Kreis Warendorf
Beelen: Bahnwärter sichert per Hand gefährlichen Bahnübergang

Dienstag, 03.08.2010, 16:08 Uhr

Beelen - Bahnübergang Letterstraße in Beelen, Kilometer 35,748. Es ist 17.44 Uhr an einem beliebigen Wochentag. Zweimal klingelt wie zu alten Dampfrosszeiten der Zugmeldeapparat - mit Kurbel! - in dem ausrangierten Bauwagen neben dem Bahngleis. Für Georg Hrubesch , Bahnüberwachungsposten, kurz „BüP“ genannt, das Zeichen, dass aus Clarholz was anrollt.

Der 59-Jährige setzt seine Fernsichtbrille auf, zieht sich die orange Warnweste über, verlässt sofort den Bauwagen und beobachtet wie ein Indianer den Horizont über den Gleisen. Ein Blick auf die Armbanduhr. Noch kein Zug in Sicht. Neun Minuten nach dem telefonischen Klingelzeichen hat der „BüP“ Zeit, den Bahnübergang Letterstraße zu sichern. 17.52 Uhr ist immer noch kein Zug zu sehen. Dann die ersten Lichter. Der 59-Jährige rennt zum Baustellen-Ampelkasten, setzt alles auf Rot und damit den kompletten Straßenverkehr lahm. Dann sperrt er den Bahnübergang Letterstraße mit einem rot-weißen Flatterband, wie man es von Baustellen kennt. Einmal hin und einmal zurück. Das Ganze in Windeseile.

Viele Autofahrer auf der B 64, die Münster mit dem Autobahnzubringer A 2 verbindet, kennen das Zeremoniell. Sie warten geduldig. Wer das Ganze zum ersten Mal erlebt, denkt sofort an „versteckte Kamera“ oder an Ger­hart Hauptmanns Frühwerk vom armen Bahnwärter Thiel.

Dann rauscht der Zug vorbei. Der „BüP“ gibt dem Zugführer ein Handzeichen. Dann geht alles ganz schnell: Abspannen der Flatterbänder. Der „BüP“ nimmt die Beine in die Hand, um schnell wieder grünes Licht für die Autofahrer zu geben. Denn die müssen warten, egal ob sie geradeaus oder über die Bahngleise abbiegen wollen. Das soll sich bald ändern, weiß Hrubesch, denn die Elektrik für die Ampelanlage ist nach fast einem Jahr endlich installiert. Dann könne er mit einem Schlüssel grünes Licht für die Geradeausfahrer auf der B 64 geben. Wer bei Zugverkehr abbiegen will, sieht weiter Rot.

Zurück im Bauwagen kurbelt der „BüP“ am „Feldtelefon“ und meldet „Zug passiert“, notiert Zeiten und Zugnummern in ein Logbuch. Dann hat er ein paar Minuten Zeit, bis das Telefon erneut klingelt und der Zug aus Richtung Beelen den Bahnübergang Letterstraße passiert. Das Flatterband-Zeremoniell im Stundentakt. In Zeiten, da Menschen zum Mond fliegen und sich die Technik ständig überholt, setzt die Bahn offenbar weiter auf die große Lösung Mensch. Für die Rundumversorgung des Bahnübergangs Letterstraße im Schichtdienst, also zwei „BüPs“, inklusive Zuschläge, Fahrt- und Nebenkosten soll das Unternehmen rund 7000 Euro brutto im Monat zahlen. Macht im Jahr 84 000 Euro. Ende offen?

Nein, sagt Ludger Esser von der DB-Regionalnetz Münster, zuständig für die Bahnstrecke Münster-Rheda-Wiedenbrück. Er spricht von „alter Stellwerkstechnik aus den 50er Jahren, die schrittweise auf der Strecke erneuert wird“. Am Bahnübergang Letterstraße allerdings dauert die Anpassung länger als geplant. Er gehe davon aus, dass Ende des Jahres alles fertig ist. Wie von Geisterhand sollen sich dann die Schranken senken und die Ampel rot zeigen.

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