Interview
Warum Deutsch-Türken Erdogan lieben

Kreis Warendorf -

Journalisten und Richter landen im Gefängnis, die Einführung der Todesstrafe droht. Und dennoch jubeln viele Türken ihrem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu. Redakteurin Beate Kopmann unterhielt sich über diese Vorgänge mit Ali Bas (MdL), Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Muslime bei den Grünen.

Donnerstag, 09.03.2017, 08:03 Uhr

In Deutschland hat der türkische Staatspräsident Erdogan viele Anhängern seiner islamisch-konservativen Partei AKP. Welche Ursachen das haben könnte, machte der grüne Landtagsabgeordnete Ali Bas (kleines Bild) deutlich.
In Deutschland hat der türkische Staatspräsident Erdogan viele Anhängern seiner islamisch-konservativen Partei AKP. Welche Ursachen das haben könnte, machte der grüne Landtagsabgeordnete Ali Bas (kleines Bild) deutlich. Foto: dpa

Präsident Erdogan arbeitet gerade daran, den Rechtsstaat in der Türkei weiter außer Kraft zu setzen. Trotzdem jubeln ihm Tausende Anhänger zu – darunter viele Türken in Deutschland . Haben Sie eine Erklärung dafür?

Bas : Viele Menschen, die Erdogan zujubeln, gucken nicht auf den Rechtsstaat, sondern auf die großen wirtschaftlichen Erfolge, die Erdogan der Türkei gebracht hat. Das hat auch die Lebensverhältnisse verbessert. Außerdem wurde nach dem Putschversuch die Botschaft verbreitet, dass nur die „Verräter“ und „Terroristen“ ins Gefängnis kommen. Wie die Entwicklung verläuft, sieht man unter anderem am Fall des „Welt“-Reporters Deniz Yücel.

Unter den Erdogan-Anhängern sind viele junge Menschen, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben. Sie sind in einer freien Gesellschaft aufgewachsen. Wie kann es sein, dass sie sich jetzt einer Diktatur zuwenden?

Bas: Ein Teil dieser jungen Leute fühlt sich abgehängt. Trotz guter Schulbildung finden manche keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Sie erfahren Ablehnung von der Gesellschaft in Deutschland und sehen die Türkei als das gelobte Land an, in das sie zurückgehen können.

Was Erdogan über Deutschland sagte

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Aber die meisten bleiben trotzdem in Deutschland.

Bas: Das stimmt. Viele Deutsch-Türken sind deutscher, als sie zugeben wollen, kennen aber die Türkei nur aus dem Urlaub. Hier muss Gesellschaft mit Anerkennung und Teilhabe ansetzen. Es ist übrigens auch bekannt, dass nicht alle, die in die Türkei gezogen sind, gleich mehr Erfolg hatten.

Muslime können ihren Glauben in Deutschland ungehindert ausüben. Für Christen ist das in der Türkei nicht möglich.

Bas: Als ich mit einer Delegation des Landtags in Istanbul war, haben Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche nichts Negatives in diese Richtung gesagt. Probleme haben eher christliche Minderheiten wie syrisch-orthodoxe Christen.

Ali Bas

Ali Bas Foto: Grüne

In den vergangenen Jahren sind aber sowohl evangelische als auch katholische Christen ermordet worden.

Bas: Ja, es hat da einzelne Vorfälle gegeben. Vor allem Angriffe auf Priester. Was mir außerdem Sorgen macht, ist der zunehmende Antisemitismus in der Türkei, wenn man Politik und Medien verfolgt. So etwas verfängt auch hierzulande.

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Gegen Ditib, den Dachverband der türkischen Moscheegemeinden, wird wegen Spionage ermittelt. Imame sollen Infos über Anhänger des Predigers Fethullah Gülen nach Ankara geschickt haben.

Bas: Dass Ditib vom türkischen Staat abhängt, ist ein großes Problem. Andererseits gibt es auch in den Ditib-Gemeinden viele engagierte Mitglieder, die keine Politik in der Moschee wollen.

Was die Türkeikrise betrifft, scheinen viele Türken in Deutschland Angst vor öffentlichen Äußerungen zu haben.

Bas: Die Diskussion ist emotional sehr aufgeladen, Einige trauen sich deshalb nicht in die Öffentlichkeit. Ich hoffe, dass nach der Verfassungsreferendum im April Ruhe einkehren wird. Dass sich die Lage so zugespitzt hat, liegt nicht selten an mangelndem Demokratiebewusstsein und starken Gruppendruck. Deswegen wäre es hilfreich, Bundesprogramme wie „Demokratie leben“ verstärkt zielgruppenspezifisch einzusetzen. Auf diese Weise könnte man die Türkischstämmigen in Deutschland besser erreichen.

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