Depressionsbetroffene machen Station in Westerkappeln
Mit dem Tandem auf „Mut-Tour“

Westerkappeln -

Auf dem Tisch im Eiscafé ein großer Eisbecher mit vielen Pralinen: Den teilen sich die sechs Frauen und Männer, die am Mittwoch mit ihren Tandem-Rädern Station gemacht haben in Westerkappeln. Von einer kulinarischen Tour kann aber keinesfalls die Rede sein. Die Männer und Frauen sind vielmehr auf „Mut-Tour“ und als solche Teil einer großen Gruppe, die derzeit in ganz Deutschland unterwegs ist, um für einen offenen Umgang mit Depressionen zu werben.

Mittwoch, 12.07.2017, 17:07 Uhr

Werben für einen offenen Umgang mit Depressionen: Doris Schulten, Lisa Meyer, Dietmar Reinberger, Bettie de Vries, Paula Pukka und Sebastian Burger (von links).
Werben für einen offenen Umgang mit Depressionen: Doris Schulten, Lisa Meyer, Dietmar Reinberger, Bettie de Vries, Paula Pukka und Sebastian Burger (von links). Foto: Katja Niemeyer

Auf dem Tisch im Eiscafé ein großer Eisbecher mit vielen Pralinen: Den teilen sich die sechs Frauen und Männer, die am Mittwoch mit ihren Tandem-Rädern Station gemacht haben in Westerkappeln. „Wir sind auf einer Schlemmertour“, scherzt einer in der Gruppe und nimmt einen großen Löffel. Schließlich muss man sich irgendwie bei Laune halten angesichts des strömenden Regens.

Von einer kulinarischen Tour kann aber keinesfalls die Rede sein. Die Männer und Frauen sind vielmehr auf „Mut-Tour“ und als solche Teil einer großen Gruppe, die derzeit in ganz Deutschland unterwegs ist, um für einen offenen Umgang mit Depressionen zu werben. Bei ihren Stopps wollen sie anderen Menschen Mut machen, unverkrampft mit der Erkrankung umzugehen. Trägerin der Aktion ist die Deutsche Depressions-Liga.

„Ich leide zeit meines Lebens unter Depressionen“, sagt Bettie de Vries und lässt durchklingen, dass sie phasenweise schwer gelitten hat unter der Erkrankung. „Als Kind war ich öfters bedrückt, frustriert und hatte zu nichts Lust. Das wurde damals als Störung des vegetativen Nervensystems abgetan“, erzählt die 53-Jährige, die im Raum Hannover zu Hause ist. Inzwischen habe sie aber gelernt, mit der Depression zu leben. „Ich treibe sehr viel Ausdauersport, gehe raus in die Natur und habe schlichtweg ein Auge auf mich“, berichtet die Architektin. Woran sie merkt, dass die Erkrankung wieder ausbricht? „Wenn ich zum Beispiel an einem schönen Sommertag in mir selbst verharre, wenn ich über Dinge grübele, die nicht Platz in meinem Herzen haben sollten.“

Das Sechser-Team ist mit drei Tandem-Fahrrädern unterwegs. Start war am Montag in Bremen. Gestern ging es von Bersenbrück über Westerkappeln nach Ibbenbüren – eine Tagesetappe von mehr als 60 Kilometern. In Mönchengladbach endet die Tour in ein paar Tagen für die Gruppe. Im Rahmen der Aktion sind noch weitere Teams in Deutschland unterwegs, einige zu Fuß oder mit dem Kajak.

Zelt und Isomatte haben die Radler auf ihre Gepäckträger geschnallt. Manchmal wird ihnen auf ihrem Weg aber auch ein Schlafplatz angeboten. So wie kürzlich, als sie von einem Pfarrer eingeladen wurden, im Gemeindehaus der Kirchengemeinde zu übernachten.

3270 Kilometer lange „Mut-Tour“

Zwischen dem 10. Juli und 25. August bewegen sich depressionserfahrene und -unerfahrene Menschen in Sechser-Teams durch ganz Deutschland: zwei Tandemteams, ein Wander- und ein Kajakteam. Insgesamt legen sie so 3270 Kilometer zurück. Die Etappenteilnehmer treffen täglich Journalisten, um vom Umgang mit ihrer Depression zu berichten. Zielort ist Leipzig, wo am 26. und 27. August ein großer Kongress für Depressionspatienten stattfindet.

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An dem Tisch im Eiscafé hat auch Sebastian Burger Platz genommen. Er ist derjenige, der vor vielen Jahren die Idee zu der Aktion hatte und diese seit 2012 als beauftragter Projektleiter für Depressions-Liga betreut. „Eine Freundin leidet stark unter der Erkrankung und berichtete mir von ihrer Angst, ihren Arbeitgeber darüber zu unterrichten“, erläutert er.

Auch Doris Schulten aus Berlin hatte sich Jahrzehnte lang davor gefürchtet, stigmatisiert zu werden. Bis zu dem Tag, als sie in Rente ging, hielt sie ihre Erkrankung bei der Arbeit geheim. „Ich hatte vor allem die Sorge, nicht respektiert oder gar benachteiligt zu werden“, erzählt die 63-jährige ehemalige Krankenschwester, die zuletzt als Pflegedirektorin arbeitete. „Ich kann also gut verstehen, wenn Menschen mit dieser Erkrankung nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen.“

Auf der Tour haben die Radler aus diesem Grund einen große Papp-Smiley dabei, den sie sich bei Bedarf für Pressefotos vors Gesicht halten. Denn auch wenn sie sich auf eine „Mut-Tour“ begeben haben, ist bei einigen die Angst vor Vorurteilen am Ende doch noch zu groß. . .

Depressive Störungen gehören dem Bundesgesundheitsministerium zufolge zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkrankt jeder fünfte Bundesbürger einmal im Leben an einer Depression.

Zum Thema

Depressionsbetroffene und Angehörige können sich in Westerkappeln beim Diakonischen Werk, ' 05404/96360, Rat und Unterstützung holen.

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