Gefährliche Arbeit für Handy-Herstellung: Kirche startet Aktion
„Immer wieder stürzen Stollen ein, begraben Kinder“

Tecklenburger Land -

Dr. Jean-Gottfried Mutombo weiß, wovon er spricht, wenn es um den Abbau seltener Edelmetalle für mobile Endgeräte in der Demokratischen Republik Kongo geht. Er ist in Nord-Katanga aufgewachsen, kennt die schmalen Stollen, in die nur Kinder hineinpassen, um Coltan, Kobalt und andere Erze abzubauen. Etwa 40 000 Kinder arbeiten in den Minen, hat das Weltkinderhilfswerk Unicef vor zwei Jahren ermittelt. „Immer wieder stürzen Stollen ein, begraben die Kinder, die elendig ersticken“, erzählt der Pfarrer.

Dienstag, 24.12.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 26.12.2019, 16:02 Uhr
So einfach ist die umweltgerechte Entsorgung eines alten Mobiltelefons: In den Kirchengemeinden, in der Kirchenkreis-Verwaltung und in der Superintendantur des evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg stehen solche Sammelboxen, wie sie Dr. Jean-Gottfried Mutombo (links) und Superintendent André Ost in Händen halten.
So einfach ist die umweltgerechte Entsorgung eines alten Mobiltelefons: In den Kirchengemeinden, in der Kirchenkreis-Verwaltung und in der Superintendantur des evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg stehen solche Sammelboxen, wie sie Dr. Jean-Gottfried Mutombo (links) und Superintendent André Ost in Händen halten. Foto: Michael Baar

Die Jüngsten in den Minen sind keine zehn Jahre alt. „In die schmalen Stollen passt kein Erwachsener“, sagt er und hält die Hände vielleicht 25 Zentimeter auseinander. 60 Prozent der weltweiten Kobalt-Produktion kommt aus dem afrikanischen Land. Geschürft unter erbärmlichsten Bedingungen für den umgebremsten Hunger der Welt nach mobilen Endgeräten.

Angefangen mit der Kinderarbeit in den Minen habe es Ende der 1990er Jahre, berichtet der Pfarrer der Regionalstelle des Amtes für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung (Möwe) der evangelischen Kirche von Westfalen. „Zeitgleich mit dem Hightech-Boom begann der Bürgerkrieg im Kongo“, erinnert er sich. Geändert hat sich seitdem – nichts. Rund 120 Milizen befehden sich in dem Gebiet, Kinder werden nach wie vor für Hungerlöhne in die engen Stollen geschickt. „Für viele Familien oft die einzige Chance, zu überleben.“ Der Schmerz in der Stimme von Jean-Gottfried Mutombo ist fast körperlich spürbar.

Doch es regt sich Widerstand. „14 Familien haben jetzt, gemeinsam mit Anwälten in den USA, Klage gegen fünf Konzerne eingereicht, deren Geschäfte ohne Coltan und andere Erze nicht laufen würden: Dell, Apple, Tesla, Google und Microsoft.“ Warten, ob die Klage zugelassen wird und, wenn ja, Erfolg hat, will die evangelische Kirche nicht.

Nachhaltigkeit stärken und gerechte Arbeitsbedingungen fördern will die Handy-Aktion, als deren Botschafter der Pfarrer unterwegs ist. Er setzt auf die Macht der Zahlen. Etwa 30 Millionen Smartphones werden jährlich in Deutschland gekauft. Durchschnittliche Nutzungsdauer: 18 bis 24 Monate. „Seit dem Jahr 2017 sind geschätzt 124 Millionen Handys in Deutschland ausrangiert worden“, erzählt Jean-Gottfried Mutombo.

Damit lagern gewaltige Schätze unbeachtet in Schubladen, verweist er auf die insgesamt 30 Metalle, die in einem Mobiltelefon verbaut sind. „Aus den 124 Millionen ausrangierten Handys ließen sich drei Tonnen Gold recyceln und etwa 100 Tonnen Kupfer“, spricht er zwei der Inhaltsstoffe an. Die sollen nicht länger herumliegen, sondern Gutes bewirken.

In den Kirchengemeinden im evangelischen Kirchenkreis stehen Sammelboxen für ausrangierte Mobiltelefone. „Neben der Nachhaltigkeit haben wir auch den Datenschutz im Blick“, verspricht Superintendent An­dré Ost. Von den gespendeten Altgeräten werden bei der Telekom alle Daten gelöscht. Anschließend nimmt ein Recycling-Unternehmen in München die Smartphones auseinander, trennt die verschiedenen Materialien und führt sie einer Wiederverwertung zu. Der Erlös wird der Möwe zur Verfügung gestellt. „Damit unterstützen wir soziale Projekte“, nennt Jean-Gottfried Mutombo die Aktion Brot für die Welt. Auf diesem Weg sind bislang 18 000 Euro auf die Philippinen, nach Südafrika und in den Kongo geflossen.

In seiner Heimat hat der Pfarrer genau im Blick, was mit dem Geld geschieht. „Wir sagen Gitarre statt Gewehr und wollen damit Kindersoldaten aus dem Kriegsgebiet herausholen und ihnen den Schulbesuch ermöglichen.“ Viele Familien könnten ihren Kindern das mit bieten, weil sie das Schulgeld nicht aufbringen können, fügt er hinzu.

Dass er das Gymnasium besuchen konnte, hat er sich hart erarbeitet. „Ich habe Holzkohle produziert und verkauft, Fahrräder repariert und Brot verkauft in Orten, die bis zu 100 Kilometer entfernt waren.“

Die Handy-Aktion soll zu einem Selbstläufer werden, hofft er. Und zum Thema Nachhaltigkeit meint er: „Wer eine Lösung wählt, sollte sich vorher informieren, was dahintersteckt.“ Damit bezieht er sich auf Greta Thunberg. „Die ist von Lissabon zum Weltklimagipfel in Madrid mit einem Elektroauto gefahren. Diese Strecke mit dem Zug zurückzulegen, wäre vielleicht sinnvoller gewesen.“

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