Überlastung und schlechte Bezahlung
Hebammen steigen aus dem Job aus

Neubeckum -

Jede zweite Schwangere ist der Meinung, dass die Hebamme nicht genug Zeit für sie hat. Das ist kein Wunder.

Montag, 27.01.2020, 13:50 Uhr aktualisiert: 28.01.2020, 17:18 Uhr
Eine Hebamme wiegt im Rahmen der Nachsorge ein Baby. Viele Frauen finden aber keine Hebamme mehr.
Eine Hebamme wiegt im Rahmen der Nachsorge ein Baby. Viele Frauen finden aber keine Hebamme mehr. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hebammen fehlen – und diejenigen, die in diesem Beruf noch arbeiten, sind deutlich überlastet. Die Situation rund um den Beruf der Hebammen sowie die mangelnde Versorgung von Schwangeren stand im Mittelpunkt des Neujahrsempfangs des Kreisfrauenforums, der vom Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten im Kreis Warendorf ausgerichtet wurde. In der Mensa der Gesamtschule Beckum-Neubeckum machten die Hebammen Julia Arnst und Ute Bölling auf die Misere ihres Berufsstands aufmerksam.

Die Ennigerloher Gleichstellungsbeauftragte Ingeborg Seliger Im Gespräch mit den Hebammen Ute Bölling und Julia Arnst (v. l.). Dieses zeigte deutliche Defizite bei der Mutterbetreuung auf.

Die Ennigerloher Gleichstellungsbeauftragte Ingeborg Seliger Im Gespräch mit den Hebammen Ute Bölling und Julia Arnst (v. l.). Dieses zeigte deutliche Defizite bei der Mutterbetreuung auf. Foto: Ralf Steinhorst

Schon zu Beginn des Empfangs ging das Kabarett „Die Wa(h)ren Dorf-Frauen“ humorvoll auf knappe Ressourcen in der medizinischen Versorgung ein, in diesem Fall allerdings auf das Fehlen von Haus- und Landärzten. Weniger humorvoll erwies sich das anschließende Podiumsgespräch zwischen Ingeborg Seliger, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ennigerloh, mit den Hebammen Julia Arnst und Ute Bölling.

„Die Aufmerksamkeit für unseren Berufsstand ist gewachsen“, stellte Julia Arnst fest, die auch Vorsitzende des Hebammennetzwerks Münsterland ist. Denn in der Gesellschaft sei angekommen, dass es zu wenige Hebammen gibt, weil nicht jede Frau eine findet. „Dabei gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze“, resümierte Julia Arnst, stellte aber gleichzeitig die Frage: „Warum bleiben sie nicht?“. Grund seien die problematischen Arbeitsbedingungen. Das fange bei den freiberuflichen Hebammen mit den hohen Versicherungsprämien an und höre mit der niedrigen Vergütung durch die Krankenkassen auf, die eine adäquate Betreuung der Frauen in der Vor- und Nachsorge nur schwer ermögliche. In den Krankenhäusern stimme zudem der Personalschlüssel nicht. Das liege daran, dass das deutsche Gesundheitssystem sich am Profit orientiert. „In Großbritannien betreut eine Hebamme im Jahr 30 Geburten“, verdeutlichte Ute Bölling. Dass der Schlüssel in Deutschland wohl bei 100 liegt, warf eine Hebamme unter den Gästen der Veranstaltung ein. Die Folge: Nicht jeder Frau steht zur Geburt auch eine Hebamme zur Seite, Mütter fühlen sich teilweise bei der Geburt auf sich selbst gestellt. „49 Prozent der Frauen sagen, Hebammen hätten nicht genug Zeit für sie“, betonte Julia Arnst, dies gelte gerade für die Nachbetreuung. Viele Frauen seien verunsichert, könnten nicht richtig auf ihr Kind eingehen, die Bindung zum Kind leide. Frauen stellten sich deshalb manchmal die Frage, ob sie sich diese Erfahrungen ein zweites Mal ersparen. Nur die Gewährleistung einer 1:1-Betreuung könne das verhindern.

49 Prozent der Frauen sagen, dass Hebammen nicht genug Zeit für sie hätten.

Julia Arnst
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