Zwischen Leidenschaft und Sachlichkeit
Acht Redner bei Kundgebung gegen Sarrazin-Auftritt

Ahlen -

„Wir wollen den Besuch nicht überbewerten, aber wir wollen auch nicht so tun, als wär nichts.“ Serhat Ulusoy vom „Türkischen Schul- und Elternverein“ war einer von acht Rednern bei der Gegenkundgebung zum Sarrazin-Auftritt am Dienstagabend. Seine Worte drückten das aus, worum es den Veranstaltern und dem größten Teil der Demoteilnehmer ging: für ein Mitein­ander zu werben und die Thesen des Buchautors im Prinzip „live“ zu widerlegen.

Mittwoch, 30.11.2011, 09:11 Uhr

„Alle über einen Kamm zu scheren, das ist nicht gerecht“, so Serhat Ulusoy weiter. Er wehre sich gegen Pauschalurteile, ob gegen Türken oder Deutsche. „ Ahlen wird das aushalten. Aber musste diese Zerreißprobe wirklich sein?“, fragte er in Richtung der CDU-Mittelstandsvereinigung.

Leidenschaftlicher und kämpferischer gaben sich die jungen Redner der Linksjugend „solid“ und des „Antifaschistischen Netzwerks im Kreis Warendorf“. „Wir wollen von deiner rassistischen Hetze nichts hören, Thilo !“ schrie „solid“-Sprecher Hanno Jenkel dem Autor entgegen. Und er appellierte eindringlich an seine Zuhörer: „Sich hier hinzustellen, reicht nicht. Denn Alltagsrassismus ist überall präsent.“ Da gelte es, den Mund aufzumachen und Courage zu zeigen, wenn andere diffamiert oder angegriffen würden. Sehr deutlich die Schlussworte des Redners: „Thilo, hau ab. Wir brauchen dich hier nicht!“

Thilo Sarrazin sei einer der Menschen „mit Benzinkanister“, erklärten Max Rilke und Marcel Reich vom „Netzwerk“ und erinnerten an die Anschläge auf Ausländer in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda. Mölln und Solingen vor rund 20 Jahren. In einem globalen Rundumschlag prangerten sie Menschenrechtsverletzungen, Abschiebungen und Grenzschließungen an, verurteilten den Kapitalismus und die Medien.

„Mehr als 50 türkische Unternehmen haben wir hier“, blieb Veli Cubukcu (Ditib-Gemeinde) in seiner mit großem Beifall versehenen Ansprache in Ahlen, „und es gibt hier viele qualifizierte Konzepte für Ausbildung.“ Nein, es sei keine gute Idee gewesen, Thilo Sarrazin einzuladen, denn dessen „rassistische Äußerungen werfen uns Jahre zurück“.

Reiner Jenkel („Die Linke“) teilte in Richtung der Ahlener Kommunalpolitik aus: Keine der anderen sieben im Rat vertretenen Parteien habe sich an Vorbereitung und Durchführung der Kundgebung beteiligt. Umso mehr freue er sich aber, dass eine so große Zahl von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund auf den Rathausvorplatz gekommen sei.

Moderator Dietmar Zöller, Geschäftsführer von „Pari-Sozial“ und Initiator von „Ahlen zeigt Flagge“, gewann die Zuhörer mit Sachlichkeit und klaren Worten: 40 Jahre mangelnde Integrationsar­beit könnten nun mal nicht in wenigen Jahren aufgeholt werden. Eine Menge gebe es zu verbessern, es fehle vielen Migranten an Bildung, Deutschkenntnissen, guten Schulabschlüssen und auch an Identifikation mit Deutschland. Aber die Schlussfolgerungen Sarrazins trügen dazu überhaupt nicht bei. Ziel müsse hingegen sein, dass Migranten stärker in Parteien, Verwaltung und im öffentlichen Leben mitwirken und so zur „Aufrechterhaltung des Gemeinwesens“ beitragen.

Dietmar Zöller war es auch, der kurz nach 19 Uhr die Kundgebung schloss. Auf die zuerst angedachte Diskussion mit den Besuchern der Sarrazin-Lesung wollte man verzichten, erklärte er auf Anfrage, „um eventuelle Konfrontationen zu vermeiden“.

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