„Pusteblume“ schließt nach 30 Jahren
Kleiner Kinderladen geht in Rente

Ahlen -

Die Kindermode scheint sie jung gehalten zu haben. Jetzt aber schließt Ursula Oermann ihre „Pusteblume“ mit 70 Lebensjahren. Drei Jahrzehnte war sie eine Institution in der Innenstadt Ahlens.

Samstag, 15.12.2018, 07:00 Uhr aktualisiert: 18.12.2018, 09:42 Uhr
Die Gesichter hinter der „Pusteblume“: Ursula Oermann (70) und Waltraud Philipp.
Die Gesichter hinter der „Pusteblume“: Ursula Oermann (70) und Waltraud Philipp. Foto: Ulrich Gösmann

Generationen kennen sie, Generationen schätzen sie. Für Ursula Oermann ist der Advent 2018 ein emotionaler. Mit jedem Kläppchen, das kleine Erdenkinder öffnen, rückt das Ende ihres Kinderbekleidungsfachgeschäfts näher. Mit dem Jahr verabschiedet sich zum 31. Dezember auch die „Pusteblume“ aus der (Ahlener Geschäfts-) Welt. Ein Unikat, das es so nicht wieder geben wird. Und ihre Inhaberin: ein Original.

Ein junger Mann kommt kürzlich in den Laden. Schaut sich neugierig um, dann treffen seine Blicke auf den Korb oben auf den Kleiderschrank. „Da steht er ja immer noch“, sagt, strahlt und lacht er. Zu gerne würde er zugreifen. Ursula Oermann gerät ins Grübeln – und will es nicht glauben. Der, der jetzt 27 sein muss, war als Dreijähriger zuletzt bei ihr. Dann zog es die Familie nach München. Jetzt steht er plötzlich wieder vor hier – mit seinen Erinnerungen und dem Wissen, dass es aus dem Korb immer „etwas Buntes“ zum Naschen gab.

Seit Anfang an dabei. Waltraud Philipp und der Einkaufsladen.

Seit Anfang an dabei. Waltraud Philipp und der Einkaufsladen. Foto: Ulrich Gösmann

Die Zeit hat sich geändert, die „Pusteblume“ nicht. Seit 30 Jahren schauen dieselben Schaufensterpuppen mit wechselnder Mode auf die Weststraße, die nur noch wenig Laufkundschaft in den Laden ziehe. „90 Prozent sind Stammkunden“, schätzt Ursula Oermann. „Ohne sie wären wir gar nicht mehr da.“ Und die kommen jetzt schon in der zweiten Generation. „Es ist alles familiär“, gerät die Ahlenerin ins Schwärmen. Ihre „Pusteblume“ sei Geschäft und Hobby in einem. Die Hälfte ihrer Kunden, konkretisiert die inzwischen 70-Jährige, seien „Omas“. „Die bestellen nicht im Netz.“ Bei jungen Familien bindet die Erinnerung, selbst als Kind hier auf dem Schaukelpferd gesessen oder mit funkelnden Augen hoch auf den Kaufmannsladen geschaut zu haben, den Ursula Oermann in ihren Anfängen auf einem Flohmarkt erstanden hatte. Jetzt empfiehlt er sich – für kleines Geld – in ihrem Schaufenster zum Verkauf. Man möchte ihn einfach nur haben.

Ohne sie wären wir gar nicht mehr da.

Ursula Oermann über ihre Stammkunden

Die Anfänge – da ist die Geschäftsfrau in ihrer eigenen Jugend. Mit 14 habe sie in der Kinderabteilung von Jürs und Co gelernt, wo heute „H&M“ sei. Zusammen mit Waltraud Philipp, die sie mit in ihre „Pusteblume“ nahm. Bis heute sind sie ein unzertrennliches Team. Den Namen ihres Fachgeschäfts hatte die Inhaberin aus Berlin mitgebracht. Fasziniert von einem Laden gleichen Namens in einem Einkaufscenter.

Geschichten könnte Ursula Oermann erzählen, die ein Buch füllen. Auch die eines Burschen, der gerade noch in ihre Hosen passte. Als kleiner Knirps schon treuer Kunde, verschwand der 15-Jährige zuletzt fluchtartig in der Umkleidekabine, den Vorhang mit einem Ratsch zureißend. Oermann lacht, Tränen wollen fließen. „Er hat seine Freunde vor dem Schaufenster gesehen und wollte nicht erkannt werden, immer noch in der Pusteblume einzukaufen.“ Das sei doch uncool.

Seit 30 Jahren blicken sie mit wechselnder Garderobe auf die Ahlener Fußgängerzone.

Seit 30 Jahren blicken sie mit wechselnder Garderobe auf die Ahlener Fußgängerzone. Foto: Ulrich Gösmann

Andere kommen auch im hohen Alter regelmäßig vorbei, weil Hund es will. Verwöhnt durch kleine Leckerlis, bleiben einige Tiere wie ferngesteuert vor dem Geschäft stehen. Wohlwissend, dass drinnen etwas auf sie wartet. Und auch hier gilt: Für jeden nur das, was er wirklich mag.

„Die Kunden sind traurig“, stellt Ursula Oermann fest. Die, die in diesen Minuten zur Tür hereinkommen,bestätigen es mit glasigen Augen. Ja, es war eine wunderschöne Zeit, mit lieben, netten Menschen. „Aber irgendwann ist Schluss“, sagt die 70-Jährige resolut – und dann fließen sie doch, die Tränen. „Leben kann hier keiner mehr von“, lässt sie noch wissen. Es sei zum Schluss etwas für nebenbei gewesen.

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