000 Jahren, am Ende der Jungsteinzeit, als die Pyramiden von Gizeh noch gar nicht erbaut waren, entstanden solche Grabanlagen überall in Nord- und Westeuropa. Viele sind längst verschwunden, wohl auch, weil sie späteren Gesellschaften als Steinbruch dienten.

Die Sloopsteene sind deshalb ein Glücksfall für die Archäologie. Obschon sehr lange bekannt, blieb das Monument von einer Zerstörung verschont. Anders als andere Megalithgräber in der Region. Nur 500 Meter südwestlich der Sloopsteene soll es ein weiteres Megalithgrab gegeben haben. Bis auf einen Findling, der vielleicht zur der Anlage gehört haben mag und der jetzt im Unterholz an der Sandstraße liegt, ist davon nichts mehr übrig. In Seeste liegen am Wegesrand die spärlichen Reste eines dritten Großsteingrabes. Besser erhalten sind noch die Kleinen Sloopsteene in Halen.

Die Großen Sloopsteene faszinierten die Menschen in der Region von jeher. Die alte Aufnahme oben zeigt die Teilnehmer eines Ausfluges der Abendschule im Jahr 1904.

Die Großen Sloopsteene faszinierten die Menschen in der Region von jeher. Die alte Aufnahme oben zeigt die Teilnehmer eines Ausfluges der Abendschule im Jahr 1904. Foto: Gemeindearchiv Westerkappeln

Merkwürdigerweise ließ die Wissenschaft das Monument im Werser Holz lange links liegen. 1807 inspizierte ein Graf zu Münster-Langelage die Großen Sloopsteene genauer. „Das war ein interessierter Laienforscher“, berichtet Kerstin Schierhold. Nachdem dieser jedoch feststellte, dass das Grab schon ausgeräumt war, habe er auf intensivere Nachforschungen verzichtet. Immerhin: Der Graf fertigte eine maßstäbliche Skizze an, die heute als älteste bekannte Abbildung der Großen Sloopsteene gilt.

Nach einer nicht näher dokumentierten Ausgrabung um 1856 gab es vor 90 Jahren erstmals ärchäoligisch-wissenschaftliche Untersuchungen: Der Prähistoriker Ernst Sprockhoff (* 1892 – † 1967) und sein Zeichner Helmut Schwieger fertigten einen Grundriss, eine Seitenansicht von Süden, einen Querschnitt durch die Grabkammer und eine Rekonstruktionszeichnung an. Die Sloopsteene wurden als Nummer 984 in den „Atlas der Megalithgräber Deutschlands“ aufgenommen – ein Standardwerk.

Das Hünengrab im Winterkleid.

Das Hünengrab im Winterkleid. Foto: Frank Klausmeyer

Bergen die Sloopsteene noch alte Schätze ? Genau diese Frage stellte das „Tecklenburger Kreisblatt“ am 31. Januar 1959 und kündigte eine baldige systematische Grabung des Westfälischen Landesmuseums für Früh- und Vorgeschichte an. Doch daraus wurde nichts.

Erst 55 Jahre später ist das Hünengrab wieder ins Blickfeld der Forschung geraten. Mitte 2014 startete die Altertumskommission für Westfalen unter Federführung von Kerstin Schierhold ein Projekt zur Megalithik in Westfalen. Neben einer wissenschaftlichen Bestandsaufnahme mit modernsten Mitteln der Archäologie geht es auch darum, die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Am Ende sollen die westfälischen Großsteingräber in die vor vier Jahren entstandene „Europäische Route der Megalithgräber“ eingebettet und damit – auch für die Großen Sloopsteene – internationale Aufmerksamkeit geschaffen werden.

Vor zwei Jahren nahmen Schierhold und ihr Team die Findlinge und das Umfeld genauer unter die Lupe. Bereits 2014 wurde die Grabanlage in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geoinformatik der Uni Münster mit einer an einer Drohne befestigten Digitalkamera beflogen. Dabei entstanden rund 200 Bilder, die in Kombination mit seitlich aufgenommenen Fotos zeigten, dass Ernst Sprockhoff und Helmut Schwieger 1927 schon sehr exakt gearbeitet haben. Denn deren alte Grundrisszeichnung ist fast deckungsgleich mit dem sogenannten Orthofoto.

