Selbsthilfe für Eltern
Wenn Begabung kompliziert wird

Kreis Warendorf -

„Es war der chaotischste Kurs, den ich je hatte! Jeder dachte natürlich, er wüsste es besser und fing an zu diskutieren“, lacht die erfahrene „SUP“-Instruktorin, „aber dann sind sie zur Not eben alle im Wasser gelandet!“

Dienstag, 17.07.2018, 08:03 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 17.07.2018, 08:03 Uhr
Normal ist langweilig: Hochbegabte Kinder finden oft ungewöhnliche Wege und brauchen viel Anregung.
Normal ist langweilig: Hochbegabte Kinder finden oft ungewöhnliche Wege und brauchen viel Anregung.

„Es war der chaotischste Kurs, den ich je hatte! Jeder dachte natürlich, er wüsste es besser und fing an zu diskutieren“, lacht die erfahrene „SUP“-Instruktorin, „aber dann sind sie zur Not eben alle im Wasser gelandet!“ Die Eltern am Tisch schmunzeln gemeinsam mit der dunkelhaarigen Endvierzigerin, die von einem Stand Up Paddling („SUP“)-Kurs für hochbegabte Kinder und Jugendliche erzählt. Ihnen sind die Welten, die da aufeinanderprallten, nur allzu bekannt. Nicht immer aber ist der Umgang damit so entspannt wie in diesem Fall.

„Viele Kinder mit einer besonderen Begabung wachsen vollkommen unauffällig auf“, betont eine der Mütter. Für Familien, bei denen das nicht so ist, bietet der Elterngesprächskreis Hochbegabung, zu dem die Eltern am Tisch gehören, eine Anlaufstelle. Dabei geht es nicht allein um die Herausforderungen, denen sich die Erwachsenen stellen müssen.

Wenn sie nicht alles aus dem Ärmel schüttelt, hält sie sich für doof.

Mutter eines hochbegabten Mädchens

Nach außen bewahren die Eltern strikte Anonymität, denn ihre Kinder kommen bei weitem nicht immer gut an. „Verhaltensauffälligkeit“ ist ein Stichwort, das immer wieder fällt. „Underachiever“ also „Minderleister“ ein anderes. Spätestens in der Schule sind manche als „Besserwisser“ und „Klugscheißer“ verschrien, weil sie sich nicht an Lösungswege halten oder sogar die Lehrer bereitwillig korrigieren. Andere beginnen aus Langeweile zu stören oder geben aus Frust die Mitarbeit gleich ganz auf. Für Traumnoten ist eine Hochbegabung bestimmt keine Garantie, lautet die Erfahrung.

Elterngesprächskreis Hochbegabung

Derzeit sind etwa zehn Familien aus dem Kreis aktiv, es dürfen aber gerne mehr werden. Dabei sind auch Familien mit unkomplizierten Hochbegabten sehr willkommen. Zudem bietet der Kreis sich als Informationsquelle an. Ein Intelligenztest wird anders als in vergleichbaren Gruppen nicht gefordert. Regulär trifft sich der Gesprächskreis jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 20 Uhr in den Räumen der Selbsthilfe-Kontaktstelle, Waterstroate 6 in Warendorf. An den Veranstaltungen für den Nachwuchs beteiligen sich Kinder und Jugendliche von sechs bis 16 Jahren. Weitere Informationen auf der Seite der Bürgerstiftung Warendorf www.buergerstiftung-warendorf.de oder: Selbsthilfe-Kontaktstelle unter 025 81 / 4 67 99 88.

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Hochbegabte Kinder sprechen oft schon früh, lernen lesen, rechnen, und argumentieren weit vor dem Schulalter. Auf der anderen Seite sind sie zum Teil motorisch ungeschickt oder können sich in soziale Zusammenhänge schwer einfühlen. Das gängige Bild vom hochbegabten Nerd ist nach der Erfahrung der Eltern nicht komplett aus der Luft gegriffen. Außer in ihrem eigenen Interessengebiet fällt es den „Underachievern“ auch schwer, sich überhaupt anzustrengen. „Wenn sie nicht alles aus dem Ärmel schüttelt, hält sie sich für doof“, gibt eine Mutter die Erfahrungen mit ihrer Tochter wieder. In der Schule stoßen nicht nur die Kinder, sondern oft auch die Eltern auf wenig Verständnis.

Für die Eltern kann die besondere Begabung ihrer Kinder sehr anstrengend sein. Der Nachwuchs fordert immer neue Anregung, um nicht in demotivierender Langeweile zu versinken. Intensive Gedankenspiele führen allerdings auch gelegentlich zu tiefgreifenden Ängsten, hat eine andere Mutter beobachtet. Nach und nach kann das Gefühl „nicht richtig zu sein“ die Kinder sogar krank machen.

Deshalb bemühen sich die Eltern, auch den Nachwuchs in Kontakt zu bringen. Ausflüge etwa zum Erforschen eines Steinbruchs, gemeinsames Bekochen der Eltern oder auch gelegentliche Spieletreffs können ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. Sie können das ersehnte intellektuelle Futter liefern oder aber nur scheinbar einfache Erkenntnisse vermitteln, etwa beim SUP: Das lässt sich nicht allein im Kopf bewältigen. Wer die praktischen Tipps der Instrukteurin ignoriert, sich durch Diskussion aus der Affäre zieht oder die Übungsphase überspringt, den bestraft der See sofort. Im geschützten Raum der Gruppe kann die nasse Niederlage dann aber sogar Spaß machen.

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