Straßen zu Ehren von „belasteten Persönlichkeiten“
Namensgeber in der Kritik

Ahlen -

Vor gut drei Jahren hat die CDU eine Diskussion in Ahlen angestoßen: Es gibt Straßen, deren Namensgeber eine „belastete Biografie“ haben, hielten die Christdemokraten fest. Es folgte eine Auseinandersetzung – und nun eine Liste, ausgearbeitet von der Verwaltung. Inwieweit damit möglicherweise Umbenennungen bevorstehen, ist noch offen. In Kürze diskutiert der Schul- und Kulturausschuss.

Samstag, 19.01.2013, 11:01 Uhr

Steht einigen Straßen eine Umbenennung bevor? Nach Ansicht der Stadt zählen unter anderem die Namensgeber von Karl-Wagenfeld-Platz, Agnes-Miegel-Straße und Eckener Straße zu „belasteten Persönlichkeiten“.
Steht einigen Straßen eine Umbenennung bevor? Nach Ansicht der Stadt zählen unter anderem die Namensgeber von Karl-Wagenfeld-Platz, Agnes-Miegel-Straße und Eckener Straße zu „belasteten Persönlichkeiten“. Foto: Christian Wolff

Rund 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges schwappt eine Welle der Umbenennungen durch Deutschland, die jüngst in Münster ihren Höhepunkt fand: Dort wurde der Hindenburgplatz in Schlossplatz umbenannt – aufgrund der Rolle des Reichspräsidenten bei der Machtergreifung Hitlers. Auch in Ahlen stehen die Namensgeber von Straßen und Plätzen jetzt wieder im Fokus. Anstoß dazu war bereits vor drei Jahren ein Vorstoß der CDU-Fraktion zur Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße, der von den Anwohnern jedoch abgelehnt wurde.

Im Schul- und Kulturausschuss am 3. Mai 2012 wurde die Verwaltung beauftragt, eine Liste mit Benennungen vorzulegen, die möglicherweise ebenfalls durch den Nationalsozialismus belastet sind. Diese Liste liegt inzwischen vor und wird bei der kommenden Sitzung am Donnerstag, 24. Januar, vorgestellt. Ob letztlich Umbenennungen erforderlich sind, steht noch nicht fest. In einigen Fällen werden Zusatztafeln vorgeschlagen. Die „AZ“ gibt heute einen Überblick.

 Agnes-Miegel-Straße:Die ostpreußische Dichterin Agnes Miegel lebte von 1879 bis 1964. Kritisiert wird unter anderem, dass sie 1933 der NS-Frauenschaft beitrat und Texte schrieb, die den Krieg im Osten verherrlichten. Nach 1945 floh sie nach Dänemark und lebte ab 1948 in Bad Nenndorf. Aufgrund der vielen Flüchtlinge aus Ostpreußen nach Kriegsende wurde Agnes Miegel in einer damaligen Neubausiedlung im Ortsteil Vorhelm mit einer Straße bedacht.

 Carl-Diem-Straße:Der Sportfunktionär und Sportwissenschaftler Carl Diem lebte von 1882 bis 1962. Kritisiert wird, dass er in der NS-Zeit ein hoher Sportfunktionär war. Schon seit 1913 bekleidete er das Amt des Generalsekretärs im Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen. Eine umfassende Bewertung der Person ist laut Mitteilung der Stadt nicht möglich, weil nicht mehr alle Unterlagen verfügbar sind. Sicher ist, dass er kein Mitglied der NSDAP war.

 Eckener Straße:Der Schriftsteller, Privatgelehrte und Journalist Dr. Hugo Eckener lebte von 1868 bis 1954. 1908 wurde er technischer Leiter der Deutschen Luftschiffahrts-AG (Delag). Kritisiert wird, dass er trotz seiner politischen Distanz vom NS-Regime als Industrieller von den Verhältnissen profitiert habe. So wurden auf seinem Werksgelände Blindgänger durch KZ-Häftlinge entschärft.

 Friedrich-Castelle-Weg:Der Dichter und Rezitator Friedrich Castelle lebte von 1879 bis 1954 und gehörte zu den Mitbegründern des Westfälischen Heimatbundes. Er schrieb Gedichte auf Hoch- und Plattdeutsch. Kritisiert wird, dass er Mitglied der NSDAP war und nach 1933 als Propagandist tätig war. Im Kreis Burgsteinfurt war er Obmann der NS-Kulturgemeinde.

 Karl-Wagenfeld-Platz:Der Volksschullehrer und Heimatdichter Karl Wagenfeld lebte von 1869 bis 1939. Im Jahr 1925 trat er als münsterischer Konrektor in den Ruhestand. Kritisiert wird, dass er ab 1933 Mitglied der NSDAP war und seine Forderungen zum Schutz von Heimat und Brauchtum durch das Regime umgesetzt sah.

 Pfitznerweg:Der Komponist und Dirigent Hans Pfitzner lebte von 1869 bis 1949. Sein Hauptwerk ist die Oper „Palestrina“. Kritisiert wird, dass er sich zwischen 1933 und 1945 im Sinne des NS-Staates engagiert hat und sein Name 1944 auf der sogenannten „Gottbegnadeten-Liste“ auftaucht.

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