Bürgerschützenverein Westerkappeln lässt Clubleben nach „Abschiedsfest“ am 23. Juli ruhen
Ins künstliche Koma

Westerkappeln -

Sterben kann ein quälender Prozess sein. Manchmal wird der Patient ins künstliche Koma versetzt, um den Schmerz zu betäuben. Der Bürgerschützenverein Westerkappeln hat sich nun auch so einen Tiefschlaf verordnet. Ob er jemals wieder daraus erwacht, ist offen.

Dienstag, 20.06.2017, 16:06 Uhr

Das waren noch Zeiten: 1996 stürmten die Berliner Pankgrafen, ein weltlicher Ritterorden mit Westerkappeln als Vasallenstadt, zum 200-jährigen Bestehen des Bürgerschützenvereins das Rathaus und Haus Cappeln. Nach der spektakulären Jubiläumsfeier ging es mit den Bürgerschützen eigentlich nur noch bergab. Jetzt soll das Vereinsleben erst einmal ruhen.
Das waren noch Zeiten: 1996 stürmten die Berliner Pankgrafen, ein weltlicher Ritterorden mit Westerkappeln als Vasallenstadt, zum 200-jährigen Bestehen des Bürgerschützenvereins das Rathaus und Haus Cappeln. Nach der spektakulären Jubiläumsfeier ging es mit den Bürgerschützen eigentlich nur noch bergab. Jetzt soll das Vereinsleben erst einmal ruhen. Foto: Detlef Dowidat

„Wir haben entschieden, den Verein zunächst einmal ruhen zu lassen“, sagt der Vorsitzende Jürgen Schulte . „Auflösen kann man ihn nur einmal. Dann sind über 200 Jahre Tradition weg.“

1796 wurde der Bürgerschützenverein Westerkappeln gegründet. Er ist damit der älteste Verein in der Gemeinde. Ums Überleben kämpft er aber schon seit Jahren. Anfang 2013 wurde schon einmal laut über die Auflösung nachgedacht, nachdem niemand in Sicht war, der die Verantwortung als Vorsitzender tragen wollte. Jürgen Schulte sprang damals nicht nur in die Bresche, sondern versuchte durch gezielte Ansprache und neue Veranstaltungen wie die regelmäßigen Clubabende neue Leute zu gewinnen und den Zusammenhalt in der Truppe zu stärken.

Richtig auf die Beine kam der Bürgerschützenverein aber nicht. Zwar machte sich zunächst noch Optimismus breit, als Hans-Peter Schüro 2013 zum König ausgerufen wurde. In den Folgejahren fand sich dann jedoch niemand mehr, der das Zepter übernehmen wollte. Vergangenes Jahr fiel das Schützenfest deshalb ganz flach, der Verein begnügte sich mit einem Frühschoppen. Ohne König mache ein Schützenfest auch keinen Sinn, findet Schulte.

Das größte Problem ist die Mitgliederstruktur. Die Schützen werden immer älter, neue kommen kaum nach. „Wir hatten zwar einige Neuaufnahmen, aber wenn wir drei neue hatten, sind vier andere gestorben“, bedauert der Vorsitzende. Aktuell zähle der Verein noch knapp 60 Mitglieder. Vor einigen Jahren sei eine ganze Gruppe von Jungschützen dem Verein beigetreten. Den überwiegenden Teil habe es beruflich jedoch in andere Regionen verschlagen, so dass die Bürgerschützen nur kurzzeitig auf Blutauffrischung hoffen durften.

Jürgen Schulte

Jürgen Schulte Foto: Thorsten Kleinhubbert

Schulte dachte deshalb nach eigenen Worten auch über eine Fusion mit anderen Schützenvereinen in der Gemeinde nach, die teilweise mit gleichen Problemen kämpfen. „Da gibt es leider oft ein Kirchturmdenken.“ Überdies hänge den Bürgerschützen der Ruf des Elitären an – zu Unrecht, wie Schulte meint. Dass ein paar Schützenvereine in Westerkappeln noch ziemlich vital sind, hänge damit zusammen, dass sie in den Bauerschaften einen anderen Stellenwert besäßen. „Anstelle einer Schultüte gibt es da eine Schützenjacke“, sagt Schulte überspitzt.

Aus all den Gründen haben die Mitglieder im Frühjahr beschlossen, den Verein vorerst zu suspendieren, also das Clubleben ruhen zu lassen. Die Vereinsfahne hat somit weiter Bestand, das – dringend renovierungsbedürftige Schützenhaus – bleibt erhalten.

Am Sonntag, 23. Juli, sind die Mitglieder des Bürgerschützenvereins Westerkappeln zu einem „Abschiedsfest“, wie Schulte es nennt, eingeladen. Der Frühschoppen beginnt um 11 Uhr in der Gaststätte Rieskamp-Goedeking. Beerdigen möchte der Vorsitzende die Bürgerschützen damit nicht. „Wir gucken mal, wie sich die Situation entwickelt. Man weiß nie, wie die Welt sich dreht.“

2021 feiert der Bürgerschützenverein Westerkappeln sein 225-jähriges Bestehen. Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, den Patienten aus der kontrollierten Langzeitnarkose zu holen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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