Bistum Münster steht in Westerkappeln Rede und Antwort zum sexuellen Missbrauch
„Haben Schuld auf uns geladen“

Westerkappeln/Lotte -

Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp macht keine Ausflüchte, sondern redet Klartext: „Wir haben Schuld auf uns geladen“, erklärt der Stellvertreter von Bischof Felix Genn. Persönlich hat sich der 53-Jährige natürlich nichts vorzuwerfen. Die damals für diesen Skandal Verantwortlichen nennt er aber klar beim Namen.

Freitag, 22.11.2019, 15:10 Uhr aktualisiert: 22.11.2019, 18:42 Uhr
Peter Frings, Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, und Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp standen rede und Antwort zum des auch in Westerkappeln tätigen Priesters, der vorher wegen Kindesmissbrauchs hinter Gittern saß. Pfarrer Shaji George (rechts) begrüßte gut 40 Zuhörer zu der Informationsveranstaltung.
Peter Frings, Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, und Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp standen rede und Antwort zum des auch in Westerkappeln tätigen Priesters, der vorher wegen Kindesmissbrauchs hinter Gittern saß. Pfarrer Shaji George (rechts) begrüßte gut 40 Zuhörer zu der Informationsveranstaltung. Foto: Frank Klausmeyer

Der damalige Bischof von Münster Heinrich Tenhumberg (1969 bis 1979) und Wilhelm Stammkötter, von 1969 bis 1978 Leiter des Priesterdezernates im Bischöflichen Generalvikariat, hätten gewusst, dass der auch in Westerkappeln tätige Priester wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis saß. Diesen Mann weiter als Seelsorger arbeiten zu lassen, „war auch aus damaliger Sicht völlig verantwortungslos“, sagt der Generalvikar.

Winterkamp und der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings , standen am Donnerstagabend im Reinhildis-Haus in Westerkappeln Rede und Antwort in diesem in seinem Ausmaß „unbeschreiblichen und unbegreiflichen Fall“, wie es Moderator Jan Nie­stegge (Radio RST) formulierte.

Pfarrer Shaji George begrüßte rund 40 Zuhörer zu dem Informationsabend, unter ihnen nicht nur Frauen und Männer aus der Kirchengemeinde St. Margaretha, sondern auch Betroffene, die sich als Missbrauchsopfer von anderen Geistlichen zu erkennen gaben.

MHG-Studie

Der in der vergangenen Woche öffentlich gemachte Fall des in Westerkappeln als Aushilfspfarrer tätigen Mannes mache ihn fassungslos, sagt Frings. Er selbst bekam im Mai dieses Jahres durch ein Schreiben des Erzbistums Köln erstmals Wind von der Sache. Der Name des Seelsorgers ist jedoch schon vor vier Jahren in der MHG-Studie aufgetaucht. Dabei handelt es sich um ein Forschungsverbundprojekt zum Thema Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz. Die Bistümer Münster und Essen, wo der Pfarrer zwischenzeitlich tätig war, seien über die MHG-Studie jedoch nicht vom Erzbistum Köln informiert worden. „Die Frage ist, warum nicht“, sagt Winterkamp.

Für den Generalvikar ist es „vollkommen unerklärlich“, wie man den Priester, der in Westerkappeln drei Jahre als Jugendpfarrer wirkte, nach seiner Verurteilung weiter beschäftigten konnte. „Wenn es eine Inhaftierung gab, können sie davon ausgehen, dass es keine Kleinigkeit war.“ Der damalige Bischof und der Prälat hätten „ziemlich sicher“ gewusst, „wen sie sich da geholt haben. Die beiden Herren haben definitiv verantwortungslos gehandelt“, kritisiert Winterkamp.

Tenhumberg und Stammkötter sind lange verstorben. Dem Vorwurf aus dem Publikum, die Kirche habe ihr Handeln vertuschen wollen, widerspricht Winterkamp nicht. Das Erzbistum Köln lasse im Zuge der laufenden Ermittlungen deshalb prüfen, ob es in diesem und anderen Fällen durch noch lebende Würdenträger zur Strafvereitelung im Amt gekommen ist.

Winterkamp weiß auch nicht, ob der damalige Westerkappelner Pfarrer Franz Lückmann über die Herkunft seines Kollegen und dessen Verurteilung informiert war. „Es gibt bei uns keine Personalakte. Die führt immer das Bistum, in dem ein Priester geweiht wird.“

Noch viel mehr liegt im Dunklen. „Es gibt keine Akten, denen zu entnehmen ist, wer was gewusst hat. Das alles ist noch ein Buch mit sieben Siegeln“, erklärt der Interventionsbeauftragte.

Rechtsanwaltskanzlei untersucht Fälle

Doch wie geht es weiter ? Dem Bistum Münster seien die Hände gebunden, bedauert der Generalvikar. Hier müsse man warten, bis das zuständige Erzbistum Köln die Akten offen legt – voraussichtlich sei das im Januar der Fall. Das Erzbistum hat eine Rechtsanwaltskanzlei in München, die seit Anfang 2019 alle Fälle sexuellen Missbrauchs untersucht, auch das Aktenmaterial der anderen Bistümer für diesen Fall zur Verfügung gestellt. Die Kanzlei soll nun prüfen, wer von den Verantwortlichen der betroffenen Bistümer worüber informiert war und wer welche Entscheidungen getroffen hat.

Das Bistum Münster werde unterdessen jedweden Betroffenen die Hilfestellung geben, die nötig ist. Missbrauchsopfer aus Westerkappeln sind bislang nicht bekannt geworden, berichtet Winterkamp auf Nachfrage einer Zuhörerin.

Möglicherweise gab es hier aber doch Vorkommnisse, wie ein Mann aus Osnabrück andeutet, der anonym bleiben möchte. Er habe das Bistum darauf hingewiesen. Dort sei ihm lediglich gesagt worden, der beschuldigte Priester sei sehr alt und liege im Sterben. Der Interventionsbeauftragte Frings will diesen Hinweisen jetzt nachgehen. Opfer könnten sich jederzeit an das Bistum wenden. Vertraulichkeit werde gewährt. „Gegen den Willen der Betroffenen werden wir keine Strafanzeige stellen.“

Ansprechpersonen

Von Missbrauch durch Geistliche der katholischen Kirche betroffene Personen können sich vertraulich an zwei damit beauftragte Ansprechpersonen werden: die Juristin Bernadette Böcker-Kock und der Pädagoge Bardo Schaffner. Beide sind nach Angaben des Bistums ehrenamtlich tätig und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Sie gäben nur die Informationen weiter, von denen die betroffenen Menschen dies auch wollten. Die Ansprechpersonen sind wie folgt zu erreichen: Bernadette Böcker-Kock, 0151-63404738; Bardo Schaffner, 0151-43816695

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Generalvikar Winterkamp geht es nach eigenen Worten jetzt vor allem um Aufklärung und weniger um die Wiedergewinnung von Glaubwürdigkeit. „Ich kann verstehen, dass uns niemand mehr nix glaubt.“

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