Mit Hygienetüchern zum Erfolg
Keine halben Sachen

Telgte -

Bei Amazon zu verkaufen, fiele Christian und Daniel Bleser nicht im Traum ein. Jetzt nicht, wo sie längst Marktführer sind, aber auch damals nicht, vor 15 Jahren, als sie ihren Internethandel mit Reinigungsprodukten gründeten. „Unser Alleinstellungsmerkmal ist das Sortiment“, erläutert IT-Fachmann Daniel Bleser. „Amazon würde aus den Verkäufen lernen, und man selber hat am Ende das Nachsehen.“ So stellen sich die Brüder ihr „hygi.de“ nicht vor. Sie machten lieber alles selbst.

Samstag, 03.08.2019, 05:20 Uhr aktualisiert: 05.08.2019, 16:46 Uhr
Christian (im Bild) und Daniel Bleser konnten mit Reinigungs- und Hygieneartikeln ihren Traum von einem eigenen Unternehmen verwirklichen. Der Haupteingang zu hygi.de versteckt sich unauffällig an der Seite des funktionalen Logistikgebäudes.
Christian (im Bild) und Daniel Bleser konnten mit Reinigungs- und Hygieneartikeln ihren Traum von einem eigenen Unternehmen verwirklichen. Der Haupteingang zu hygi.de versteckt sich unauffällig an der Seite des funktionalen Logistikgebäudes. Foto: Ulrike von Brevern

Der funktionale Betonbau im Telgter Gewerbegebiet Kiebitzpohl erinnert an ein gerade gelandetes Sternenschiff. Lange Treppen führen an vier Aufgängen zur Büroetage über dem Versandlager. In diesem Unternehmen wird gelaufen. Der Haupteingang ohne Empfang, nur mit Zugang zum Lift, liegt unscheinbar um die Ecke. „Der ist Vorschrift, aber uns besucht ja sowieso niemand“, schmunzelt Christian Bleser . Er steckt das Geld lieber in andere Bereiche.

Gegründet haben die Brüder hygi.de nicht aus Liebe zum Produkt – wer kann schon solche Leidenschaft zu Reinigungsmitteln und Hygienetüchern entwickeln? Es war die Liebe zu einem eigenen Unternehmen. Die passende Marktlücke entdeckte Daniel Bleser bei der Arbeit für einen Offline-Handel. Ralf Penning, dritter im Boot der Eigentümer, steuerte die Produktkompetenz dazu.

Es gibt keinen Dienstplan und kein Direktionsrecht

Christian Bleser

Das IT-System, das alles trägt, war selbstentwickelt. Das ist so geblieben, sonst nicht viel. Aus 3000 Start-Artikel sind über 60 000 geworden und Christian Bleser packt schon lange nicht mehr selbst. Rund 45 Millionen Euro pro Jahr setzt hygi.de um mit Artikeln, die im Durchschnitt nicht einmal drei Euro kosten. Jeder vierte Euro wandert in die IT.

Die Gründer waren zum richtigen Zeitpunkt mit der passenden Idee am Start. Stehengeblieben sind sie seither nicht. „Man wird von der Idee getrieben“, gesteht Christian Bleser. „Wir wollen nichts Halbes.“

Zur Weiterentwicklung gehört etwa, verschiedene Kundengruppen immer zielgenauer anzusprechen, aber auch eigene Prozesse zu verbessern, erklärt Daniel Bleser. Beispiel Packen: Selbst deutschsprachige Mitarbeiter verloren im Lager Zeit, wenn sie die Produktnamen lesen mussten, ermittelte die IT-Abteilung. Nun erhalten alle Bilder auf ihre digitalen Endgeräte, das spart Zeit und senkt Kosten.

Überhaupt Mitarbeiter – auch das ist ein Thema, bei dem hygi.de gerade andere Wege ausprobiert. Das Unternehmen vergrößerte die Zahl der Aushilfen drastisch und experimentiert mit einem freien Arbeitszeitmodell: Die Chefs buchen gewisse Arbeitsstunden, wissen aber nicht, wann wer kommt: „Es gibt keinen Dienstplan und kein Direktionsrecht“, betont Christian Bleser. Die Mitarbeiter kommen, wenn es ihnen gefällt, und das funktioniere für alle Seiten bestens. Man dürfe nur keine Angst davor haben.

Selbst im Fachkräftemangel sieht Bleser kein Problem: „Den gibt es nicht!“ Selber auszubilden, halten die Brüder dagegen. Zudem versuchen sie Potenziale zu erkennen, auch bei Aushilfen, und setzen schon aus eigener Erfahrung mehr auf Motivation als auf Studium und Zeugnisse.

Der Erfolg gibt den Unternehmern Recht. Gerade erweitern sie ihr Marktsegment um das komplett neue Sortiment Büroartikel und der Anbau einer weiteren Lagerhalle steht ebenfalls unmittelbar bevor.

 

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