Wie sich die syrische Familie Al-Obiyed in Westerkappeln ein neues Leben aufbaut
„Mein Traum ist mein Traum“

Westerkappeln -

Hinter Layla Al-Obiyed liegen viele Jahre der Flucht. Zunächst floh sie mit ihren Kindern – wie viele ihrer Landsleute auch – aus Aleppo vor den syrischen Regimegegnern, die Front machten gegen die Assad-Autokratie. Das war 2011. Die junge Mutter kam bei Verwandten in einem kleinen Dorf nahe der türkischen Grenze unter. Ihr Mann blieb in der Großstadt Aleppo.

Donnerstag, 26.12.2019, 14:12 Uhr aktualisiert: 27.12.2019, 15:38 Uhr
Sind angekommen in Westerkappeln: Farid, Hala, Kahlil, Mohammed und Layla Al-Obiyed (von links). Die Familie ist vor vier Jahren vor dem Bürgerkrieg in Syrien zunächst in die Türkei und dann nach Deutschland geflüchtet. In Westerkappeln lebte sie zunächst in einem Flüchtlingsheim, jetzt aber in einer Wohnung.
Sind angekommen in Westerkappeln: Farid, Hala, Kahlil, Mohammed und Layla Al-Obiyed (von links). Die Familie ist vor vier Jahren vor dem Bürgerkrieg in Syrien zunächst in die Türkei und dann nach Deutschland geflüchtet. In Westerkappeln lebte sie zunächst in einem Flüchtlingsheim, jetzt aber in einer Wohnung. Foto: Katja Niemeyer

Einige Jahre später kehrt sie mit ihrer Familie und ihren Schwiegereltern aus Angst vor dem Terror der Dschihadisten-Gruppe Islamischer Staat ihrer syrischen Heimat den Rücken. Heute sitzt Layla Al-Obiyed in ihrer Wohnung in Westerkappeln und sagt: „Ich versuche nicht an Syrien zu denken. Ich muss für meine Zukunft hier kämpfen.“

Nach all den Jahren der Angst vor Terror und Gewalt, der Strapazen während der Flucht und der ständigen Ungewissheit blickt die Mutter von drei Kindern erstmals wieder mit Zuversicht in die Zukunft. Die Familie hat eine Wohnung und ihr Mann Khalil eine Arbeit. Und Layla Al-Obiyed, die in Syrien nach dem Abitur eigentlich Lehrerin werden wollte, hat eine weitere Sprachprüfung bestanden. „Ich verwechsle leider immer noch Akkusativ und Dativ“, sagt sie lachend. Keine Frage: Layla Al-Obiyed ist bereits in die Tiefen der deutschen Grammatik vorgedrungen. Naheliegend, dass sie sich da als Sprachmittlerin des Kommunalen Integrationszentrums engagiert. Daneben unterstützt die 29-Jährige den Westerkappelner Flüchtlingshilfeverein Wabe, wie sie sagt, wo sie kann. So begleitet sie andere Flüchtlinge etwa zum Arzt oder zu Behörden.

Etwas mehr als vier Jahre ist es her, dass sie mit ihren Kindern und einer Familie ihres Mannes in der türkischen Küstenstadt Izmir in ein Boot kletterte, das sie nach Griechenland brachte, von wo aus sie teils zu Fuß und mit Bussen über Bulgarien, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich Deutschland erreichte. Ihr Mann war da schon in einem Übergangsheim in Bielefeld untergekommen. Flüchtlinge, das hat Layla Al-Obiyed während dieser Wochen beobachtet, „schauen immer nach vorn, nie zurück“.

Und auch sie hat es sich zur Grundregel gemacht, nach vorn zu blicken. Die 20 Monate in der Türkei, isoliert und voller Entbehrungen – „das macht einen kaputt, aber wir haben es überstanden“. Die 15 Monate in dem Asylbewerberheim in Düte – „schlimm, aber wir haben es überstanden“.

Jetzt, da in ihrem Leben so etwas wie Normalität eingekehrt ist, traut sich Layla Al-Obiyed, über ihren Traum zu sprechen: „Ich möchte mich mit einer Catering-Firma selbstständig machen“, sagt die 29-Jährige. Ein Praktikum hat sie bereits absolviert in diesem Jahr, ebenso einen Computerkursus. Ihr nächstes Ziel: Eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin – „für das Grundlagenwissen“, wie sie sagt. An einem Konzept feilt sie schon seit Längerem: „Ich möchte nicht nur arabische, sondern auch europäische Gerichte anbieten.“

„Ich akzeptiere, dass hier alles anders ist als in meiner Heimat. Und dass ich viel Geduld haben muss und lernen muss. Aber mein Traum ist mein Traum“, sagt die Syrerin, deren Mann in Aleppo Mit-Inhaber einer Schokoladenfabrik war. „Wir haben viel aufgeben, hatten ein sorgenfreies Leben, bevor der Krieg ausbrach“, erzählt die 29-Jährige.

Nun sieht sie ihre Zukunft und die ihrer Kinder aber in Westerkappeln. Als ihr Mann vor einiger Zeit vorschlug, in eine große Stadt zu ziehen, winkte Layla Al-Obiyed ab. „Ich will hier etwas mit Khalil aufbauen und eine starke Familie gründen“, sagt sie. Allzu leicht unterkriegen lässt sie sich jedenfalls nicht.

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