„Absolute Spontanreaktion“
Prozess um versuchten Mord: Verteidiger plädieren für maximal fünf Jahre

Westerkappeln/Münster -

Der junge Mann, der sich seit Ende September vor dem Landgericht Münster wegen versuchten Mordes verantworten muss, soll nicht heimtückisch auf einen arg- und wehrlosen Mann geschossen haben. Vielmehr soll es sich bei der Tat um eine Kurzschlussreaktion gehandelt haben.

Montag, 10.12.2018, 16:52 Uhr aktualisiert: 10.12.2018, 18:25 Uhr
 Insgesamt drei Mal schoss der Hauptangeklagte in der Nacht zu Ostermontag durch dieses Fenster und verletzte dabei das Opfer schwer.
 Insgesamt drei Mal schoss der Hauptangeklagte in der Nacht zu Ostermontag durch dieses Fenster und verletzte dabei das Opfer schwer. Foto: Katja Niemeyer

Davon zumindest versuchten die beiden Verteidiger des heute 17-jährigen Hauptangeklagten die 1. Große Strafkammer des Gerichts am Montag in ihren Plädoyers zu überzeugen.

„Das war eine spontane Entscheidung zu schießen“, sagte einer der beiden Verteidiger. Anders als der Staatsanwalt, der, wie berichtet, eine Haftstrafe wegen versuchten Mordes von acht Jahren gefordert hatte, war die Verteidigung der Ansicht, dass der Westerkappelner lediglich wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen sei. Sie hielt eine Freiheitsstrafe von viereinhalb bis fünf Jahren für angemessen.

Heimtücke soll ausgeschlossen werden

Der Angeklagte hatte in der Nacht zu Ostermontag insgesamt drei Mal auf das Opfer, ein 22-Jähriger aus Westerkappeln, geschossen. Unter den schweren Verletzungen leidet der Mann noch heute.

Die Anwälte stellten ihren Mandanten als jungen Mann dar, der vor allem aus Angst vor seinem späteren Opfer zur Waffe gegriffen haben soll. Ohne jeden Zweifel sei er persönlich davon überzeugt gewesen, dass der 22-Jährige ihn „mit einem Messer oder einer Axt“ in Westerkappeln suchen würde. Diese Drohung habe er – ob berechtigt oder unberechtigt sei dabei unbedeutend – für bare Münze genommen. Welche Motive darüber hinaus für die Tat eine Rolle spielten, sei bis zum Ende der Beweisaufnahme unklar geblieben, so die Verteidigung.

Bluttat in Westerkappeln

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  • Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach den Tätern.

    Foto: Katja Niemeyer
  • Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach den Tätern.

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  • Die Spurensicherung ist auch am Dienstag noch im Einsatz.

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  • In dem Haus befindet sich die Wohnung, in der der 22-jährige Westerkappelner niedergeschossen wurde.

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  • Ein Fenster zu der Wohnung ist beschädigt.

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  • Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach den Tätern.

    Foto: Katja Niemeyer
  • Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach den Tätern.

    Foto: Katja Niemeyer

Der Hauptangeklagte hatte vor Gericht ausgesagt, dass er dem 22-Jährigen eine „Abreibung“ verpassen wollte, weil dieser seine Cousine sexuell belästigt und ihr Drogen verkauft habe. „Das hat wohl den Beschützerinstinkt in ihm geweckt“, meinte einer der beiden Verteidiger.

Der junge Mann habe zwar eingeräumt, dass er das Opfer töten wollte, sagte sein Anwaltskollege. Jedoch fehle das Mordmerkmal der Heimtücke. Auch sei nicht erwiesen, dass er eine womöglich arg- und wehrlose Situation des Opfers ausgenutzt habe. Dieses habe vielmehr mit einem Messer neben dem Bett geschlafen, als der Hauptangeklagte zusammen mit zwei Freunden versuchte, durch ein Badezimmerfenster in die Wohnung einzudringen. Die drei Schüsse seien eine „absolute Spontanreaktion“ gewesen, so der Anwalt.

„Laienhaft und wenig durchdacht“

Nach Überzeugung der Verteidigung hätten die drei Angeklagten auch nicht nach einem ausgefeilten Mordplan gehandelt. Stattdessen hätten sie ihren Plan immer wieder kurzfristig geändert, weil etwas schief ging. Die Grube, die sie Tage vor der Tat graben wollten, um darin später die Leiche ihres Opfers verschwinden zu lassen, lief mit Wasser voll. Auch der Versuch, durch die Haustür in die Wohnung des 22-Jährigen zu gelangen, misslang. „Das war alles laienhaft und wenig durchdacht“, befand die Verteidigung.

Als das Trio schließlich durch das Badezimmerfenster einbrechen wollte, sei es überrascht gewesen, dass der Mann zu Hause war. „Das sind keine abgezockten Jugendlichen“, konstatierte einer der beiden Anwälte. Die Handy-Sprachnachrichten, in denen der Hauptangeklagte einen weiteren Freund zum Töten aufgefordert hatte, werteten die Anwälte als Akt reiner Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Nach Überzeugung der Verteidiger ist der Hauptangeklagte „nicht mehr der empathielose und verzogene junge Mann“ wie sie ihn zu Beginn der mittlerweile neunmonatigen Untersuchungshaft kennengelernt hatten. Er habe nunmehr ein Ziel vor Augen, wolle seinen Schulabschluss nachholen und eine Ausbildung beginnen.

Der Verteidiger des mitangeklagten 17-Jährigen plädierte in seinem Schlussvortrag für eine „gerechte Strafe“. Von einem Tötungsvorsatz habe sein Mandant nichts gewusst. Er sei deshalb lediglich wegen gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen. Ähnlich argumentierte die Verteidigerin des dritten zur Tatzeit 18-jährigen Angeklagten. Weil dieser außerdem sehr früh ein umfassendes Geständnis ablegte, plädierte sie für eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung.

Der Staatsanwalt hatte für den 17-Jährigen eine Strafe von sechs und für den 18-Jährigen von vier Jahren und zehn Monaten gefordert.

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