Billige Milch bringt Bauern in Existenznot
Es geht um die blanke Existenz

KREIS WARENDORF -

Bundesweit sind die Milchpreise im Keller. Mit weniger als 50 Cent pro Liter ist die Milch im Supermarkt meist billiger als Mineralwasser mit Pfand. Das treibt auch die Landwirte im Kreis Warendorf in Existenznot. Futter, Strom und Tierarztrechnungen müssen bezahlt werden. Immer mehr Milchviehhalter müssen zubuttern, um ihren Betrieb am Laufen halten zu können. Das kann so nicht weitergehen – deshalb gehen sie auf die Straße. Am Dienstagabend demonstrierten mehr als 40 Landwirte aus dem Münsterland vor dem Deutschen Milchkontor in Everswinkel. Mit klaren Forderungen an die Molkereien.

Mittwoch, 05.10.2016, 18:10 Uhr

Mit Schlepper, bunter Kuh, kritischen Fragen und viel Wut im Bauch demonstrierten mehr als 40 Milchvielhalter am Dienstagabend vor dem Deutschen Milchkontor. Sie übergaben eine Resolution an die Geschäftsleitung.
Mit Schlepper, bunter Kuh, kritischen Fragen und viel Wut im Bauch demonstrierten mehr als 40 Milchviehhalter am Dienstagabend vor dem Deutschen Milchkontor. Sie übergaben eine Resolution an die Geschäftsleitung. Foto: Peter Sauer

Sie sind sauer und traurig zugleich: die mehr als 40 Milchbauern, die am Dienstagabend vor dem Deutschen Milchkontor (DMK) in Everswinkel demonstrierten. Zwei Stunden lang. Die feuchte Kälte, die zunehmend in die Glieder zieht, und die dichte Dunkelheit machen ihnen nichts, denn sie bangen um die Existenz ihrer Höfe. Um die Zukunft der über Generationen weitergebenen Hofarbeit in der Milchwirtschaft, die unzählige Familien ernährt.

Heftig wurde diskutiert.

Heftig wurde diskutiert. Foto: Peter Sauer

Landwirt Albert Engbert , vom Bundesverband Deuter Milchviehhalter , übergibt Franz-Josef Krechtmann vom Vorstand der DMK (Westfalen Süd-West), und dem Leiter des DMK Everswinkel, Jens Klausen, eine Resolution. Darin fordern die Milchviehhalter aus dem Kreis Warendorf das Unternehmen auf, höhere Verkaufspreise für Milch mit dem Lebensmittel-Einzelhandel zu vereinbaren und den Mehr-Erlös an die Erzeuger weiter zu geben. Sie sind der Meinung, dass das Deutsche Milchkontor (vertreibt unter anderem Produkte der Marken Milram, Humana und Casarelli) zu wenig für die Milchviehhalter raushole. DMK-Vorstandsmitglied Krechtmann versprach anhand der weniger erzeugten Milchmenge nun alles für steigende Preise tun zu wollen. Um wie viel konnte er nur andeuten. Konkreter könne er werden nach dem 31. Oktober. Dann gibt es eine Betriebskonferenz. Dann sollen klare Zahlen festgelegt werden.

Die Nerven liegen blank, denn es geht um die Existenz.

Die Nerven liegen blank, denn es geht um die Existenz. Foto: Peter Sauer

Das ist den Landwirte noch zu schwammig. Zahlreicher und vehementer werden ihre Protestrufe an diesem kühlen Herbstabend. Die Milchviehhalter fühlen sich ausgenutzt. Fühlen sich ungerecht behandelt. Mit der Resolution fordern sie nun konkret Vertragsabschlüsse so zu gestalten, dass statt rund 20 Cent pro Liter, wie jetzt, künftig durch gute Kontraktabschlüsse mindestens 40 Cent an die Bauern ausbezahlt werden können. „Mehrerlöse sollen ab sofort vollständig und umgehend an die Milchviehhalter durchgereicht werden“, betont Landwirt Albert Engbert. Sie dürften nicht von den Firmen als eigenes finanzielles Polster genutzt werden.

Ein fairer Milchpreis wird gefordert.

Ein fairer Milchpreis wird gefordert. Foto: Peter Sauer

Die anvisierten 40 Cent seien nicht zu hoch gegriffen, betonen die Landwirte. Denn es dauere immer noch mindestens drei bis vier Jahre, bis die in der Krise bundesweit erlittenen Milliardenverluste auch nur einigermaßen wieder ausgeglichen werden können. „Wenn zu viel Milch produziert wird, brauchen wir feste Regelungen, die uns schützen“, sagt Engbert.

Die Landwirte fordern erneut eine europaweite Begrenzung der Milchmenge, damit sie wieder rentabel produzieren können. Manche Milchbauer, das zeigt die zunehmend drückende Stimmung bei der Demo in Everswinkel, haben kein Vertrauen mehr zu den Lieferanten und Vermarktern ihrer Milch. Eine Frau ruft energisch: „Wir arbeiten nicht weiter zum Nulltarif!“. Sie signalisiert, dass viele Milchviehhalter nicht mehr ruhig bleiben werden. Einige Landwirte verlieren schon jetzt ihre Hoffnung: „Wir kriegen gar nicht mehr mit wie unsere Kinder aufwachsen“, sagt einer und sein Kollege ergänzt: „Wir können ihnen überhaupt keine Zukunft auf dem Hof bieten. Das kann es doch wirklich nicht sein!“.

Bereits am Montag (10. Oktober) werden die Milchviehhalter daher Supermärkte besuchen, die stellvertretend für alle Handelsketten stehen – als Verhandlungspartner der Molkereien. Die Milchbauern wollen Händlern und Kunden klar machen, dass jeder seinen Teil für eine Verbesserung der Situation der Milchviehhalter beitragen müsse. Den heimischen Landwirten ist klar, dass man keinen Kunden davon abhalten könne, billige Milch zu kaufen. Es dürfte sie vielmehr zu diesen Tiefstpreisen erst gar nicht in den Geschäften geben – so der Tenor der Demonstranten in Everswinkel.

Die Landwirte kritisieren auch den Abbau der 120 Vollzeitstellen beim Milchkontor: „Wer kümmert sich künftig vor Ort um uns?“ rufen sie ins Dunkel der hereinbrechenden Nacht.

40 Cent müssen sein – so die Bauern.

40 Cent müssen sein – so die Bauern. Foto: Peter Sauer

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