Quartierskonzept Paradieschen
Viel Papier als Grundlage

Westerkappeln -

So viel kann man festhalten: Für ihren Eigenanteil in Höhe von 18 528 Euro und einen Cent hat die Gemeinde Westerkappeln schon mal eine Menge Papier bekommen. Das sogenannte Quartierskonzept für die Siedlung Paradieschen ist fertig. Auf 161 Seiten kann jetzt jeder nachlesen, wie es energetisch um das Wohngebiet bestellt ist und vor allem, was getan werden könnte, um die in die Jahre gekommenen Gebäude zu modernisieren. Das soll nun in Form eines Sanierungsmanagements angeschoben und begleitet werden.

Montag, 04.02.2019, 18:48 Uhr aktualisiert: 04.02.2019, 18:50 Uhr
Die Anbindung des Hauses der Diakonie und des Wohnheims der Ledder Werkstätten ans Nahwärmenetz oder die Schaffung von Begegnungsräumen sind einige Vorschläge der Verfasser des Quartierskonzeptes für die Siedlung Paradieschen. Die meisten Häuser im Paradieschen werden mit Gas beheizt.
Die Anbindung des Hauses der Diakonie und des Wohnheims der Ledder Werkstätten ans Nahwärmenetz oder die Schaffung von Begegnungsräumen sind einige Vorschläge der Verfasser des Quartierskonzeptes für die Siedlung Paradieschen. Die meisten Häuser im Paradieschen werden mit Gas beheizt. Foto: Jung Stadtkonzepte

Das Quartierskonzept ist Bestandteil des Projektes „Sieben auf einen Streich“. Außer fürs Paradieschen wurden solche Pläne noch für Wohngebiete in sechs anderen Kommunen des Kreises Steinfurt aufgestellt, unter anderem in Mettingen und Ibbenbüren. Das Vorhaben wird aus des Förderprogramms „KfW 432 – Energetische Stadtsanierung“ bezuschusst. Zunächst hatte das mit dem Konzept beauftragte Ingenieurbüro Gertec (Essen) eine Bestandsaufnahme und Potenzialanalyse für die Siedlung gemacht. Involviert waren auch das durch die Entwicklung der Haubreede in Westerkappeln bekannt gewordene Büro „Jung Stadtkonzepte“ (Köln) sowie der Kreis Steinfurt mit dem angeschlossenen Verein „energieland 2050“.

In dem 28 Hektar großen Viertel gibt es 165 Gebäude mit über 200 Wohnungen. Fast des Hälfte des Untersuchungsgebietes nehmen allerdings das Schul- und Sportzentrum einschließlich Freibad, Flüchtlingsheim Hof Schildkamp sowie Fußballplätze und AWO-Kita Am Königsteich ein. Auch das Haus der Diakonie und der Wohnbereich der Ledder Werkstätten wurden dem Quartier zugeschlagen.

Die meisten Häuser im Paradieschen werden mit Gas beheizt.

Die meisten Häuser im Paradieschen werden mit Gas beheizt.

Energie- und Klimabilanz

und Dreiviertel der Wohngebäude im Paradieschen sind Einfamilienhäuser, überwiegend gebaut in den 1950er- und-60er Jahren. Knapp ein Viertel der Immobilien sind Reihenhäuser. Wegen des Schulzentrums nehme das Paradieschen eine Sonderrolle im Vergleich zu den sechs anderen Quartieren ein. Das bringe besondere Herausforderungen mit sich, biete aber auch Chancen, meinen die Verfasser des Quartierskonzeptes.Für die Siedlung wurde eine Energiebilanz aufgestellt: Als Energieträger spielt Erdgas die größte Rolle (60 Prozent), gefolgt von einem Strommix (25 Prozent). Mit zehn Prozent ist der Anteil „sonstiger“ Energieträger vergleichsweise hoch, was mit dem Holzheizwerk im Schulzentrum zu begründen ist.Die meiste Energie verbrauchen die Wohnhäuser (60 Prozent). Knapp ein Drittel geht zu Lasten der Schulen und anderer öffentlicher Gebäude, der Rest verteilt sich auf Einrichtungen wie das Altenpflegeheim.Auch eine Klimabilanz haben die Fachleute ermittelt. Danach produziert jeder Bewohner im Quartier 7,7 Tonnen Kohlendioxid (CO) und andere Treibhausgase, zusammen 3466 Tonnen. Im Vergleich zum Kreis Steinfurt (9 Tonnen) und dem Durchschnitt der Gemeinde Westerkappeln (9,7 Tonnen) erscheint das wenig. Das liege daran, dass bezogen auf das ganze Gemeindegebiet der Großteil der Emissionen (45 Prozent) vom Verkehr verursacht wird, der in der Siedlung eine weniger große Rolle spiele.Im Paradieschen verursachten die Wohngebäude die meisten Emissionen, es gebe nur wenige vollsanierte Gebäude, lautet eine weitere Erkenntnis des Gutachtens.