Das ist allerdings noch keine Sensation. Die bot sich den Wissenschaftlern einige Meter abseits der Grabanlage. Dort gibt es auf beiden Seiten kleine Hügel, in denen Reste aus der Grabkammer verschüttet waren. Die unscheinbaren Erdhalden waren schon dem Graf zu Münster-Langelage aufgefallen. „Wer die Grabkammer ausgeräumt hat, lässt sich heute nicht mehr sagen. Wahrscheinlich haben dort schon im Mittelalter Aktivitäten stattgefunden“, vermutet Kerstin Schierhold.

Die beiden Schutthügel enthielten erstaunlich viele Überbleibsel aus der Steinzeit; vor allem Keramikscherben, teils aufwendig verziert. Sie können eindeutig der Trichterbecherkultur zugeordnet werden, die ihren Namen dem typischen Becher mit Trichterrand verdankt.

Beim Durchsieben förderten die Wissenschaftler aber noch mehr zutage: Knochenreste. Und das sei schon ein Highlight, betont Kerstin Schierhold. „Normalerweise gibt der Erhaltungszustand das nicht mehr her.“ Insgesamt wurden zwei Dutzend Knochen- und Zahnfragmente untersucht. Eines stammt wahrscheinlich von einem Huftier, die anderen sind jedoch gesichert menschlichen Ursprungs.

Mit der Radiokarbonmethode, auch als C 14-Datierung bekannt, ließ sich nachweisen, dass diese Menschen zu der Zeit lebten, als die Sloopsteene errichtet wurden. Datiert werden die Knochenstücke auf eine Zeitspanne zwischen etwa 3350 und 2900 vor Christus, womit feststeht, dass die Sloopsteene rund 1000 Jahre älter sind, als man früher dachte.

Und es wird noch spannender: Es ist möglich, dass die 23 untersuchten Knochenreste von 23 unterschiedlichen Individuen stammen. Mindestens drei Menschen waren es aber gewiss. „Das hat unser Anthropologe bestätigt“, erklärt die Projektleiterin. Neben mindestens einem Kind im Alter von etwa sieben bis zehn Jahren – nachgewiesen durch eine Zahnkrone – war auch ein Jugendlicher und ein Erwachsener in der Grabkammer bestattet.

Diese Geschichte muss umgeschrieben werden. Die Großen Sloopsteene wurden nicht um 2000 vor Christus errichtet, wie es auf der Messingtafel vor dem Megalithgrab steht, sondern schon etwa 1000 früher.

Diese Geschichte muss umgeschrieben werden. Die Großen Sloopsteene wurden nicht um 2000 vor Christus errichtet, wie es auf der Messingtafel vor dem Megalithgrab steht, sondern schon etwa 1000 früher. Foto: Frank Klausmeyer

Für Kerstin Schierhold sind diese Funde eine Bestätigung dessen, was sie schon aus anderen Großsteingräbern weiß: Hier wurden nicht betuchte Stammesfürsten bestattet, sondern die Gräber standen allen offen, wenn man es so formulieren will – „vom Kind bis zum Greis, von Männern bis zu Frauen“, sagt die Archäologin.

Vieles rund um die Großen Sloopsteene bleibt dennoch im Dunklen der Vergangenheit verborgen. „Wo die Siedlung war, müssen wir noch herausfinden.“ Auch manche Rätsel der Grabanlage selbst können vielleicht irgendwann gelöst werden. „Es gibt immer wieder Möglichkeiten mit neuen Methoden spezielle Fragestellungen weiterzuverfolgen“, meint Kerstin Schierhold.

Vielleicht dauert die nächste wissenschaftliche Untersuchung ja nicht noch einmal hundert Jahre.

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