Ausstellung „68 wird 50“
Ein Schamhaar macht den Mythos sichtbar

Ahlen -

Über 200 Gäste waren am Freitag zur Ausstellungseröffnung „68 wird 50“ in die Stadt-Galerie gekommen. Groß war die Neugier – und die wurde nicht enttäuscht. Für einige gab es allerdings auch Ekelmomente.

Sonntag, 06.05.2018, 19:05 Uhr

Ruppe Koselleck stellte die Künstler vor: Amelie Hirsch in ihrer Schrebengartenhütte zum Beispiel.
Ruppe Koselleck stellte die Künstler vor: Amelie Hirsch in ihrer Schrebengartenhütte zum Beispiel. Foto: Dierk Hartleb

War es der Pflasterstein mit der DNA von Rudi Dutschke ? Wohl kaum, wie Ruppe Koselleck am Freitagabend bei der Eröffnung der Ausstellung „68 wird 50“ einräumte. Aber der andere Stein, den er dem Publikum präsentierte, war garantiert echt, hatte ihn der Künstler und Kunstvermittler doch eigenhändig von der Berliner Mauer abgeklopft.

Das weitaus größere Interesse der über 200 Besucher in der Stadt-Galerie galt an diesem Abend einem anderen Objekt, das vergoldet unter einer schützenden Plexiglashaube auf einem kleinen Metallteller präsentiert wurde: ein Schamhaar von Rainer Langhans. Für diese Idee und die künstlerische Umsetzung mit dem Titel „Searching for the Revolution“, die einen hohen technisch-naturwissenschaftlichen Aufwand erforderte, erkannte die dreiköpfige Jury dem Künstlerduo Evelyn Möcking und Daniel Nehring aus Düsseldorf den ersten mit 1968 Euro dotierten Preis zu. Die beiden hatten den Ex-Kommunarden in seinem Domizil in München interviewt und für ihre Idee gewinnen können.

In seiner launig-konzeptionellen Rede ließ Koselleck die Ereignisse des Jahres 1968 nur aufblitzen: Zum 1. Januar wurde in Deutschland die Mehrwertsteuer eingeführt, während im Nachbarland Frankreich ein deutscher Student namens Daniel Cohn-Bendit, der als Daniel le Rouge bekannt wurde, die politische Klasse unter dem greisen Staatspräsident Charles de Gaulle das Fürchten lehrte: Er entfachte nämlich an der Sorbonne eine Revolte, die sich am 19. Mai zum Generalstreik ausweitete, nachdem sich die Arbeiter und Gewerkschaften solidarisiert hatten.

Doch für die heutigen Studierenden oder jungen Künstlerinnen und Künstler sind die Massenstreiks in Frankreich und das politische Erdbeben, das die Studentenproteste auch in Deutschland auslösten, weit weg und schon gar kein Sujet nostalgischer Verklärung. Was Ruppe Koselleck, seit Herbst 2017 künstlerischer Leiter des Kunstvereins, wenig überraschend findet: „1968 kommt im Curriculum nicht vor“, dozierte der Kunstvermittler, der an der Universität Osnabrück einen Lehrauftrag wahrnimmt.

Insofern war es für die meisten Teilnehmer der Ausstellung, die der Kunstverein ausgeschrieben hatte, ein Aufbruch ins Ungewisse. Die politische Aussage bescheinigte Ruppe Koselleck Anna Budina, gebürtige Moskauerin, die in Osnabrück studiert und die mit Ulrike Meinhoff eine der Protagonistinnen des RAF-Terrors in die Zeit der Revolution in Russland verortet, wo ihr Leben im Gulag endet.

Dem Versuch des Redners, sich mittels mobilen Pults durch die gesamte Ausstellung zu bewegen, war durch die Fülle der Eröffnungsgäste Grenzen gesetzt, zumal während der Rede die Künstlergruppe „Generation Ultra HD“ ihre Performance ausführte. Was die Besucher eingangs vorsichtig vermieden hatten, nämlich die kleinen Häufchen aus Würstchen und Hackfleisch zu zertreten, kosteten die Mitglieder der Gruppe weidlich aus, indem sie sich darin suhlten. „Unappetitlich“ und „unangemessen“ fanden das einige Besucher, die sich durch diese Provokation herausgefordert fühlten – was die Künstler intendiert hatten. Als sich allerdings Ruppe Koselleck mit dem Rednerpult zu ihnen schob, fühlten sie sich in ihrem Aktionsradius zu sehr eingeschränkt und verließen die Bühne. Zurück blieben leicht verunsicherte und ratlose Besucher von dieser besonderen Art des „Hackens“.

Mit ihrer Verwandlung von der reizvoll gestylten Frau im kleinen Schwarzen zum fast androgynen Wesen mit stark männlichen Attributen wurde Amelie Hirsch aus Münster eine andere Art der Aufmerksamkeit zuteil. Um ihr Konzept eines spießig-männlichen Schreber-garten-Idylls umzusetzen, hat sie in der Stadt-Galerie eine Blockhütte mit entsprechenden Requisiten aufgebaut, die das Klischee von der schwachen Frau grundsätzlich erschüttern.

Kunstvereinsvorsitzender Gerd Buller hatte zuvor das Publikum anlassgemäß mit Sonnenbrille und Lederjacke begrüßt und den bekannten Spruch „Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren“ selbstironisch abgewandelt in „Unter grauen Haaren, der Muff von 50 Jahren“.

Der junge Blick auf 1968 besticht durch die Unvoreingenommenheit und Originalität der Beiträge. So sahen es auch die meisten Besucher der Eröffnung, die ab 21 Uhr mit einer Tanzparty im Bürgerzentrum Schuhfabrik fortgesetzt wurde.

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