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Doch was sollen die Gemeinde und vor allem die Betroffenen im Paradieschen mit dem geballten Wissen der Gutachter anfangen? „Jetzt gilt es, die Ergebnisse umzusetzen“, erklärt Sara Dietrich , die das Projekt für den „energieland 2050 e.V.“ begleitet und das Quartierskonzept vergangene Woche zusammen mit Diplom-Ingenieurin Dr. Katrin Scharte (Gertec) dem Umweltausschuss vorstellte. Diese „Phase B“ sei auf drei bis fünf Jahre ausgelegt.

Auf Grundlage der Potenzialanalyse wurden in dem Quartierskonzept verschiedene Themen für künftige Maßnahmen herausgearbeitet. So sehen die Verfasser unter anderem gute Chancen für den Ausbau der Photovoltaik und schlagen vor, das Haus der Diakonie und das Wohnheim der Ledder Werkstätten ans Nahwärmenetz des Schulzentrums anzuschließen.

Für einen Erfolg seien weiche Faktoren als „Türöffner“ wichtig, sagt Dietrich und nennt die Verbesserung des Wohnumfeldes und der Mobilität als Stichworte. „Wenn die stimmen, ist man auch eher bereit, in eine Sanierung zu investieren.“

Um das zu erreichen, müssten die Bewohner motiviert und aktiviert werden. Dreh- und Angelpunkte seien beim Sanierungsmanagement Beratungsangebote und Öffentlichkeitsarbeit. Dazu werde ein neutraler „Kümmerer vor Ort“ installiert. Um den Bürgern möglichst viel Papierkram abzunehmen, soll das Projekt kreisweit gesteuert werden.

Wenn es ein Beratungsangebot gebe, könne dies sicher auch auf andere Siedlungen übertragen und dort genutzt werden, erklärt Katrin Scharte auf Nachfrage von Dieter Mittelberg (SPD).

Rainer Echterhoff ist skeptisch. „Gerade ältere Hausbesitzer werden fragen, ob sich das lohnt. Die Anreize für die Hausbesitzer müssten größer sein.“ Zumal: Senioren hätten oftmals gar keine Chance mehr, von ihrer Bank einen Kredit zu bekommen. „Das ist ein Hemmschuh“, glaubt Echterhoff.

Das will Scharte nicht bestreiten. Deshalb sei im Quartierskonzept ja auch altersgerechtes Wohnen als strategisches Ziel festgeschrieben worden. So seien Vorschläge für Barrierefreiheit oder Vermietung von Gebäudeteilen gemacht worden. „Und kleine energetische Maßnahmen sind nicht so kostenintensiv“, ergänzt die Diplom-Ingenieurin. Ebenso sinnvoll seien Beratungsangebote zum Hausverkauf. „Wenn man solche Lösungen mitdenkt, kann man auch das Thema energetische Sanierung bespielen.“

Der Ausschuss hat am Ende einstimmig empfohlen, sich einem vom Kreis koordinierten Sanierungsmanagement für das Paradieschen anzuschließen. Eigenes Personal muss die Gemeinde nicht einstellen, sondern sich lediglich in den nächsten drei Jahren mit jeweils 5000 Euro beteiligen. Insgesamt soll das Sanierungsmanagement pro Jahr für das Quartier in Westerkappeln 37 000 Euro kosten, wobei wieder ein 65-prozentiger Zuschuss der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erwartet wird. Investitionszuschüsse gebe es aber keine, betont Dietrich.

Das Quartierskonzept für das Paradieschen hat übrigens 78 663,09 Euro oder rund 489 Euro pro Seite gekostet. Geplant waren ursprünglich gut 87 500 Euro, weshalb auch der Eigenanteil der Gemeinde etwas kleiner ausgefallen ist.

Kommentar: Papier ist geduldig

Fast 80 000 Euro sind für das Quartierskonzept Paradieschen aufgewendet worden. Das vom Umweltausschuss empfohlene Sanierungsmanagement kostet mehr als das Dreifache. Das Gutachten selbst liefert umfassende Daten und Handlungsempfehlungen für das Wohngebiet und das Schulzentrum. Doch Papier ist geduldig. Mit dem Sanierungsmanagement sollen die Bewohner des Viertels jetzt motiviert werden, Geld in die Modernisierung ihrer Häuser zu stecken. Auf sie kommt es am Ende an. Denn bis jetzt ist noch kein Gramm COeingespart worden. Und die Bedenken von Ratsmitgliedern, dass insbesondere für ältere Leute kostenintensive Renovierungen gar nicht mehr in Frage kommen, sind nicht abwegig. Viele wären statt mit guter Beratung vermutlich mit einem Barzuschuss für eine Dreifachverglasung ihrer alten Fenster oder für einen neuen Heizkessel leichter aus der Reserve zu locken.

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