Warum ein Lotter Bauer Aldi mit Biofleisch beliefert
Festpreis und lange Laufzeit

Lotte/Essen -

Seit einem Jahr beliefert der Neuland-Verband den Discounter Aldi mit Schweinefleisch aus besonders am Tierwohl orientierter Haltung. Für die einen ein Pakt mit dem Teufel, für die anderen eine große Chance.

Mittwoch, 14.08.2019, 17:08 Uhr
Auslauf, frische Luft, Tageslicht und reichlich Stroh haben die insgesamt 350 Schweine der Lotter Neuland-Landwirtes Martin Steinmann.
Auslauf, frische Luft, Tageslicht und reichlich Stroh haben die insgesamt 350 Schweine der Lotter Neuland-Landwirtes Martin Steinmann. Foto: Angelika Hitzke

Der Lotter Landwirt Martin Steinmann ist Neuland-Bauer. Sein Hof liegt gerade einmal einen Steinwurf entfernt vom Aldi-Markt in Lotte. Das Fleisch aus seiner Erzeugung ist nach den strengen Regeln des Fachverbandes zur Förderung einer tiergerechten, umweltschonenden, qualitätsorientierten, bäuerlichen Nutztierhaltung produziert. Im Lotter Aldi-Markt und auch in den Discounter-Filialen in der Region Osnabrück sucht man danach jedoch vergebens. Unter der hauseigenen Dachmarke „Fair & Gut“ wird das Neulandfleisch bei Aldi Nord nur in ausgewählten Filialen in und um Hamburg sowie in Teilen Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns. Martin Steinmann berichtet über die Hintergründe und zieht eine vorsichtige Bilanz nach einem Jahr Kooperation.

„Aldi ist auf Neuland zugekommen“, erklärt Steinmann und berichtet: „Wir haben lange überlegt und dann gesagt, wir machen es.“ Im Vertrag mit dem Discounter „haben wir unsere Preisvorstellungen durchgedrückt und langfristig abgesichert“, sagt er.

In einer Pressemitteilung vom 6. August 2018 verkündete die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die neben dem Deutschen Tierschutzbund und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland Träger des Neuland-Verbandes ist, dass der landwirtschaftliche Tierwohlpionier ab 27. August 2018 mit Aldi kooperieren werde. In dieser Pressemitteilung wird auch Martin Steinmann als langjähriger Neuland-Bauer, Eierproduzent, Schweinemäster und Vorstand des Neuland-Erzeugerzusammenschlusses zitiert: „Seit 30 Jahren steht Neuland für eine tiergerechtere Haltung in bäuerlichen Strukturen. Unseren hohen Standard möchten wir einer weiteren Käuferschicht anbieten“, begründet er dort die Zusammenarbeit.

Laut AbL war Bedingung der Neuland-Vermarkter, dass die belieferten Regionalgesellschaften in Gegenden liegen, die weiße Flecken auf der bisherigen Neuland-Vermarktungskarte sind. Dies habe Aldi vertraglich ebenso zugesichert wie einen Neuland-Festpreis für eine bestimmte Abnahmemenge pro Woche bei einer Ganztiervermarktung und einer Laufzeit von fünf Jahren. Und wie ist die erste Zwischenbilanz nach einem Jahr Pilotphase? „Es läuft“, sagt Martin Steinmann, „wenn auch nicht überragend.“

Ein flächendeckendes Angebot von Neuland-Fleisch im Premium-Segment sei schon deshalb nicht möglich, weil die vorhandenen Neuland-Bauern nicht die benötigten Mengen liefern können, gibt Steinmann zu bedenken. Bundesweit gebe es gerade mal 110 Betriebe, die nach Neuland-Richtlinien produzieren. Andererseits hofft er, das Neuland-Siegel bei den Verbrauchern bekannter zu machen und die Nachfrage nach tiergerecht produziertem Fleisch anzukurbeln. Das wäre nach seinen Worten auch gut für die Berufskollegen, die eine Umstellung auf eine entsprechende Produktion überlegen.

„Die Entscheidung, in welchem Umfang und an welchen Standorten wir Neuland-Fleisch anbieten, treffen wir in Abhängigkeit von der Warenverfügbarkeit und dem Nachfrageverhalten unserer Kundinnen und Kunden vor Ort“, teilt Joachim Wehner von der Unternehmenskommunikation bei Aldi-Nord auf Anfrage mit.

„Für die einen ist es der Pakt mit dem Teufel, für die anderen ein geradezu notwendiger Schritt, um das Versinken von Neuland in der Bedeutungslosigkeit zu verhindern“, beschrieb die AbL-Monatszeitung „Unabhängige Bauernstimme“ bereits vor einem Jahr die Stimmung im eigenen Vorstand, im Neuland-Verband und unter Öko-Landwirten.

Zwar loben die Kritiker den von Neuland mit Aldi ausgehandelten Fünfjahresvertrag, befürchten aber, dass die daraus resultierende Ausweitung der Produktionskapazitäten zu einer Abhängigkeit von Aldi und vergleichbaren Strukturen führen könnten. Neuland forciere mit dieser Kooperation den Strukturwandel in Handel und Verarbeitung, wie er sich „nicht zuletzt in der Biobranche seit Jahren beobachten“ lasse. Eigentümergeführte Bioläden „verschwinden, obwohl gerade sie für viele kleinere und mittlere bäuerliche Betriebe wichtiger Abnehmer“ seien.

Die Befürworter der Kooperation sehen sie als notwendigen Schritt, um den im Fachverband verankerten Tierwohlgedanken einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Fakt ist: Seit Ende August vergangenen Jahres liefert die Neuland Fleischvertriebs GmbH, die im westfälischen Bergkamen sitzt, Neuland-Schweine an den Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück, deren Teile dann als abgepackte Ware – Hack, Schnitzel, Nackensteaks, Geschnetzeltes – in den genannten Aldi-Filialen landen.

Insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Großschlachthof, von Lotte rund 80 Kilometer entfernt, irritiert viele. Die Hälfte des AbL-Bundesvorstandes und einige Landesvorstände distanzierten sich von der Kooperation. Leih- und Werksvertragsarbeit bei Tönnies, unerträgliche Arbeitsbedingungen, geringe Löhne und Verfahren wegen Verstößen gegen Mindestlohn und Sozialversicherung sowie die Exportorientierung des größten deutschen Schlachtkonzerns würden langfristig eine Schwächung der bäuerlichen Strukturen und einen Glaubwürdigkeitsverlust für Neuland nach sich ziehen.

Tönnies sei halt ein Dienstleister, erklärt Martin Steinmann und betont, dass sich der Neuland-Verband die Entscheidung nicht leicht gemacht habe: „Wir haben den Schritt nicht gerade mit Euphorie gemacht, uns aber nach langem Hin und Her dazu entschlossen, ihn zu wagen“.

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