Pastor Hermann Honermann recherchierte
Rudolf Höß war vermutlich nie in Vorhelm

Vorhelm -

Was hat der einstige Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß mit Vorhelm zu tun? Diese Frage beschäftigte Hermann Honermann seit mehr als einem Jahr. „Manchmal kommen Schüler mit der Behauptung nach Hause, dass Höß eine zeitlang in Vorhelm gelebt habe“, hat der emeritierte Pastor festgestellt. „Das stehe so im Internet.“ Ein Umstand, der den geübten Archivbesucher zur Recherche bewog.

Montag, 02.11.2015, 15:11 Uhr

Nach akribischem Archivstudium steht für Pastor Hermann Honermann (r.) fest, dass der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß (kl. Bild) nie in Vorhelm gelebt hat.
Nach akribischem Archivstudium steht für Pastor Hermann Honermann (r.) fest, dass der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß (kl. Bild) nie in Vorhelm gelebt hat. Foto: Christian Wolff

Und tatsächlich: Wer die Suchworte „ Vorhelm und Höß “ eingibt, landet in der freien Enzyklopädie „ Wikipedia “ und liest, dass Höß wegen eines Mordes im Zuchthaus in Brandenburg einsaß. Am 24. Juli 1928 wurde er vorzeitig entlassen. Dann heißt es wörtlich: „In den folgenden Jahren betätigte er sich in Vorhelm in der Landwirtschaft.“

War es wirklich so? „Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass es gar nicht so gewesen sein kann“, sagt Honermann im „AZ“-Gespräch. „Liest man die von Höß selbst verfasste Lebensbeschreibung ,Autobiografische Aufzeichnungen‘, kommt man bereits ins Zweifeln.“ So steht da in Ich-Form: „Gleich nach meiner Entlassung aus dem Zuchthaus nahm ich Verbindung mit den Artamanen auf. ich gab meine Stelle als Landwirtschaftlicher Beamter auf und reihte mich ein in die Gemeinschaft der Gleichgesinnten (. . .) Schon in den ersten Tagen lernte ich da meine zukünftige Frau kennen, die von den gleichen Idealen beseelt war“, schrieb Höß.

Noch konkreter wird der Enkel Rainer Höß in seinem Buch „Das Erbe des Kommandanten“. Dort heißt es auf Seite 51 f.: „Im Juli 1928 stand mein Großvater mutterseelenallein auf der Straße (. . .) Bei den Artamanen sah er seine Zukunft. Auf Gut Liebenberg bei Buberow / Brandenburg fand Höß einen Job in der Landwirtschaft. Hier lernte Höß die Schwester seines Freundes Fritz Hensel kennen, Hedwig. Ein knappes Jahr danach fand die Hochzeit statt.“ Die Trauung war am 17. August 1929 und das erste Kind bereits unterwegs.

Doch Honermann ging noch mehr ins Detail. Auf den Seiten 57 / 58 findet der Leser außerdem einen Stammbaum „Hensel-Höß“, der keinerlei Beziehungen ins Münsterland erkennen lässt, zeigt der Archivkenner auf. Honermann: „Eine Nachfrage bei älteren Leuten in Vorhelm sowie die Einsicht in die Vorhelmer Akten jener Jahre im Kreisarchiv Warendorf brachten auch keine Erkenntnisse, die jene in ,Wikipedia‘ verbreitete Aussage stützen würden.“

Die Bewegung der Artamanen strebte übrigens nach einer „gesunden Landwirtschaft“, wo jeder Bauer mit seiner Familie sich gut ernähren konnte, allerdings nur mit „reinrassigen Bauern“, denn „Fremdarbeiter aus dem Osten“ waren in deren Ideologie nicht erwünscht. Hermann Honermanns Fazit: Die Behauptung, Höß habe sich in Vorhelm mehrere Jahre in der Landwirtschaft betätigt, sei schlicht falsch und entbehre jeder Begründung. „Es ist traurig, dass Vorhelm in dieser Form mit einem Auschwitz-Kommandanten in Verbindung gebracht wird“, meint er. „Aus diesem Grund sollte angestrebt werden, den Passus im Internet zu löschen. Und wir Vorhelmer hoffen, dass dieses unsinnige Gerede von Höß in Vorhelm endlich aufhört.“

Es ist traurig, dass Vorhelm in dieser Form mit einem Auschwitz-Kommandanten in Verbindung gebracht wird.

Hermann Honermann
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