Streitpunkt Integrationshelfer
AWO kündigt krebskrankem Jungen den Kindergartenplatz

Westerkappeln -

Ein Jahr lang hat Gabriel um sein Leben gekämpft. Jetzt geht es ihm besser. Der Blutkrebs hat dem Sechsjährigen aber eine unbekümmerte Kindheit gestohlen. „Das Letzte, was man ihm jetzt noch genommen hat, ist der Kita-Platz“, sagt Vater Thomas Wenneker. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat den Betreuungsvertrag gekündigt. Eine traurige Geschichte.

Freitag, 05.05.2017, 17:05 Uhr

Die AWO-Kita Am Königsteich in WesterkappelnEine harte Zeit hat Gabriel durchgemacht. Nach der Diagnose auf Leukämie folgte eine Intensivtherapie verbunden mit den Schmerzen, Haarausfall und vielen Entbehrungen
Die AWO-Kita Am Königsteich in WesterkappelnEine harte Zeit hat Gabriel durchgemacht. Nach der Diagnose auf Leukämie folgte eine Intensivtherapie verbunden mit den Schmerzen, Haarausfall und vielen Entbehrungen Foto: Dietlind Ellerich

Ein Jahr lang hat Gabriel um sein Leben gekämpft. Jetzt geht es ihm besser. Seine Eltern hoffen, dass ihr Junge wieder ganz gesund wird. Im Sommer soll Gabriel wie seine Freunde in die Grundschule gehen. Der Blutkrebs hat dem Sechsjährigen aber eine unbekümmerte Kindheit gestohlen. „Das Letzte, was man ihm jetzt noch genommen hat, ist der Kita-Platz“, sagt Vater Thomas Wenneker . Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat den Betreuungsvertrag gekündigt. Eine traurige Geschichte.

Die bösartige Krankheit kündigt sich vor zwei Jahren schleichend an. Gabriel geht es nicht gut, er fühlt sich häufig schlapp. Das Spielen mit seinen Altersgenossen in der AWO-Kindertagesstätte Am Königsteich fällt ihm schwer. Als Mutter Andrea Herzog den Knirps deshalb an einem Tag vorzeitig aus der Kita abholen muss, bricht kurz danach das Familienglück zusammen. Die Kinderärztin macht einen Bluttest. „Von dort aus ging es direkt in die Uni-Klinik Münster “, erzählt Thomas Wenneker.

Wir wollten den Platz nicht verlieren.

Andrea Herzog und Thomas Wenneker haben Kindergartenbeiträge bezahlt, obwohl ihr Sohn ein Jahr nicht betreut werden konnte.

Am 13. August 2015 bestätigen die Ärzte den schrecklichen Verdacht: Das Kind hat eine Akute Lymphatische Leukämie (ALL). Gabriel wird in der Uni-Klinik intensiv therapiert – mit Schmerzen, Haarausfall und vielen Entbehrungen, die so eine Behandlung mit sich bringt. Monate des Hoffens und Bangens vergehen für die Familie.

Eine harte Zeit hat Gabriel durchgemacht. Nach der Diagnose auf Leukämie folgte eine Intensivtherapie verbunden mit Schmerzen, Haarausfall und vielen Entbehrungen.

Eine harte Zeit hat Gabriel durchgemacht. Nach der Diagnose auf Leukämie folgte eine Intensivtherapie verbunden mit Schmerzen, Haarausfall und vielen Entbehrungen. Foto: privat

Ein ganzes Jahr lang bezahlen Thomas Wenneker und seine Lebensgefährtin Andrea Herzog die Kindergartenbeiträge weiter – rund 90 Euro im Monat. „Wir wollten den Platz nicht verlieren“, betont der Vater. Nach einem Jahr Intensivtherapie läuft seit August die ein Jahr dauernde Reha-Behandlung, während der Gabriel die meiste Zeit zu Hause ist.

Ganz vorsichtig soll sich der Junge wieder an den normalen Alltag gewöhnen. Die Eltern schicken ihn auch in den Kindergarten. „Das erste Mal ging das aber nur eine Woche gut“, erzählt Wenneker. Wegen seines geschwächten Immunsystems ist an einen regelmäßigen Kita-Besuch noch nicht zu denken.

Andrea Herzog und Thomas Wenneker wollen ihrem Sohn – so weit eben möglich – eine schöne Kindheit ermöglichen. Vor der Einschulung im Sommer soll er wenigstens noch für ein paar Wochen die Kita-Zeit miterleben dürfen: Schuki-Aktionen, Feste, das Abschlusszelten. Doch die AWO als Träger stellt sich quer.

Im Herbst vergangenen Jahres hatte der Kindergarten den Eltern vorgeschlagen, einen Integrationshelfer zu beantragen. „Wir haben dem zugestimmt, sofern keine weiteren Untersuchungen für Gabriel stattfinden“, erläutert Wenneker. Denn untersucht wurde Gabriel nun wahrlich mehr als genug. Die Erfordernis einer weiteren Begutachtung habe die Kita-Leitung, die derzeit nicht erreichbar ist, auch verneint.

Doch das Gesundheitsamt des Kreises Steinfurt will sich mit vorhandenen ärztlichen Unterlagen, Pflegegutachten, Schwerbehindertenbescheid und der von den Eltern nach eigenen Worten in jeglicher Form erteilten Entbindung von der Schweigepflicht nicht begnügen und lädt für den 22. November zur amtsärztlichen Untersuchung nebst zeitgleicher Schuleingangsuntersuchung ein.

