Funklöcher und was in der Region gegen sie getan wird
Die Krux mit der Verbindung

Tecklenburger Land -

Ausgebremst durch die Funkloch-Falle – mitten im wichtigen Kundentelefonat: „Wenn ich mich von Süden kommend der Sommerrodelbahn auch nur nähere, weiß ich, gleich kappt die Verbindung. Deshalb parke ich an den Dörenther Klippen und führe das Gespräch zu Ende“, schildert Thimo Buchheister. Vor dem Übertragungs-Aus schützt den CEO (US-amerikanische Bezeichnung für das geschäftsführende Vorstandsmitglied oder den Vorstandsvorsitzenden) des Softwareentwicklers ThreeB IT aus Ibbenbüren weder der neueste Business-LTE-Vertrag mit Vodafone noch das modernste iPhone. „Warum kann ich in den USA zwei Stunden durch die Wüste und in den Niederlanden durch Wiesen und Felder zwischen Enschede und Amsterdam fahren und habe perfektes Netz und hier klappt das nicht?“, ärgert sich Buchheister.

Mittwoch, 04.12.2019, 18:56 Uhr
Ein gutes Netz ist für das Softwareunternehmen ThreeB IT unabdingbar: Die Softwarenentwickler Thorsten Bruegge, Thimo Buchheister und Dennis Horstkamp (von links) haben in ihrer Not eine firmeneigene Weiße-Flecken-Karte für das Münsterland erstellt.
Ein gutes Netz ist für das Softwareunternehmen ThreeB IT unabdingbar: Die Softwarenentwickler Thorsten Bruegge, Thimo Buchheister und Dennis Horstkamp (von links) haben in ihrer Not eine firmeneigene Weiße-Flecken-Karte für das Münsterland erstellt. Foto: ThreeB IT/colourbox

Zum Glück hat der IT-Experte die Gebiete ohne Mobilfunkempfang mittlerweile im Kopf, und zwar münsterlandweit. „Wir haben uns im Unternehmen mal die Arbeit gemacht, eine eigene, tatsächliche Weiße-Flecken-Karte der Region zu erstellen, weil wir alle viel unterwegs und im Arbeitsalltag nicht nur auf mobile Telefonie, sondern vor allem auch auf mobiles Internet angewiesen sind“, erläutert Buchheister .

Manchmal trifft das Unternehmen auf Zustände wie im mobilen Mittelalter: „In einer Eventhalle mitten in Greven haben wir zusammen mit der Wirtschaftsförderung eine Veranstaltung zu Künstlicher Intelligenz gemacht, es funktionierte kein WLAN, und wir hatten null Netz für unsere Hotspots, mit denen wir theoretisch 24 Laptops versorgen können“, klagt der Softwareentwickler. Mehr Funkmasten müssten her, findet Buchheister, die weißen Flecken verschwinden.

Durchaus ein Thema, auch bei den Anbietern, die sich nach Schuldenstreckung für die 5G-Auktion zu verstärktem LTE-Ausbau in den ländlichen Gebieten verpflichtet haben: 90 neue Basisstationen zu den 532 bestehenden will die Telekom bis 2020 im Münsterland installieren, 164 zu den 381 bestehenden Vodafone . Doch beide Unternehmen klagen über lange Genehmigungsverfahren für die Funkmasten, zumindest deutschlandweit: „Der Zeitaufwand vom Zeitpunkt der Informationen einer Kommune bis hin zur Inbetriebnahme beträgt im Schnitt rund zwei Jahre. Das sind die längsten Bearbeitungszeiten im europäischen Vergleich“, moniert George-Steven McKinney, Pressesprecher der Telekom.

