Vorpremiere „Der Steinkohlenbergbau in Ibbenbüren“: Eine Filmkritik
Denn sie bleiben bis zum Schluss

Tecklenburger Land -

„Wir waren hier immer wie eine Insel.“ Eine Aussage, die im Bezug auf das Ibbenbürener Bergwerk für Außenstehende befremdlich klingen mag. Ein Bergwerk mit einer 500-jährigen Geschichte als Insel bezeichnen ? Und doch, wer Christian Kochs Film „Der Steinkohlenbergbau in Ibbenbüren“ sieht, der erkennt, dass dieses Zitat in Bezug auf den nördlichsten Standort der RAG hohen Wahrheitsgehalt hat.

Sonntag, 14.04.2019, 14:44 Uhr aktualisiert: 14.04.2019, 14:46 Uhr
Irgendwann kommt der Tag: Mitarbeiter des Ibbenbürener Bergwerks stehen bei Christian Kochs Film im Mittelpunkt.
Irgendwann kommt der Tag: Mitarbeiter des Ibbenbürener Bergwerks stehen bei Christian Kochs Film im Mittelpunkt. Foto: Christin Plechinger

40 Minuten umfasst dieser Film, der den Anspruch hat, das Ibbenbürener Bergwerk in Gänze vorzustellen, seinen Charakter einzufangen und den Weg bis zur Schließung zu dokumentieren. Das haben Christian Koch und sein Team geschafft.

Das Mittel zum Erfolg sind hier die realen Mitarbeiter des Bergwerks. Authentisch, ohne Drehbuch oder auswendig gelernte Texte. Gesichter und Geschichten, alle mit der Gemeinsamkeit, dass dieser Pütt für sie einen ganz besonderen Platz im Herzen einnimmt. Locke und Langer, zwei Hauer aus der Gewinnung, nehmen den Zuschauer mit auf ihren täglichen Arbeitsweg ins Bergwerk. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine groß, und schlank – Langer. Der andere klein, kräftig und mit leicht gelocktem Haar – Locke.

An sie bindet Koch Teil I „Wir bleiben bis zum Schluss“. Gebürtig kommen sie aus dem Ruhrgebiet. Wer jetzt kritisch sein möchte, könnte anmerken, dass es sich nicht um echte Ibbenbürener handelt. Aber während an Ruhr und Saar die Zechen schlossen, fanden viele Kumpel auf der „Insel“ Ibbenbüren Arbeit und ein neues Zuhause. Zudem verkörpern diese zwei Charaktere, die seit mehr als 30 Jahren zusammen vor Kohle stehen, das „Kumpel-sein“ eindrucksvoll.

Auf ihrem Weg ins Bergwerk bekommt der Zuschauer Einblicke, die nur der „intimste“ Kreis, die Mitarbeiter selber, sonst hat. Um einen einseitigen Blick zu vermeiden, setzt Koch auf Perspektivenwechsel. Auf dem „Arbeitsweg“ von Locke und Langer lässt er andere Mitarbeiter einfließen. Er filmt sie bei der Arbeit, lässt ihre Stimme im Off erzählen, verzichtet auf epochale und schwermütige Musik und schafft so eine eigene Dramaturgie. Und vor allem eine Authentizität fernab von jeglichem Pathos oder Jubelgesang auf den Bergbau.

Ob es die Verkäuferin Janulla Heine ist, die weiß: „Kumpels musst du so nehmen, wie sie durch das Drehtor reinkommen“, oder der junge Steiger Florian Hövelmeyer, der nun seit 17 Jahren auf der Zeche ist, obwohl alle gesagt haben: „Die machen doch eh zu.“ Oder der Vorsitzende des Knappenvereins, Harald Böhm , der einst selbst in Führungsposition auf dem Pütt gearbeitet hat und sagt: „Kohle ist für mich nicht nur ein Rohstoff. Für mich war Kohle immer etwas Besonderes.“ Es sind diese ehrlichen Aussagen, die klar machen, wie das Leben dieser Menschen mit der Kohle verbunden ist.

Das ist der zweite Clou von Christian Koch. Das Wechselspiel von Mensch und Kohle. So detailliert er die Menschen einfängt, so klein lässt er sie durch manche Aufnahmen wirken, um die Dimensionen des Bergwerks zu verdeutlichen.

Gleichzeitig ist dieses Wechselspiel, das sich nahtlos durch den Filmverlauf zieht, auch der Ansatzpunkt, um den Stellenwert der Zeche in der Region darzustellen. Von den „intimen“ Einblicken in die Zeche, in Streb und Strecke, hinaus in die Region. „Hier gab es nur den Bergbau,“ erklärt Harald Böhm. Koch untermauert diese Aussage mit Luftaufnahmen, die den Pütt als zentralen, regionalen Punkt offenbaren.

Die Beziehung Mensch und Kohle verdeutlicht auch die Werte: Sicherheit, Füreinandereinstehen, Solidarität. Koch durfte die Grubenwehr filmen, wo der Saarländer Betriebsrat Stefan „Benno“ Henrich sagt: „Es gibt Jahre, da ist alles gut und Jahre, da ist es eben nicht. Das macht dich härter.“

Wenn Benno in den Ruhestand geht, hat er 20 Jahre in der Grubenwehr gedient, Seite an Seite mit anderen Kumpeln jeglicher Hierarchie. „In der Grubenwehr spielen Hierarchien keine Rolle,“ erklärt Thomas Bohlmann. Hier ist der Prokurist Kumpel wie der Hauer von unter Tage.

Teil II „Irgendwann kommt der Tag“ begleitet die Mitarbeiter im letzten Produktionsjahr. Koch stellt ihre Emotionen dar. Es geht um die Mannschaft, Zusammenhalt, Familie, wie sie es nennen. Es ist mehr als nur Industrie. Es geht um Menschen, die angesichts der Aufgabe „Bergbau“ zur Mannschaft wurden: Über alle Hierarchien hinweg, über Jahrhunderte entwickelt. Eine Mannschaft, in der jeder seinen Platz hat und die wusste, dass „Irgendwann der Tag kommen wird.“

Dieser Film stellt den Mitarbeiter und seine Bindung zur Kohle in den Mittelpunkt. Koch konnte dafür aus den Vollen schöpfen, die Mitarbeiter ließen ihn an ihren Gefühlen teilhaben. Dadurch ist dieser Film mehr als eine Erinnerung. Es ist ein Blick in den „intimsten“ Kreis der kleinen „Kohle-Insel“ im Tecklenburger Land.

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