Zurück in die alte Heimat
Der frühere Westerkappelner Pfarrer Burghardt über Deutsche in Großbritannien

Westerkappeln/Manchester -

Vor fünf Jahren verließ Pfarrer Olaf Burghardt Westerkappeln, um in Großbritannien in einer deutschen Kirchengemeinde als Pfarrer zu arbeiten. Alles lief nach Plan. Bis im Sommer 2016 das Referendum kam. Zwar war relativ schnell klar, dass der 52-Jährige und seine Frau auch nach einem Brexit bleiben können. In der Kirchengemeinde ist der drohende Austritt aus der EU aber seither Dauerthema. Viele Gemeindeglieder, berichtet der evangelische Pfarrer im Interview mit WN-Redakteurin Katja Niemeyer, seien enttäuscht, einige seien bereits nach Deutschland zurückgekehrt.

Donnerstag, 24.10.2019, 15:46 Uhr aktualisiert: 24.10.2019, 18:36 Uhr
Großbritannien, London: Die Flaggen von Großbritannien und der Europäischen Union wehen vor dem britischen Parlament. Der Brexit spaltet das Land – und verunsichert die Deutschen, die der frühere Westerkappelner Pastor Olaf Burghardt in seiner Kirchengemeinde betreut.
Großbritannien, London: Die Flaggen von Großbritannien und der Europäischen Union wehen vor dem britischen Parlament. Der Brexit spaltet das Land – und verunsichert die Deutschen, die der frühere Westerkappelner Pastor Olaf Burghardt in seiner Kirchengemeinde betreut. Foto: Kirsty Wigglesworth/AP/dpa

Bereuen Sie manchmal den Schritt?

Burghardt : Ich war gerne Pfarrer in Westerkappeln und ich denke oft an diese Zeit zurück. Unsere Bewerbung auf die Pfarrstelle hier in England – meine Frau ist auch Pfarrerin und wir teilen uns die Stelle – war für uns die Gelegenheit, in einem neuen Kontext zu arbeiten. Nun bin ich auch gerne Pfarrer hier. Die Menschen sind freundlich. Die Arbeit ist interessant. Und im Land - auch hier in der Stadt Manchester - gibt es viel zu erleben. Uns gefällt es so gut, dass wir uns nun sogar um eine Verlängerung bemüht haben. Dennoch ist unsere Zeit hier begrenzt, und wenn es soweit ist, werde ich auch gerne wieder nach Deutschland zurückkehren.

Hätten Sie es für möglich gehalten, dass die Briten für einen Austritt stimmen würden?

Burghardt: Nein! Ich hatte die Stimmungslage vor dem Referendum anders eingeschätzt – wie viele andere auch. Ich weiß noch, dass ich an diesem Abend früh ins Bett gegangen bin. Am nächsten Morgen war ich dann sehr überrascht und auch bestürzt, als ich von dem Ergebnis erfuhr.

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Olaf Burghardt Foto: kcp

Inwieweit bestimmt der zu erwartende Austritt Ihren Alltag?

Burghardt: Auf vielfältige Weise. Zunächst schlicht darin, dass ich viel Zeit mit englischen und deutschen Nachrichten verbringe, die über die Situation reflektieren. Hier gibt es oft interessante Unterschiede. Die „yellow press“ – vor allem „Sun“ und „Daily Mail“ – ist ganz auf der Seite der Brexiteers und fällt durch extrem einseitige Berichterstattung auf. Die BBC hat sich nach meinem Eindruck von der Brexit-Seite einschüchtern lassen und berichtet nur noch vorsichtig brexit-kritisch. Hier fühle ich mich von den deutschen Medien manchmal sogar besser informiert.

... und in Ihrer Gemeinde?

Burghardt: Da ist der Brexit ein Dauerthema. Hier tauschen sich Menschen über ihre Enttäuschung und ihre Ängste aus. Es wird die aktuelle Situation erörtert, die sich in den letzten Jahren ja manchmal täglich verändert hat.

Hierzulande wurde berichtet, dass Ausländer angefeindet werden. Haben Sie von solchen Fällen gehört?

Burghardt: Nach dem Referendum wurde einer Frau aus unserer Gemeinde an der Supermarktkasse gesagt „You will be deported soon!“ („Du wirst schon bald deportiert werden“, Anm. d. Red.) Eine sicher unbedachte Äußerung, die einen aber dennoch frösteln lässt. Von Anfeindungen auch physischer Natur haben Mitchristen aus der polnischen Kirchengemeinde berichtet. Schlimm war auch die Erfahrung, dass manche offenbar der Meinung waren, dass man mit dem Schwung des Referendums jetzt auch andere Minderheiten wie Homosexuelle anpöbeln darf. In der letzten Zeit scheinen solche Vorfälle aber nachgelassen zu haben.

Wie ist die Stimmung in Ihrer Gemeinde? Denken einige darüber nach, Großbritannien zu verlassen?

Burghardt: Nach dem Referendum waren eigentlich alle in unseren Gemeinden entsetzt. Manche sagten, dass sie „ihr“ Großbritannien nicht wiedererkennen und sich fremd fühlen, obwohl sie zum Teil schon seit Jahrzehnten hier leben. Auf die aktuellen Winkelzüge der britischen Politik reagieren viele mit weiterem Befremden. Manch einer fragt sich, ob er seine persönliche Zukunft wirklich weiter hier im Land sieht. Einige wenige haben daraus schon die Konsequenz gezogen und sind in die alte Heimat zurückgekehrt. Es gibt auch Gemeindeglieder, die sich um einen englischen Pass bemühen, und umgekehrt Menschen, die ihre deutsche Staatsangehörigkeit zurückhaben wollen, nachdem sie die vor vielen Jahren aufgegeben hatten. Auch viele Briten bemühen sich derzeit um einen europäischen Pass, so sie das können.

Was würde ein Brexit für Sie persönlich bedeuten?

Burghardt: Anders als viele Menschen in unseren Gemeinden sind meine Frau und ich nicht existenziell vom Brexit betroffen. Unsere Zeit hier ist begrenzt und wir werden sowieso in einigen Jahren nach Deutschland zurückkehren. Allerdings sind auch wir bis dahin genötigt, uns als europäische Ausländer registrieren zu lassen und den „settled status“ zu beantragen. Wer ihn erhält, kann dauerhaft im Land bleiben.

Können Sie die Beweggründe der Brexit-Befürworter in irgendeiner Weise nachvollziehen?

Burghardt: Obwohl während der Referendumszeit von Seiten der Brexit-Befürworter viel gelogen wurde, haben manche auch seriös und wahrheitsgemäß auf Fehler und Versäumnisse der EU hingewiesen. Der EU nun den Rücken zu kehren, ist aber nicht die richtige Antwort darauf. Von den menschlichen Verwerfungen ganz abgesehen, die der Brexit hervorgebracht hat, hat sich in den letzten Monaten gezeigt, dass auch seine wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Konsequenzen vollkommen und fahrlässig unterschätzt worden sind.

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