Standortbestimmung für den Kultur- und Heimatverein Westerkappeln
„Wir müssen moderner werden“

Westerkappeln -

Der Kultur- und Heimatverein Westerkappeln feiert sein 100-jähriges Bestehen. Für uns ist das ein Anlass, mit dem amtierenden Vorstand – Horst Dormann, Franz-Josef Schlie, Heinz Schröer und Dr. Wieland Wienkämper – eine Standortbestimmung zu wagen und in die Zukunft des Vereins zu schauen.

Donnerstag, 03.10.2019, 09:00 Uhr
Auf zusammen 105 Jahre Vorstandsarbeit im Kultur- und Heimatverein Westerkappeln bringen es (von links): Heinz Schröer, Dr. Wieland Wienkämper, Franz-Josef Schlie und Horst Dormann.
Auf zusammen 105 Jahre Vorstandsarbeit im Kultur- und Heimatverein Westerkappeln bringen es (von links): Heinz Schröer, Dr. Wieland Wienkämper, Franz-Josef Schlie und Horst Dormann. Foto: Frank Klausmeyer

Vor einigen Tagen ist der Heimatpreis des Landes NRW für die Gemeinde Westerkappeln verliehen worden. Der Kultur- und Heimatverein ist nicht bedacht worden. Sind Sie enttäuscht ?

Heinz Schröer : Enttäuscht ? Nein, aber so eine gewisse Erwartungshaltung im Vorfeld gab es vielleicht schon. Allein wegen der Bezeichnung Heimatpreis hat es schon etwas verwundert, dass wir nicht zu den Nominierten gehörten.

Franz-Josef Schlie: Es wurden immerhin einige Mitglieder des Vereins für den Preis benannt.

Nach meinem Verständnis wäre der Heimatverein – auch im Hinblick auf das 100-Jährige Bestehen – so etwas wie der geborene Preisträger gewesen. Der Fokus lag schließlich auf die Bewahrung des Heimaterbes.

Dr. Wieland Wienkämper : Mich macht das insofern nachdenklich, weil die Arbeit, die wir leisten, in der Öffentlichkeit vielleicht nicht so wahrgenommen wird. Wir müssen letztlich das, was wir tun, besser bekannt machen. Es hängt letztlich auch an dem Wissen der Entscheidungsträger. Was wissen die überhaupt über unseren Verein? Irgendwo scheinen Informationen gefehlt zu haben, die auch eine entsprechenden Wertschätzung unseres Vereins hervorgerufen hätten.

Schröer: Wenn es um die Bewahrung des Heimaterbes geht, hat der Verein reichlich zu bieten; sei es als Institution oder durch einzelne Mitglieder, wenn ich allein an unsere „Schreiberlinge“ denke. Heinz Weyer hat drei Bücher geschrieben. Ich habe dazu durch eigene Publikationen beigetragen. Wir konnten uns beim Heimatpreis aber nicht selbst vorschlagen.

Vorstand und Beirat

Nach dem plötzlichen Tod des damaligen Vorsitzenden Dieter Wulfes tragen derzeit vier Männer gleichberechtigt die Verantwortung im Vorstand des Kultur- und Heimatvereins. Horst Dormann (77) ist seit 1968 im Vorstand und zuständig für die Schriftführungen und die Wanderungen. Franz-Josef Schlie (74) gehört dem Vorstand seit 2007 an und kümmert sich schwerpunktmäßig um Kultur-, Musik- und Literaturveranstaltungen. Für die Finanzen und Mitgliederverwaltung zeichnet Heinz Schröer verantwortlich. Der 69-Jährige, der dem Vorstand seit 1980 angehört, hat sich darüber hinaus durch Beiträge und Publikationen zur Ortsgeschichte einen Namen gemacht. Jüngstes Mitglied im Vorstand (seit 2016) ist der Archäologe Dr. Wieland Wienkämper (64), der die Geschichtswerkstatt des Heimatvereins leitet.Unterstützt wird der Vorstand von einem neunköpfigen Beirat. Diesem gehören an: Dr. Gunter Böhlke (Archiv Familienforschung), Winfried Eggert (Wandern), Hartmut Hoppe (Fotodokumentation), Wolfgang Kuhnt (Naturschutz, RadelEi), Ralf Kutschwalski (Fahrten, Internetauftritt), Inge Loske (Plattdeutsch), Uwe Lutterbey (Naturschutz, Vorstand Traktorenmuseum), Horst Meyer (Gästeführer) und Erwin Strübbe (Archiv).

