Artenschwund
Singvögeln droht der Hungertod

Westerkappeln -

Wer sich auf seinem Grundstück über ein vielstimmiges Konzert von Singvögeln freuen möchte, sollte dieses möglichst naturnah gestalten, empfiehlt der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland. Doch das scheint nicht mehr viel zu helfen. Friedhelm Scheel, Umweltaktivist aus Westerkappeln, beobachtet selbst in seinem großen, grünen Garten „eine absolut alarmierende Entwicklung“.

Donnerstag, 23.05.2019, 18:00 Uhr
In der freien Landschaft und in Gärten wird es immer stiller: Der Bestand an Singvögeln – hier ein Rotkehlchen – schrumpft nach Beobachtungen von Naturschützern bedrohlich.Erschreckender Befund: Friedhelm Scheel hat in einem Nistkasten drei halbwüchsige, verendete Kohlmeisen entdeckt. Er vermutet, dass sie verhundert sind.
In der freien Landschaft und in Gärten wird es immer stiller: Der Bestand an Singvögeln – hier ein Rotkehlchen – schrumpft nach Beobachtungen von Naturschützern bedrohlich.Erschreckender Befund: Friedhelm Scheel hat in einem Nistkasten drei halbwüchsige, verendete Kohlmeisen entdeckt. Er vermutet, dass sie verhungert sind. Foto: Dietmar Jeschke

Scheel setzt sich seit Jahren in Westerkappeln und Umgebung mit Unterstützung zahlreicher Jugendlicher unermüdlich für den Schutz von Eulen, gefiederten Beutegreifern und Singvögeln ein. Den Garten seines 1200 Quadratmeter großen Grundstücks an der Bullerteichstraße hat er in den zurückliegenden Jahren sehr abwechslungsreich und naturfreundlich gestaltet. Dort findet man alte Obstbäume, einheimische Sträucher, eine Blühwiese, einen Gartenteich, vier 30 Jahre alte Kopfweiden, eine aus einem Samen gezüchtete Fichte und drei größere Komposthaufen.

Ein Dutzend verschiedene Nistkästen hat er aufgehängt, in denen lange Kohl- und Blaumeisen und ein Paar Haussperlinge ihre Brut erfolgreich aufzogen. Doch jetzt scheint der Vogeltod auch bei ihm umzugehen: „Im vergangenen Jahr wurde das Gelege von den Blaumeisen verlassen“, berichtet Scheel. Die jungen Kohlmeisen seien halbwüchsig im Nest verendet.

In diesem Jahr beobachtete der Umweltschützer nach eigener Erzählung erneut sehr intensiv seine Nistkästen. Nur ein Kohlmeisenpärchen sei zur Brut geschritten. „Gestern noch ein lautstarkes Piepen aus der Brutstätte. Beide Elternvögel trugen eifrig Raupen zur Fütterung in den Kasten ein. Heute absolute Stummheit“, berichtet der Westerkappelner. Vorsichtig habe er den Holzbetonkasten geöffnet. Drei halbwüchsige Kohlmeisen hatten das Nest im rückwärtigen Bereich verlassen und waren direkt vor dem Eingang verendet.

Erschreckender Befund: Friedhelm Scheel hat in einem Nistkasten drei halbwüchsige, verendete Kohlmeisen entdeckt. Er vermutet, dass sie verhungert sind.

Erschreckender Befund: Friedhelm Scheel hat in einem Nistkasten drei halbwüchsige, verendete Kohlmeisen entdeckt. Er vermutet, dass sie verhungert sind. Foto: privat

„Ich kann es nicht beweisen, aber ich schreibe das der Gesamtsituation in unserer Kulturlandschaft zu. Selbst innerhalb eines ziemlich intakten ökologisch ausgerichteten Gartens ist die Nahrungsgrundlage von Insekten bis auf ein Minimum zusammengeschrumpft“, beklagt Scheel.

Es geht um 14,5 Millionen Tonnen Biomasse, die als Nahrungsquelle verloren gegangen sind.

Gisbert Lütke, Geschäftsführer des Nabu-Kreisverbands Steinfurt, zur Bedeutung des Insektensterbens für die Vogelwelt.

Eine Einschätzung, mit der der Westerkappelner beileibe nicht alleine steht. Auch Gisbert Lütke , Geschäftsführer des Nabu-Kreisverbands Steinfurt, sieht im Insektensterben den Grund für das Verschwinden der Singvögel. Allerweltsarten wie Amsel und Buchfinken seien zwar noch recht häufig zu beobachten. Für Spezialisten wie den Hausrotschwanz oder das Rotkehlchen sehe es jedoch düster aus. „Wir haben seit Beginn der Zählungen einen Rückgang von 45 Prozent.“

Der Entomologische Verein Krefeld hat 30 Jahre lang Millionen von Insekten gefangen und gewogen und dabei vor allem bei den Fluginsekten einen Schwund von mehr als 75 Prozent festgestellt. „Die Studie ist mittlerweile Konsens“, betont Lütke. „Es geht um 14,5 Millionen Tonnen Biomasse, die als Nahrungsquelle verloren gegangen sind.“

Scheels Schilderungen seien sicher keine Einzelbeobachtung. Gerade jetzt in der Aufzuchtphase fehle es den Vögeln an tierischem Eiweiß. „Das kann man mit Körnerfutter nicht kompensieren“, gibt der Nabu-Geschäftsführer zu bedenken. „Irrsinnigerweise“ sei die Situation für Vögel in urbanen Bereichen günstiger als auf dem Land. Zum einen scheine der Verfolgungsdruck durch Krähenvögel in der Stadt geringer zu sein, zum anderen gebe es in dichter bebauten Bereichen mittlerweile ein besseres Nahrungsangebot. Denn in den Gärten kämen offensichtlich weniger Pestizide und Insektizide zum Einsatz.

Für das Insektensterben und damit den Singvogelschwund macht Lütke vor allem die Landwirtschaft verantwortlich. Wenn Unkräuter oder besser Beikräuter weggespritzt würden, fehle den Insekten die Nahrung. Dabei will der Nabu-Geschäftsführer nicht mit Schuldzuweisungen auf die Landwirte eindreschen. „Wir müssen die Verfahren beim Pflanzenschutz ändern.“

Wir müssen vor Ort mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln diese Entwicklung aufhalten.

Friedhelm Scheel, Umweltaktivist Westerkappeln

Friedhelm Scheel befürchtet ein Fortschreiten des Artensterbens „in nie dagewesenem Ausmaß“ und ruft dazu auf, „vor Ort mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln diese Entwicklung aufzuhalten“. Dass sein Appell fruchtet, glaubt der nicht überall wohlgelittene Umweltaktivist aber wohl selbst nicht. Ein einheimischer Fachmann aus der „grünen Szene“ habe ihm vor ein paar Tagen geraten, er solle doch bitte woanders Naturschutz betreiben. „Dort hätte ich dann auch sicher positive Erlebnisse.“

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