An den Grundschulen werden immer mehr Aufgaben auf weniger Schultern verteilt
Dicke Luft im Lehrerzimmer

Westerkappeln/Tecklenburger Land -

Es rumort an den Grundschulen im Kreis Steinfurt. Lehrerinnen und Lehrer gehen „auf dem Zahnfleisch“. Immer mehr große Klassen, Lehrermangel, ausufernde Bürokratie, suboptimale Bedingungen für Schüler, die noch die deutsche Sprache lernen müssen, Schulgebäude, die oft aus allen Nähten platzen und teilweise nicht mehr zeitgemäß sind.

Montag, 09.12.2019, 16:08 Uhr aktualisiert: 09.12.2019, 16:16 Uhr
Große Klassen, Lehrermangel und eine ausufernde Bürokratie – Schulalltag und Arbeitsbedingungen stoßen bei vielen auf Kritik.
Große Klassen, Lehrermangel und eine ausufernde Bürokratie – Schulalltag und Arbeitsbedingungen stoßen bei vielen auf Kritik. Foto: dpa

Dazu die Aufgabe der Inklusion, die die Politik noch draufgesattelt hat, ohne die personellen Rahmenbedingungen entscheidend zu verbessern. Alles bei einer „unattraktiven“ Besoldung, die – gerade im Vergleich zu Lehrern weiterführender Schulen – als „nicht mehr angemessen“ empfunden wird.

Kurzum: Dicke Luft in den Lehrerzimmern, wie Kerstin Ruthenschröer, Kreisvorsitzende der Lehrergewerkschaft VBE im Kreis Steinfurt, weiß: „Die Kollegen vermissen Entlastung und Wertschätzung. Dabei zählt jede originäre Lehrkraft“, sagt Ruthenschröer.

2017 ist die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen abgewählt worden. „Das Scheitern manifestierte sich für viele Wähler auf den Schulhöfen: Inklusion, G8/G9, Integration“, beobachtete damals das Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“. Und heute? Ist Schwarz-Gelb mit Schulministerin Yvonne Gebauer die Wende gelungen?

An den Grundschulen offensichtlich nicht. Es gibt zu viele Baustellen, die den Schulalltag für Lehrer erschweren und die Bedingungen für Schüler nicht verbessern. Das räumt auf Anfrage auch die Bezirksregierung Münster ein: „Tatsächlich haben die Anforderungen an Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer erkennbar zugenommen.“

So bedeutet der Mangel an Grundschullehrkräften für die Schulen, dass die anstehenden Aufgaben auf weniger Schultern verteilt werden müssen. Darüber hinaus sind an den Grundschulen auch im Kreis Steinfurt zunehmend Personen ohne Lehramtsausbildung an den Schulen tätig, die nur begrenzt im Unterricht eingesetzt werden und zum Beispiel keine Klassenleitung übernehmen können.“

Auf der Ebene der Bezirksregierung wurde zudem eine Arbeitsgruppe eingerichtet mit dem Auftrag, Möglichkeiten zur Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer zu identifizieren und konkrete Veränderungsvorschläge zu erarbeiten.

Die Ergebnisse werden Ende des Jahres erwartet. Geplant sei eine Handreichung für alle Schulen, beziehungsweise für die Schulleitungen, teilte ein Sprecher der Bezirksregierung mit.

Kleinere Klassen seien zwar „generell erstrebens- und wünschenswert“, hieß es zudem auf Anfrage im nordrhein-westfälischen Schulministerium. „In der gegenwärtigen Situation würde eine Absenkung der Klassengrößen den Lehrermangel in der Grundschule jedoch verschärfen“, lautete indes der Nachsatz.

Die Landesregierung sehe zwar die „vielseitigen Herausforderungen“ der Grundschule. Es sei indes „derzeitig schwierig, die vorhandenen Lehrerstellen mit Fachkräften zu besetzen“.

Tatsächlich ist ein Kernproblem der Personalmangel. VBE-Kreisvorsitzende Ruthenschröer: „Die zuletzt von Schulministerin Gebauer vorgestellten Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel sind bei Weitem nicht ausreichend. Es ist zwar deutlich, dass die Schulministerin den Personalmangel angehen möchte, aber es fehlen dafür noch immer notwendige Schritte.“

„Prüfen, evaluieren, Rahmenbedingungen in den Blick nehmen, Arbeitsgruppen einrichten und bisher als Output allenfalls einige kleine Angebote, die nicht mehr bewirken als der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Das ist bis jetzt alles, was vom Land gekommen ist“, resümierte unlängst eine Lehrerin aus dem Kreis Steinfurt.

Nach Informationen unserer Zeitung soll es vor einer Woche im Kreishaus eine mit über 200 Grundschullehrerinnen und -lehrern sehr gut besuchte Personalversammlung gegeben haben, bei der der Unmut über die Bedingungen an den Grundschulen deutlich zum Ausdruck gekommen sein soll. Es geht ums Geld. Das sei „immer da“, hat Yvonne Gebauer noch im November 2016 bei einer Veranstaltung der FDP-nahen Friedrich Naumann Stiftung im Gymnasium Dionysianum in Rheine getönt. Damals ging es um die digitale Ausstattung der Schulen. Die Zeiten unbeschwerter Oppositionspolitik sind für Gebauer indes vorbei. Als Schulministerin muss sie liefern.

Aber wenn es heute um den Personaletat oder um die Frage geht, ob Grundschullehrer angesichts des Aufgabenspektrums angemessen bezahlt werden, klingt die Antwort im Gebauer-Ministerium schon wesentlich verzagter: Diese Frage werde „geprüft“. Es werde „abgewogen“. Und zuletzt habe ja auch ein anderes Ministerium die Verantwortung: „Die Federführung innerhalb der Landesregierung liegt beim Ministerium der Finanzen“, heißt es jetzt im Schulministerium.

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