Von Bach bis „Blue Bossa“
Daniel Sorour und Nikolai Juretzka begeistern auf dem Kulturhof Westerbeck

Westerkappeln -

Als Verneigung vor dem kostbaren Cello aus der Barockzeit (1749) rahmten die Musiker Daniel Sorour und Nikolai Juretzka am Sonntag ein mitreißendes Konzert südamerikanischer Rhythmen und Melodien mit Vivaldi und Bach auf dem Kulturhof Westerbeck.

Dienstag, 24.09.2019, 15:08 Uhr aktualisiert: 24.09.2019, 15:10 Uhr
Nikolai Juretzka (Konzertflügel) und Daniel Sorour (Violoncello) überzeugten am Sonntag durch ihre Vitalität und Spielfreude.
Nikolai Juretzka (Konzertflügel) und Daniel Sorour (Violoncello) überzeugten am Sonntag durch ihre Vitalität und Spielfreude. Foto: Marianne Lohmann

Statt der üblichen Begrüßung durch den Hausherrn und ohne Ankündigung spielte der Pianist in das Stimmengewirr des Publikums verträumte Weisen, bis alle still wurden. In den flüchtigen Klang sprach Raimund Beckmann dann ebenso unvermittelt Hebbels Herbstgedicht hinein: „Dies war ein Herbsttag, wie ich keinen sah!...“ – passend zum Herbstanfang eine „wohltemperierte“ Konzerteinleitung.

Das Konzert selbst begann mit Vivaldis F-Dur-Sonate – von Daniel Sorour mit honigweichem Strich auf dem Violoncello präsentiert – es folgten unmittelbar das „Girl from Ipanima” und „Maria” aus der West Side Story. Sofort zeigte sich, wie weich und anschmiegsam das Cello von 1749 sich allen Zeiten und Stilen mühelos anzupassen gewillt ist, wenn es in guten Händen ist.

Dazu zwei jugendliche Zuhörer: „Ich finde es unglaublich, wie schnell und scheinbar mühelos die Finger des Cellisten über die Saiten gleiten“, begeisterte sich Aron, Bruder von Nora Ufermann, die bereits seit sechs Jahren Cellounterricht nimmt und bewundert, dass Daniel Sorour sogar noch Zeit fand, die einzelnen Töne zu modellieren.

Austausch der Begeisterung verbindet die Generationen – Raimund Beckmann (81) mit Nora und Aron Ufermann (beide 11)

Austausch der Begeisterung verbindet die Generationen – Raimund Beckmann (81) mit Nora und Aron Ufermann (beide 11) Foto: Marianne Lohmann

Dessen beherzte und überraschend variationsreiche Intonierung überzeugt auch Dank des wunderbaren Zusammenklangs mit dem ebenso wandlungsfähigen Pianisten Nikolai Juretzka , der sein Instrument ebenso meisterhaft wie spielfreudig zum Klingen brachte.

Daniel Sorour, Flensburger mit ägyptischen Wurzeln, hat eine Zeit lang in Argentinien gelebt und hier den Tango nuevo in all seinen Facetten kennen gelernt. Mit dem dort erworbenen reichen Hintergrundwissen führte er durch ein Programm, das mit seinen Erläuterungen an Erlebniswert gewann. Die Honigsüße von „Oblivion“ – einer Komposition von Astor Piazzolla, dem Kulturhof-Publikum auch durch andere Interpreten wohl vertraut – erklang auf einmal etwas bitter und rauchig, aber auch melancholisch, ein Oblivion voller Wehmut und Stille. Hier glänzten die Musiker in perfektem Zusammenklang.

„Die Musiker überzeugen durch Vitalität und Spielfreude, durch die sympathische Moderation und durch die improvisatorischen Elemente des jazzartigen Vortrags !“ freute sich Kirchenmusikdirektor Martin Ufermann bereits zur Pause.

Wie von der Tarantel gestochen begann der zweite Teil mit einer stürmischen „Tarantella“ aus Italien – dem schnellsten Tanz, „um das Gift wieder loszuwerden“. Es folgten Beatles-Melodien die einen neuen Aspekt – den Jazz – einbrachten, sich jedoch genauso leicht bewegten: „Yesterday“ und „Michelle“ verzauberten. Auch „Summertime“ von George Gershwin durfte an diesem Abend des letzten Sommertages nicht fehlen - behutsam und geheimnisvoll vorgetragen.

Bei „Embracable You“ wirkte das Cello wie in einen Brunnen voller Erinnerungen gefallen, aus dem es sich gar nicht mehr retten will und die Zuhörer mitnimmt – durch schwebende Klänge mit minimalen Tonhöhen-Verschiebungen erzeugte der Cellist innige Bluesklänge – der Blues wird zum Bekenntnis.

Mit Paganinis Variationen über ein Stück von Rossini – eine virtuose Darbietung der Extraklasse – beschloss das Duo sein Programm – scheinbar mühelos wirbelten die Töne im rasanten Tempo durch die atemlose Stille. Doch sie konnten sich noch steigern: Mit gewaltigem Schwung folgte als Schlusspunkt ein „Blue Bossa“, der das Publikum von den Stühlen riss: Standing ovations !

Für den stürmischen Applaus, die Blumen und Beckmanns Laudatio bedanken sich die Musiker mit zwei Zugaben. Sie spielen stürmisch mitreißend „Ich hab´ ganz viel von garnix!“ (freie Übersetzung von Sorour) aus Porgy and Bess. Abschließend - und emotional sehr bewegend – verabschiedeten sie die Kulturhoffreunde schließlich ganz still mit der „Air“ von Johann Sebastian Bach in die, wahrscheinlich letzte, so zauberhafte Sommernacht der Konzertsaison 2019.

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