Die Eltern suchen bei Ärzten und den Psychologen der Uni-Klinik Rat. „Wir sind gemeinsam zu dem Entschluss gekommen, dass eine Integrationskraft für Gabriel nicht sinnvoll ist, da er weder körperlich noch geistig behindert ist“, betonen die Eltern.

Der Platz wird dringend anderweitig benötigt.

Die Kita-Leitung zur Kündigung

„Aus unserer Sicht wäre eine zusätzliche Unterstützung für Gabriel nach seiner schweren Erkrankung als Hilfe zur Wiedereingliederung in ein für ihn normales Leben unabdingbar“. schreibt die Kita-Leitung den Eltern im Dezember. Sie bittet diese, sich zu melden, damit die Rahmenbedingungen für eine weitere Betreuung gesetzt werden könnten. „Aufgrund der veränderten Sachlage müssen wir hier jetzt neue Prioritäten setzen, die einerseits Gabriel helfen, jedoch für uns machbar sind“, heißt es in dem Brief.

Ein Gespräch kommt nicht mehr zustande. Erst einmal beantragen die Eltern eine Reha für Gabriel. Am 10. März kommt die Bewilligung – und am gleichen Tag für die Familie der „Schlag ins Gesicht“, wie es Wenneker formuliert. Der Kindergarten schickt die Kündigung für den Kita-Platz: „Wir haben derzeit nicht den Eindruck, dass Sie diesen Platz, der anderweitig dringend benötigt wird, vor der Einschulung Ihres Sohnes noch einmal in Anspruch nehmen werden.“ Da Gabriel im Sommer eingeschult werden solle, halte der Kindergarten eine Wiedereingewöhnung in den letzten Monaten davor aus pädagogischer Sicht für wenig sinnvoll.

Anfang April gibt es noch ein letztes Gespräch zwischen der Kita-Leitung und den Eltern. Das Protokoll liegt der Redaktion vor. Die Kita-Leitung begründet die Kündigung mit fehlender Kommunikation der Eltern zum Kindergarten und nicht eingehaltenen Absprachen, was diese zurückweisen. Die AWO bietet Gabriel ein Besuchsrecht an Vormittagen in Begleitung seiner Mutter an, wenn die beiden Anfang Juni eine stationäre Reha abgeschlossen haben, die sie zurzeit in Münster in Anspruch nehmen. Auch könne der Junge – begleitet – an Aktionen für angehende Schulkinder teilnehmen.

Familienglück: Gabriel geht es wieder besser, wie die erst kürzlich im Zoo gemachte Aufnahme zeigt. Darüber freuen sich auch Mutter Andrea Herzog und Vater Thomas Wenneker. Umso unfassbarer ist für sie die Kündigung des Kindergartenplatzes in der AWO-Kita Am Königsteich.

Familienglück: Gabriel geht es wieder besser, wie die erst kürzlich im Zoo gemachte Aufnahme zeigt. Darüber freuen sich auch Mutter Andrea Herzog und Vater Thomas Wenneker. Umso unfassbarer ist für sie die Kündigung des Kindergartenplatzes in der AWO-Kita Am Königsteich. Foto: privat

Andrea Herzog und Thomas Wenneker reicht das nicht. Sie pochen auf Rücknahme der Kündigung und haben eine Rechtsanwältin eingeschaltet. „Wir sind erst einmal froh, dass es unserem Sohn relativ gut geht nach all dem und wollen einfach nur kämpfen für andere Eltern oder Kinder, die zwei Jahre durch die Hölle gehen.“

Der AWO-Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen hat die Kündigung vor einigen Tagen noch einmal schriftlich bestätigt. Auch aufgrund der seltenen Inanspruchnahme des Kita-Platzes im vergangenen Jahr – insgesamt 18 Tage – gebe es „keine vertrauensvolle Zusammenarbeit“, lässt der zuständige Fachbereichsleiter Jürgen Schepp die Eltern wissen. Er empfiehlt ihnen, sich ans Kreisjugendamt in Steinfurt zu wenden, um nach einem anderen Kindergarten bis zu den Sommerferien Ausschau zu halten. „Der Platz von Gabriel ist schon anderweitig belegt.“

Träger bietet jetzt Gespräche an

Der AWO-Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen als Träger der Kindertagesstätte Am Königsteich rudert anscheinend zurück. „Ich glaube, dass wir zu einer Einigung kommen“, erklärte der zuständige Fachbereichsleiter Jürgen Schepp am Freitag auf WN-Nachfrage. Sobald die Leiterin der AWO-Kita aus dem Urlaub zurück sei, wolle man sich mit den Eltern des kleinen Gabriel zusammensetzen, um eine gemeinsame Lösung zu finden, wie die Betreuung des Jungen in den letzten sechs Wochen bis zu den Sommerferien gewährleistet werden könne. Vielleicht sei eine Wiederaufnahme denkbar oder eine Betreuung als Gastkind. Das jetzige Vorgehen sei am Freitag so auch mit dem Kreisjugendamt abgestimmt worden, versichert Schepp.

„Wir lassen kein Kind im Stich“, sagte er und bittet gleichzeitig um Verständnis für die vorherigen Entscheidungen des Trägers. „Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern dazwischen viele Grautöne“, meinte der Fachbereichsleiter. In Westerkappeln gebe es zu wenige Kindergartenplätze. Da der Platz von Gabriel kaum genutzt worden sei, habe man diesen einem anderen Kind anbieten wollen, das dringend darauf angewiesen sei.

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