Archäologen auf dem Marktplatz
Alltagsspuren aus dem Spätmittelalter

Ahlen -

Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe werden die Bauarbeiten auf dem Marktplatz in den kommenden Monaten intensiv begleiten. Besonders Bereiche, die bei der letzten Sanierung 1985 nicht dokumentiert wurden, liegen im Fokus.

Dienstag, 19.09.2017, 21:09 Uhr

66 Zentimeter unter dem heutigen Pflaster befindet sich der spätmittelalterliche Marktplatz. Grabungstechnikerin Birgit Grundmann und Andreas Wunsches, Wissenschaftlicher Referent beim LWL, begleiten die Baustelle archäologisch.Die Fundamente des sogenannten Schlaun‘schen Rathauses wurden bereits im Jahr 1985 kartiert. Ein Bagger wurde eigens für die Forschungen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe bereitgestellt.Tierischer Unterkiefer: Im Erdboden befinden sich viele Alltagsspuren der frühen Ahlener.
66 Zentimeter unter dem heutigen Pflaster befindet sich der spätmittelalterliche Marktplatz. Grabungstechnikerin Birgit Grundmann und Andreas Wunsches, Wissenschaftlicher Referent beim LWL, begleiten die Baustelle archäologisch.Die Fundamente des sogenannten Schlaun‘schen Rathauses wurden bereits im Jahr 1985 kartiert. Ein Bagger wurde eigens für die Forschungen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe bereitgestellt.Tierischer Unterkiefer: Im Erdboden befinden sich viele Alltagsspuren der frühen Ahlener. Foto: Christian Wolff

Der Boden, auf dem sich die spätmittelalterlichen Ahlener bewegten, lag gut 70 Zentimeter tiefer als das heutige Marktplatz-Pflaster. Birgit Grundmann und Andreas Wunschel können sich trotzdem drauf bewegen. Der erste Suchschnitt auf der Baustelle im Herzen der Stadt ermöglicht den Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) seit Dienstagmorgen tiefe Einblicke in die Geschichte.

Keramikscherben, Befestigungsspuren und historischer Alltagsmüll – all das hat das Grabungsteam bereits am ersten Tag auf wenigen Metern orten können. „Wir hoffen, dass wir auf die ältesten Siedlungsreste aus dem neunten Jahrhundert stoßen“, sagt Andreas Wunschel, Wissenschaftlicher Referent und Spezialist für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie. Obwohl es bereits vor 32 Jahren eine umfangreiche Grabung auf dem Marktplatz gab, könnte es durchaus noch neue Erkenntnisse geben, ist der 30-Jährige überzeugt. „Welche Bereiche damals dokumentiert wurden, wissen wir natürlich. Daher konzentrieren wir uns jetzt auf bislang unerforschte Abschnitte.“

Dazu gehört auch die Fläche vor der Alten Apotheke, wo Birgit Grundmann (49) an diesem Vormittag einen tierischen Unterkiefer freilegt. „Nicht ungewöhnlich“, meint ihr Kollege. „Man muss sich vorstellen, dass es damals keine saubere Oberfläche gab.“ Schlaglöcher und Mulden seien von den Bewohnern früher mit Schutt, aber auch Speiseresten aufgefüllt worden – eine Frühform des Recycling. „Für uns sind Keramikscherben immer besonders interessant, weil sie eine genauere Datierung ermöglichen“, so Wunschel. „Mit ihnen können wir uns ein Bild vom damaligen Leben machen, den Alltag nachvollziehen.“ Aufgezeichnet werden die Relikte nicht. Die Fachleute nutzen heute ein entzerrbares Fotosystem, das genaue Größe und Lage der Suchschnitte festhält. „So sparen wir enorm Zeit und behindern die Bauarbeiten nicht unnötig lange“, erklärt Andreas Wunschel.

Diese Grundmauer gehörte zum sogenannten Schlaun‘schen Rathaus, abgebrochen um 1900.

Diese Grundmauer gehörte zum sogenannten Schlaun‘schen Rathaus, abgebrochen um 1900. Foto: Christian Wolff

Im Bereich des 1903 eingeweihten Alten Rathauses ist inzwischen auch die Grundmauer des Vorgängerbaus, im Volksmund „Schlaun‘sches Rathaus“ genannt, wieder sichtbar. „Dort erwarten wir nicht viel Neues“, verweist der Experte auf die früheren Grabungen. Wohl aber, wenn es im Zuge der Errichtung eines neuen Pumpenhauses weiter in die Tiefe geht.

Für uns sind Keramikscherben immer besonders interessant, weil sie eine genauere Datierung ermöglichen.

Andreas Wunschel
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