Gutachten zu Kindergärten
Evangelische Kirche will wieder Trägerschaften übernehmen

Westerkappeln/Tecklenburger Land -

Überall im Tecklenburger Land werden neue Kindergärten gebaut. Und die evangelischen Kirchengemeinden schauen seit Jahren zu. Das könnte sich nun wieder ändern. „Da werden wir wieder flexibler handeln“, kündigte Superintendent André Ost am Montag anlässlich der Sommersynode des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg an.

Freitag, 06.07.2018, 16:06 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 03.07.2018, 18:30 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 06.07.2018, 16:06 Uhr
Zehn Jahre lang war für die evangelische Kirche in der Region die Übernahme von Trägerschaften für neue Kindergärten kein Thema. Jetzt soll sich das wieder ändern.
Zehn Jahre lang war für die evangelische Kirche in der Region die Übernahme von Trägerschaften für neue Kindergärten kein Thema. Jetzt soll sich das wieder ändern. Foto: Colourbox

Vor zehn Jahren wurden die 28 evangelischen Kitas im Kirchenkreis in die Trägerschaft eines Kindergartenverbundes überführt. Seitdem gilt ein Moratorium. Der Bestand wird gehalten, nicht aber in neue Einrichtungen investiert. „Persönlich hat mir das immer weh getan, dass in vielen Kommunen Kindergärten gebaut werden und wir als evangelische Kirche außen vor bleiben. Das fehlt uns im Gemeindeaufbau“, sagt Olaf Maeder . Der Westerkappelner Pfarrer und Vorsitzender des Leitungsausschusses des Kindergartenverbundes freut sich nun umso mehr über eine Kehrtwende. André Ost formuliert es vorsichtiger, spricht von einer Weiterentwicklung des Verbundes und einer möglichen Ausweitung des Angebotes.

Den Anstoß dazu hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon gegeben. Die wurde vergangenes Jahr damit beauftragt, den Kindergartenverbund und die angeschlossenen 28 Kitas im Rahmen eines Strategieentwicklungsprozesses zu untersuchen. Herausgekommen sind acht Empfehlungen, darunter auch der Ratschlag, das Betreuungsangebot zu erweitern. Wo, wann und wie das getan werden soll, habe Curacon nicht gesagt. „Das fällt in unsere eigene Verantwortung“, betont Ost. Der Superintendent denkt dabei nicht unbedingt nur an neue Kitas, sondern beispielsweise an „Flying Nannys“, an Betriebskindergärten oder Kinderhäuser mit angeschlossenen Ärzten oder Therapeuten. „Ein flexibles Angebot erhöht unsere Marktchancen“, meint Ost.

Was die bestehenden Kindergärten angeht, habe Curacon dem Verbund bescheinigt, dass dieser insgesamt wirtschaftlich arbeite, wenngleich nicht jede Einrichtung bei den Kennziffern im grünen Bereich liege. „Es gibt aber kein Alarmsignal, dass unsere Einrichtungen akut gefährdet sind“, versichert der Superintendent.

Für die 28 bestehenden Kitas schlagen die Wirtschaftsprüfer die Erstellung eines Investitionsplans für Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen vor. Finanziert werden soll das aus einem Solidarfonds. „Ein heikler Punkt“, räumt Ost ein. Denn mit Gründung des Kindergartenverbundes wurden die Kirchengemeinden, denen die Gebäude nach wie vor gehören, aus der finanziellen Verpflichtung zur Beteiligung an Renovierungskosten entlassen, weil die Immobilien dem Verbund mietfrei überlassen werden. Curacon habe festgestellt, dass die Kirchengemeinden trotzdem in der Mitverantwortung stünden.

Zuletzt stellte der Kirchenkreis für Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen 250 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Im Moment helfe das Kita-Rettungsprogramm der schwarz-gelben Landesregierung, mit dem die finanzielle Not der Träger beseitigt werden soll. Auf Dauer müssten aber größere Rücklagen zur Substanzerhaltung geschaffen werden, sagt Ost.

