Politische Spitzen
„Es bleibt nichts so, wie es ist“

Kreis Warendorf -

Er ist einer der letzten großen Koryphäen in der Politik: Franz Müntefering. Der 79-jährige Politiker ist immer noch ein ganz genauer Beobachter gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen, und trägt seine Eindrücke elaboriert und spitzfindig-pointiert vor. So auch beim Höxberg-Gespräch.

Mittwoch, 13.11.2019, 17:54 Uhr aktualisiert: 19.11.2019, 15:40 Uhr
Eloquent und pointiert wie immer: Franz Müntefering begeisterte beim Höxberg-Gespräch.
Eloquent und pointiert wie immer: Franz Müntefering begeisterte beim Höxberg-Gespräch. Foto: Dierk Hartleb

Eine Lösung, wie die SPD aus ihrem Dauertief herauskommen könnte, hatte Franz Müntefering am Dienstagabend zum 164. Höxberg-Gespräch im Berufskolleg Beckum auch nicht dabei. Als der Gastgeber Dr. Dirk Spenner , Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Zement und Baustoffe, diese Frage aufwarf, verwies der SPD-Fahrensmann auf die europaweite desolate Situation der Sozialdemokraten und Sozialisten und schwärmte von den Zeiten, als Sozialdemokraten in Skandinavien Mehrheiten von 60 Prozent und mehr als hatten.

Doch die SPD und ihre gegenwärtige Situation beschäftigte Müntefering nur am Rande, denn sein Thema lautete „Demografie und Demokratie. Die Weltbevölkerung werde bis 2060 nach Prognosen noch einmal auf zehn Milliarden Menschen wachsen, stellte der ehemalige Vizekanzler und SPD-Parteivorsitzende fest und verband damit die Frage: „Kann dieser Planet zehn Milliarden ernähren?“

Nur indirekt streifte Müntefering dabei das Thema Zuwanderung, indem er ausführte, dass die jährliche Binnenwanderung allein in Deutschland mit einer Million Menschen bedeutsamer sei als die Gruppe der Menschen, die als Arbeitsmigranten oder Geflüchtete neu nach Deutschland kämen.

Europa sei mit 550 Millionen Bewohnern in dieser globalen Entwicklung der kleinste Player; kennzeichnend sei die Zunahme der älteren Bevölkerung, auch in Deutschland.

„Es bleibt nichts so, wie es ist“, sagte Müntefering und verwies darauf, dass nach jetzigem Stand in Deutschland künftig zwei Erwerbstätige aus dem Arbeitsleben ausschieden und nur einer nachwachse. Das stelle die Gesellschaft vor ganz neue Herausforderungen. Das gelte auch für die Parteien und ihre Mitglieder.

Dem Staat falle die Aufgabe zu, die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben der Gesellschaft zu schaffen, für die konkrete Ausgestaltung seien die Bürger selbst verantwortlich. Bildung und Ausbildung wies der Redner eine entscheidende Rolle zu und forderte, der dualen Ausbildung größere Bedeutung beizumessen.

Die größte Veränderung stehe der Gesellschaft durch die Digitalisierung bevor. Müntefering sagte voraus, dass das bislang geltende Senioritätsprinzip zunehmend ausgehebelt werde, dass selbst 19-Jährige Älteren Arbeitsprozesse erklären müssten.

„Das Alter wird im Arbeitskleben nicht mehr die Rolle spielen“, fasste der gebürtige Sauerländer zusammen und forderte, dass die vernünftigen Jungen, die vernünftigen Alten und die vernünftigen Mittleren sich zusammentäten, „damit die Bekloppten nicht das Sagen bekommen“.

Müntefering bekannte sich zur Agenda 2010, als deren Architekt ihn Dirk Spenner in seiner Begrüßung bezeichnet hatte und zur Rente mit 67. Er habe schon 2004 den Mindestlohn gefordert, der erst vor der Großen Koalition in der vorherigen Legislaturperiode umgesetzt worden ist.

Abschließend appellierte er an Arbeitgeber, ihrer sozialen Verantwortung in Form einer angemessenen Entlohnung ihrer Mitarbeiter wahrzunehmen. „Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften gehören nicht den Parteien“, erklärte Müntefering; das sei im Unterschied zur Weimarer Republik eine wesentliche Errungenschaft des Grundgesetzes.

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