Genehmigungsverfahren für Funkmasten unnötig in die Länge ziehen, davon sei zumindest die Baubehörde des Kreises Steinfurt weit entfernt, die durchschnittliche Bearbeitungszeit liege bei zwei Monaten, würde die Umweltbehörde miteingeschaltet, manchmal drei, heißt es. Doch das Aufstellen neuer Funktürme ist für Ingmar Ebhardt , Breitbandkoordinator bei der Wirtschaftsförderung des Kreises, nicht das Alleinseligmachende beim Ausmerzen der Probleme mit dem Mobilfunk: „Ohne den Schwarzen Peter weiterschieben zu wollen – der schlechte Empfang hat manchmal auch ganz andere Gründe: Interferenzen zwischen den Funkmasten, die Stahlglaskonstruktion des Firmengebäudes bei Inhouse­telefonie oder auch einfach nur das alte Handy mit einem veralteten Vertrag ohne LTE.“

Der Koordinator, seine Kollegen aus den anderen drei Münsterlandkreisen und der Stadt Münster sowie Professor Christian-Friedrich Lüders von der Fachhochschule Südwestfalen wollen es ganz genau wissen: Woran hapert’s bei der Mobilfunkversorgung im Münsterland, was sind die Hauptärgernisse, mit denen sich Unternehmer und ihre Mitarbeiter beim Handyempfang herumschlagen müssen und vor allem – was sind die Gründe? 6000 Unternehmen sollen schriftlich befragt werden. Interessierte Firmen können sich zudem bei ihrer zuständigen Wirtschaftsförderung melden, um an der Umfrage teilzunehmen. „Der Aufwand für die Unternehmen darf zehn Minuten nicht überschreiten, Funklöcher können auf einer Karte der Region markiert werden“, erläutert Ebhardt.

Aber was genau ist ein Funkloch, braucht es irgendwelche Abmessungen? „Wenn sie am Ortsausgang bei einem bestimmten Stoppschild immer wieder keinen Mobilfunkempfang haben, dann ist das ein Funkloch“, präzisiert der Steinfurter Breitbrandkoordinator. Und einige dieser Stellen sollen dann nach Auswertung der Umfrage – das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt und wird vom Land mit 250 000 Euro gefördert – von den Wissenschaftlern der FH Südwestfalen mit Messfahrzeugen genauestens überprüft werden. „Wir erhoffen uns sehr dezidierte Ergebnisse, auf deren Grundlage wir ganz anders mit den Netzanbietern verhandeln können, wie die Funklöcher zu schließen und die anderen dann dokumentierten Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen sind“, erklärt Ebhardt. Der Wirtschaftsförderer, dessen Hauptaufgabe in den vergangenen Jahren der Glasfaserausbau war, betont: „Das Thema Mobilfunk ist ungleich komplizierter und vielschichtiger als Breitband.“

Zudem sind die Telekommunikations-Unternehmen beim Netzausbau immer auf dem Weg: „Wir fordern nur, was auch wirtschaftlich vertretbar ist, meist übererfüllen die Unternehmen die Vorgaben der Abdeckungsleistungen, schon um ihre Kunden zufriedenzustellen“, beteuert Fiete Wulff, Sprecher der Bundesnetzagentur.

So hat Vodafone nach Unternehmensangaben aktuell an nahezu allen LTE-Stationen in der Region die Technologie LTE 800 aktiviert. „Damit haben wir ein Maschinennetz – nämlich Narrowband IoT – für smarte Städte und Industriehallen geschaffen“, verspricht Volker Petendorf, Konzernsprecher von Vodafone. „Für die Betriebe im Münsterland bringt die LTE-Versorgung eine signifikante Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, denn eine starke Netzinfrastruktur ist im digitalen Zeitalter der entscheidende Rohstoff der Wirtschaft.“

Für das Schließen der Funklöcher gibt es von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer auch die Idee, Staatsgelder in die Hand zu nehmen. „Die Mobilfunkstrategie sieht Weiße-Flecken-Auktionen vor. Dabei sollen unversorgte Gebiete zusammengefasst und ausgeschrieben werden. Das Unternehmen, das den geringsten Zuschussbedarf für eine Erschließung hat, bekommt den Zuschlag und eine entsprechende Förderung des Bundes“, kündigt Fiete Wulff von der Bundesnetzagentur an.

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