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Eine Frage an alle vier: Was ist für Sie Heimat ?

Schlie: Heimat ist für mich Identität mit dem Lebensraum, in dem ich geboren und groß geworden bin. Der Begriff hat ja heute eine gewisse Konjunktur. Das birgt die Gefahr, dass er von einigen Gruppierungen okkupiert wird, die ihn in eine sehr merkwürdige Richtung lenken. Für mich ist Heimat Pflege des Bestehenden, aber auch Ausblick in die Zukunft. Das ist auch die Motivation für unser Tun im Verein.

Horst Dormann: Ich habe schon fast etwas Angst vor dem Begriff, weil sich im Moment jeder damit überschlägt. Es gibt ganze Publikationsreihen, die sich mit der Heimat beschäftigen und jeder soll noch etwas Neues dazu herausfinden. Für mich ist Heimat meine Umgebung, dort wo ich groß geworden bin und wo ich mich auskenne. Wenn ich dort, wo ich wohne, mich vollkommen unwohl fühle, wird das wahrscheinlich nicht meine Heimat werden.

Wienkämper: Für mich ist das ein sehr weit gefasster Begriff. Für mich persönlich ist es das Gefühl der Verbundenheit mit dem Raum, in dem ich aufgewachsen bin. Und zugleich, aufgrund meiner speziellen Interessen an der Archäologie, bin ich verbunden mit dem Bedürfnis, Denkmäler zu schützen und für die Nachwelt zu bewahren.

Schröer: Ohne alles zu wiederholen gilt für mich persönlich meine Familie als Heimat. Ich kann deren Wurzeln hier im Ort 500 Jahre zurückverfolgen.

Dormann: Einen Aspekt haben wir vielleicht ausgelassen. Das sind die Menschen, die hier wohnen. Ich habe zwei Enkel, die in Köln wohnen. Wenn die hier zu Besuch sind und wir durch den Ort gehen, sagen die jedes Mal verwundert: „Opa sag mal, kennst Du hier alle Leute?“. Das macht auch die Heimat aus.

Schlie: Es gibt auch Menschen, die mehr als eine Heimat haben. Das gab es nach dem Zweiten Weltkrieg bei den vielen Vertriebenen. Und das erleben wir aktuell mit den Flüchtlingen, die möglicherweise in eine neue Heimat hineinwachsen. Es ist vielleicht auch unsere Aufgabe als Kultur- und Heimatverein, in solchen Fällen Offenheit und Toleranz zu zeigen und uns nicht abzuschotten.

Die Förderung der Heimatpflege und Heimatkunde, so wie es in Ihrer Satzung steht, scheint Männersache zu sein. Bis auf Inge Loske, die sich als Beiratsmitglied ums Plattdeutsche verdient macht, findet sich im immerhin 13-köpfigen Führungsteam keine Frau. Woran liegt das ?

Dormann: Bei den Veranstaltungen sind mehr Frauen als Männer; auch bei den Wanderungen und Radtouren. Die Männer, die hier sitzen, sprechen offensichtlich auch die Frauen an (lacht). Vielleicht ist das auch eine Generationenfrage. In unserer Generation gibt es mehr Frauen als Männer.

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass Frauen aus der älteren Generation nicht so selbstverständlich Verantwortung in der ersten Reihe übernehmen wollen. Das spiegelt sich ja auch in anderen Vereinen wider.

Dormann: Wenn wir jetzt – sicher nicht ganz strenge – Hierarchien bauen, dann sitzen hier die Vorstandsmitglieder und dann gibt es darunter eine Ebene, wo die Arbeiter sind, die die Veranstaltungen organisieren und durchführen. Da gibt es bei uns genauso viele Frauen wie Männer. Nur den letzten Schritt, sich ganz nach vorne zu stellen, scheinen Frauen häufig nicht zu wagen.