Curacon schlägt einen Solidarfonds vor, an dem sich alle Kirchengemeinden anteilig beteiligen: Pro Gruppe und Jahr sollen 1819 Euro gezahlt werden. Nach fünf Jahren wären dann etwa 750 000 Euro im Topf. „Das müssen wir noch intensiv beraten“, rechnet Maeder offenbar damit, dass der Vorschlag nicht in allen Kirchengemeinden gut ankommen könnte.

In der evangelischen Kindergartenlandschaft tut sich noch mehr. Großen Applaus gab es nach Angaben von Pfarrer Maeder vergangene Woche bei einer Mitarbeiterversammlung in Ibbenbüren für den Vorschlag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon, möglichst viele Stellen in den Kindergärten zu entfristen.

„Das werden wir mutig angehen“, kündigt Maeder an. „Es gibt offenbar mehr befristete Stellen, als wir wahrgenommen haben.“ In Zeiten, wo der Markt für Erzieherinnen und Erzieher leer gefegt sei, müsse der Kirchenkreis handeln, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Freuen dürften sich die beschäftigten wohl auch über die Umsetzung eines weiteren Vorschlags aus dem Hause Curacon. Verwaltungsprozesse sollen vereinfacht werden, damit insbesondere die Einrichtungsleiterinnen sich wieder mehr ihren pädagogischen Aufgaben widmen könnten, berichtet Superintendent André Ost.

Darüber hinaus soll nach Verabschiedung der langjährigen Geschäftsführerin des Kindergartenverbundes Uta van Delden und dem überraschenden Abschied ihrer Stellvertreterin Judith Lindemeier die Leitungsebene umgebaut werden. „Der Umbruch erfolgt radikaler und schneller als eigentlich vorgesehen“, sagt Ost.

Van Deldens Nachfolger Arnd Rutenbeck wird sich auf die Geschäftsführung konzentrieren. Mit Carla Zachey wird ab August eine neue Stelle für die Fachberatung der Kitas eingerichtet, die bislang in Personalunion beim Geschäftsführer liegt. „So wird die Führungsstruktur des Verbunde sinnvoll verbreitert“, erklärt Ost und lobt Rutenbeck, der spürbar „für eine Aufbruchstimmung“ sorge. Olaf Maeder wähnt den Verbund auf einem guten Weg: „Das Klima hat sich deutlich verbessert.“

Rutenbeck nennt für die Umsetzung des Curacon-Gutachtens zwei Grundvoraussetzungen: „Wir müssen gutes Personal finden und an uns binden. Und das Ganze muss finanzierbar sein.“

Die erste Empfehlung der Wirtschaftsprüfer wird übrigens gleich zu den Akten gelegt. Die vorgeschlagene Auslagerung des Kindergartenverbundes in eine gemeinnützige GmbH kommt nicht zum Tragen. „Den Verbund im Schoß von Mutter Kirche zu lassen ist eine weise Entscheidung“, kommentiert Rutenbeck.

Kommentar: Späte Einsicht

Der Evangelische Kirchenkreis und mit ihm der Kindergartenverbund leiten eine Kehrtwende für ihre Tagesstätten ein: Die Kirche will grundsätzlich beim Neubau von Einrichtungen wieder den Hut in den Ring werfen und darüber hinaus flexible Betreuungsangebote schaffen. Dass sie sich zehn Jahre lang bei der Übernahme von Trägerschaften aus wirtschaftlichen Erwägungen vornehm zurückhielt, haben – obwohl Konsens in der Synode – nicht wenige Presbyter und auch Pfarrer eher mit Groll akzeptiert. Denn die Kindergärten sind wohl das beste Fundament einer Gemeinde, um Kontakte zu jungen Familien aufzubauen und diese an sich zu binden.Insofern kommt die Einsicht eigentlich schon zu spät, sind seit 2008 im Tecklenburger Land doch etliche Kitas von sogenannten armen Trägern gebaut worden, für die christliche Traditionen eher eine untergeordnete Rolle spielen.In Westerkappeln beispielsweise wird die AWO demnächst eine neue Tagesstätte beziehen, gebaut von einem Investor, der anonym bleiben möchte und dem es wahrscheinlich vor allem um Rendite geht.

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