Landwirte: „Wir wollen nicht mehr länger die Prügelknaben der Nation sein!“
Protest: Per Trecker nach Berlin

Kreis Warendorf -

Per Trecker nach Berlin. Mittags in Hamm und nachmittags in Bielefeld nehmen sich die Landwirte Zeit zum Gespräch. Verärgern wollen sie die Menschen nicht, auch wenn sie mit ihren Landwirtschaftsboliden eher langsam über die Straßen zockeln. Warum sie die Trecker mitnehmen? „Wir wollen gesehen werden – und das im doppelten Sinn.“

Montag, 25.11.2019, 03:00 Uhr
Heute Abend wollen Benedikt Wiefel (l) und Mathias Afhüppe mit ihren Traktoren schon kurz vor Berlin sein. Johannes Henkelmann (r.), der die Staffelfahrt aus Süden durch den Kreis organisiert, reist per Zug hinterher und überbringt die Protestpost der Staffel, die bereits in Bielefeld endet.
Heute Abend wollen Benedikt Wiefel (l) und Mathias Afhüppe mit ihren Traktoren schon kurz vor Berlin sein. Johannes Henkelmann (r.), der die Staffelfahrt aus Süden durch den Kreis organisiert, reist per Zug hinterher und überbringt die Protestpost der Staffel, die bereits in Bielefeld endet. Foto: Ulrike von Brevern

„Wir wollen nicht mehr länger die Prügelknaben der Nation sein!“, sagt Mathias Afhüppe entschlossen – und die beiden anderen Landwirte am Tisch nicken mit Nachdruck. Zorn über immer neue, für sie nicht mehr nachvollziehbare Auflagen durch die Agrar- und Umweltpolitik mischt sich bei ihnen und ihren Berufskollegen mit Frust über ein negatives Berufsimage und der Sorge, dass ihren Betrieben irgendwann die Luft zum Weitermachen ausgehen könnte. Bis vor kurzem kannten sich die drei konventionell wirtschaftenden Landwirte aus Warendorf, Sassenberg und Wadersloh nur über eine Soziale Medien-Gruppe im Rahmen von „Land schafft Verbindung“ (LsV). Am morgigen Dienstag wollen sie in Berlin gemeinsam mit tausenden Landwirten aus der ganzen Republik auf der von der Bewegung organisierten Bauerndemo vor dem Brandenburger Tor protestieren.

Schon am heutigen Montag startet Afhüppe in aller Frühe gemeinsam mit Benedikt Wiefel und über dreißig weiteren Landwirten aus dem Kreis mit dem Trecker zur Sternfahrt Richtung Berlin. Johannes Henkelmann wäre auch gerne auf eigener Achse mitgefahren, organisiert aber stattdessen die für heute parallel geplante Staffelfahrt zwischen Hamm und Bielefeld, für all diejenigen, denen Berlin zu weit ist. Am Dienstag kommt er mit dem Sonderzug nach, den der heimische Landwirtschaftsverband WLV zur Unterstützung organisiert hat. „Das wird für uns kein Urlaub“, betont Wiefel mit Blick auf die insgesamt dreitägige Protestfahrt, auch wenn natürlich etwas Abenteuer in der Luft liegt. Übernachtet wird in Beelitz vor Berlin. Die Vorbereitungen begannen schon damit, dass bei der verdichteten Arbeit auf den Höfen zumindest für den Stall fachkundige Vertretung gefunden werden musste. Doch das ist es ihnen wert.

Die Landwirte verlangen, dass die Politik ihren Sachverstand zur Kenntnis nimmt, erläutert Afhüppe eines der Ziele der Bewegung, und sie wehren sich gegen das Bild vom kurzsichtigen Bauern: „Landwirte denken in Generationen“, sagt der 28jährige Henkelmann, „und ich will nicht der sein, der das Buch zumacht“, ergänzt Familienvater Wiefel.

Wiefel und Henkelmann waren schon beim Treckerkorso der Bewegung Ende Oktober nach Bonn mit dabei. Die Stimmung damals hat Wiefel beeindruckt, besonders auf der Rückfahrt: „Es war ein richtiges Gänsehautgefühl, als wir durch die Orte gefahren sind. Die Menschen haben Spalier gestanden für die Landwirte!“ Bei den Städtern machten die beiden Bauern mehr Interesse und Verständnis aus, als sie erwartet hatten. In seinen 25 Jahren als Landwirt habe er noch nie so viel Zuspruch erlebt, sagt Wiefel.

Im Alltag überwiegt ein anderes Gefühl: Während der Verbraucher seine Lebensmittel so billig wie möglich kauft und landwirtschaftliche Fläche immer kleiner wird, soll der Landwirt immer mehr Aufgaben übernehmen, die weniger fachlich als gesellschaftlich motiviert sind und sich gelegentlich sogar ausschließen. Dazu kommt die Bürokratie. „Wir sollen alles tun, aber Geld verdienen dürfen wir nicht“, fasst Afhüppe das zusammen.

Der Zusammenhalt der Landwirte untereinander sei durch die Demonstrationen gewachsen, freut sich Wiefel. Kritischer dagegen blicken die drei auf heimische Vertreter der Politik und auf den Bauernverband. Die Basis fühle sich gelegentlich abgehängt, formulieren sie vorsichtig, „aber die Verbände bewegen sich schneller“ hält Henkelmann fest.

Um die Verbraucher beim Protest mitzunehmen, steht der Staffellauf auch im Zeichen des Dialogs, erklärt der Wadersloher. Mittags in Hamm und nachmittags in Bielefeld nehmen sich die Landwirte Zeit zum Gespräch. Verärgern wollen sie die Menschen nicht, auch wenn sie mit ihren Landwirtschaftsboliden eher langsam über die Straßen zockeln. Warum sie die Trecker mitnehmen? „Wir wollen gesehen werden – und das im doppelten Sinn.“

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