„Auf gutem Wege“ lautet der Titel Ihrer Jubiläumsschrift. Wohin führt der denn ? Sehen Sie es mir bitte nach, aber wenn ich mir die Riege der Vorstands- und Beiratsmitglieder anschaue, dürfte ich bei einem Durchschnittsalter weit jenseits der 60 landen. Nächstes Jahr sind Vorstandswahlen. Bis auf Herr Wienkämper haben vor drei Jahren alle Vorstandsmitglieder erklärt, dass sie für eine Wiederwahl nicht mehr zur Verfügung stehen. Wer soll es denn machen ?

Dormann: Das war der damalige Augenblick (lacht).

Sie würden weitermachen ?

Dormann: Wir sind in der Planung für die Mitgliederversammlung. Wir sind ganz sicher, dass wir einen funktionsfähigen Vorstand präsentieren werden.

Schröer: Ich bin jetzt fast 40 Jahre im Vorstand dabei. Da ist so viel Herzblut drin, das schmeißt man nicht in die Ecke. Wenn sich kein Nachfolger findet, bleibe ich lieber dabei, damit der Verein weiter existieren kann.

Es gab bis zum Tode von Dieter Wulfes immer einen Vorsitzenden. Wird man denn zu der Struktur wieder zurückkehren wollen oder – wie jetzt – die Verantwortung weiter auf vier Schultern verteilen?

Schröer: Wir müssen in die Struktur zurückkehren, weil das Bürgerliche Gesetzbuch für einen funktionsfähigen Verein zwingend einen Vorsitzenden vorschreibt. Sonst können wir nicht eingetragener Verein sein. Wir sind in der Diskussion, wer es sich zutraut, diese leitende Funktion innerhalb des Vorstandes zu übernehmen. Die Zahl der Vorstandsmitglieder ist offen.

Wienkämper: Die drei Männer, die hier mit mir am Tisch sitzen, sind die tragenden Säulen des Vereins und so mit dem Verein vernetzt, was vieles möglich macht, das mir als recht jungem Vorstandsmitglied schwer fällt – allein wenn es darum geht, Torten zu besorgen. Eine Verjüngung ist trotzdem für uns alle wichtig. Vielleicht muss das, was sich jetzt auf vier Personen verteilt, künftig von sechs Leuten gemacht werden, weil heute eine andere Mentalität herrscht. Viele Menschen sind heute nicht mehr bereit, sich nur für einen Verein einzusetzen, sondern setzen auch andere Prioritäten.

Die Altersstruktur der Mitgliederschaft dürfte nicht viel anders aussehen als in Vorstand und Beirat. Ist Heimatpflege nur etwas für alte Leute ?

Wienkämper: Dem könnte man begegnen, indem man auch über eine Modernisierung der Veranstaltungen nachdenkt, um auch jüngere Menschen anzusprechen. In meinem Fachbereich, der Geschichtswerkstatt, versuche ich immer, Familien mit Kindern einzubinden.

Der Heimatverein ist ja ohne Zweifel sehr breit aufgestellt. Aber mit Verlaub: „Dütt un Datt“, „Die schönen Müllerin“ von Schubert oder Stutensoppen locken doch selbst einen Mittfünfziger wie mich kaum hinter dem Ofen hervor. Muss der Kultur- und Heimatverein sich nicht jünger machen ?

Schröer: Wir hatten mal von 1982 bis 1984 einen Vorsitzenden, der prägte den Ausdruck „Wir sind ein musikliebender Wanderverein mit plattdeutscher Umgangssprache“. Dank Wieland Wienkämper ist es gelungen, jemanden Jüngeren zu gewinnen (Peter Herschlein (19)/Anm.d.Red.). Von solchen jungen Menschen hätten wir sicher gerne mehr.

Sicher ein schönes Beispiel, ich denke aber eher an die Mittvierziger, vielleicht auch Mittfünfziger. Die müssen doch die Basis für die kommenden Jahrzehnte sein. Wäre es nicht sinnvoll, seitens des Kultur- und Heimatvereins die Kooperation mit anderen Vereinen oder Schulen und Kitas zu suchen. Wie wäre eine Zusammenarbeit mit dem Kinderkulturprogramm ? Warum nicht mal Popmusik statt Operette, Kabarett statt Lesung ? Da erschließt man sich doch vielleicht ein anderes Publikum.

Schlie: Die gesellschaftlichen Strukturen haben sich geändert. Mögliche Ansprechpartner in den Schulen, nämlich die Lehrer, wohnen weitgehend gar nicht mehr vor Ort. Junge Leute wollen heute ein Event, zu dem sie gehen und mehr nicht. In einem Verein mitzumachen, liegt oft in nicht in deren Interesse. Dass Anliegen, junge Leute zu gewinnen ist ja da. Es ist aber schwer, das umzusetzen. Sie haben recht, unsere Mitgliederstruktur ist so ungünstig, dass wir in vielen Bereichen, nicht zuletzt Social Media, kaum Fuß fassen können. Woher sollen wir die jungen Leute nehmen ? Wir haben den Anschluss längst verpasst.

Umso wichtiger ist es doch, diesen langfristig zumindest teilweise wieder herzustellen.

Wienkämper: Ja, unbedingt. Aber man braucht Menschen aus diesen Altersgruppen, die Interesse an einer Mitarbeit und die selbst Idee haben. Man kann schlecht aus einer älteren Generation Veranstaltungen für Jüngere planen. Unser aller Interesse ist, den Verein fortzuführen. Dafür müssen wir moderner werden. Anders geht es nicht.

Lassen Sie uns nach 100 Jahren nach vorne schauen. Für 100 Jahre kann niemand, aber zehn Jahre vielleicht. Wo steht der Kultur- und Heimatverein dann ?

Schlie: Ich bin skeptisch, das will ich gar nicht verhehlen, auch wenn ich an die Entwicklung anderer Vereine denke. Der Verein wird sich sicher in den nächsten zehn Jahren halten und die traditionellen Veranstaltungen fortführen. Langfristig muss die Zukunft aber in einer totalen Veränderung der Strukturen liegen.

Dormann: Man kann ja auch einen Verein am Leben erhalten, indem man die Ziele verändert. Das ist aber eigentlich nicht unser Weg. Wir heißen Kultur- und Heimatverein, also können wir auch Kultur besetzen. Aber wir sind keine Volkshochschule und auch kein reiner Kulturverein, der im Übrigen ganz andere finanzielle Voraussetzungen haben muss. Nichts gegen die SPD, die zu „Dietutnix“ einlädt, aber das haben die einmal gemacht. Denn Kabarett ist teuer. Und wenn sie heute einen drittklassigen Kabarettisten hierher holen, fahren die Mittfünfziger, die alle ein Auto haben, lieber in die Lagerhalle nach Osnabrück. Wir können nicht mit diesen Dingen in Konkurrenz treten. Oder wir verlieren unsere Ziele aus den Augen und machen plötzlich Dinge, die mit unserem Vereinszweck gar nichts mehr zu tun haben.

Schlie: Nehmen Sie das Beispiel Kulturhof Westerbeck. Raimund Beckmann hat immer wieder zahlreiche Anfragen von Künstlern, die dort auftreten wollen, mehr als 70 Bewerbungen allein im letzten Jahr. Herr Beckmann hat einen Konzertbetrieb organisiert, der jedoch im Grunde von Osnabrücker Leuten besucht wird. Das ist nicht das, was unser Verein will.

Wienkämper: Ich sehe den Kultur- und Heimatverein auch noch in zehn Jahren. Ich werde alles dafür tun, Leute zu finden, die das mit voran treiben. Bei mir stirbt die Hoffnung zuletzt.

Schröer: Dass der Verein in zehn Jahren noch da ist, glaube ich schon. Das Bewahren der Tradition ist aber eher an unsere Generation gebunden. Die Brücke zur jüngeren Generation zu bauen, wird immer schwieriger. Ich sage es mal so: Uns fehlen rote Dienstfahrzeuge. Dann hätten wir mächtig Zulauf an jungen Leuten.

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