Jahresbilanz der „Ahlener Stadtbildmacher“
Nach Kontroversen für Rathaus-Erhalt

Ahlen -

Keine Bewegung im Kampf um den Erhalt des historischen Hauses Holtermann sieht Silke Büscher-Wagner, Vorsitzende des Vereins „Ahlener Stadtbildmacher“, im Interview – und äußert sich auch zur Rathausfrage.

Samstag, 29.12.2018, 17:00 Uhr
Schwierige Gründung im Wersesand: Diese Aufnahme vom 18. Mai 1975 zeigt die Fundamentarbeiten für das neue Rathaus. 43 Jahre später gibt es zwei Lager – pro und kontra Erhalt des als Kultur- und Verwaltungszentrum geplanten „Parade-Baus“.
Schwierige Gründung im Wersesand: Diese Aufnahme vom 18. Mai 1975 zeigt die Fundamentarbeiten für das neue Rathaus. 43 Jahre später gibt es zwei Lager – pro und kontra Erhalt des als Kultur- und Verwaltungszentrum geplanten „Parade-Baus“. Foto: Archiv

Silke Büscher-Wagner ist überzeugt: Der Verein „Ahlener Stadtbildmacher“ hat sich in der Wersestadt fest etabliert. Er geht im Frühjahr bereits in sein viertes Jahr und hat viele Projekte angeschoben. Im Gespräch mit „AZ“-Redakteur Christian Wolff zieht die engagierte Vorsitzende Bilanz und gibt zu erkennen, dass sich ihr Verein im neuen Jahr auch „heißen Eisen“ wie der Rathausfrage oder der Zukunft des Hauses Holtermann stellen will.

Was war das Schwerpunktthema der „Stadtbildmacher“ im ablaufenden Jahr?

Büscher-Wagner: Das war zweifellos die Arbeit rund um das alte Trafohäuschen im Berliner Park, das zuvor lange Zeit im Dornröschenschlaf lag. Im Frühjahr 2018 hatten wir ein erstes Gespräch mit der Unteren Denkmalbehörde. Um dem weiteren Verfall entgegenzuwirken, wurde eine Dachsanierung zum „ Tag des offenen Denkmals “ umgesetzt. Fast 90 Besucher sahen sich das Objekt mit uns an. Damit endete der Dornröschenschlaf. Parallel dazu haben wir ein Gespräch mit einem ehemaligen Stadtgärtner über die Nutzung der Station in den 70er und 80er geführt.

Was soll in Zukunft mit der alten Trafostation geschehen?

Büscher-Wagner: Auf dem Weg zu einem sinnvollen Nutzungskonzept wollen wir möglichst viele Bürger einbinden. Die „Stadtbildmacher“ werden informieren und zum Gespräch einladen. Zur Diskussion stehen aktuell Nutzungen als Backhaus oder als Museum über die Nutzung von Trafostationen im Allgemeinen. Weitere Vorschläge reichen vom Vereinshaus bis hin zum „kleinsten Hotel in Ahlen“. Als Auftakt zur weiteren Ideenfindung veranstalten wir am Mittwoch, 20. Februar, ab 19 Uhr im Alten Rathaus einen Vortrag mit dem Autor Dr. Ludger Schroer. Sein Thema sind historische Transformatorenhäuschen im Münsterland.

Seit der Vereinsgründung gab es auch immer wieder mal kleinere Aktionen zur Stadtbildpflege. Was liegt da als Nächstes an?

Büscher-Wagner: Wir haben schon zum Denkmaltag 2017 die Pflege eines historischen Grabes auf dem Westfriedhof übernommen. Diese Patenschaft geht selbstverständlich weiter. Auch die Parzelle „Wegekreuz“ an der Westenmauer wird mit finanzieller Unterstützung des Eigentümers Dr. Stephan Nahrath fortgesetzt. Der Verein sorgt dort seit drei Jahren für Bepflanzung und Pflege.

Vom Klein- zum Großprojekt: Angesichts des neugestalteten Marktplatzes fällt der Zustand des denkmalgeschützten Hauses Holtermann noch deutlicher ins Auge. Was sagen die „Stadtbildmacher“ dazu?

Büscher-Wagner: Das Gebäude ist so ziemlich bei allen unseren Treffen ein Thema, weil es Geschichte hat und an zentraler Stelle steht. Wir fragen uns selbst, wie es weitergehen soll und wollen den Eigentümer mit einer Mahnwache unter dem Titel „Denk mal an Dein Denkmal“ im Frühjahr 2019 aufrütteln. Unser Verein nahm im ablaufenden Jahr an verschiedenen Gesprächen mit Ahlenern teil, die sich eine Lösung für den Leerstand am Markt wünschen. Es wurden diverse Möglichkeiten diskutiert. Eine erste schriftliche und freundliche Kontaktaufnahme zum Eigentümer scheiterte, weil der Betroffene sich nicht zurückmeldete. Der Verein möchte auch die Stadt Ahlen auffordern, alles zu tun, um die Fassade des denkmalgeschützten Hauses zu erhalten und stellt die Frage, ob wirklich schon alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Der Eigentümer muss sich um sein Haus kümmern. Die einhellige Meinung ist, dass er sich vor allem selbst finanziell schadet. Mit dieser Haltung erntet man keinen Ruhm, sondern das Gegenteil.

Wahrscheinlich wird es zunächst in Sachen Rathaus eine Entscheidung geben müssen. Wie steht Ihr Verein denn zu dieser schwierigen Frage?

Büscher-Wagner: Die Frage, ob das 1977 eröffnete Rathaus erhalten oder abgerissen werden soll, ist nicht leicht zu beantworten. Unser Verein hat sich auf dem Weg zur eigenen Meinungsfindung sehr schwergetan. Es ist mehr als deutlich spürbar, dass die Mehrheit der Ahlener ihr Rathaus nicht mag. Das ist auch kein Wunder. Da steht ein riesiges betonlastiges Objekt aus den 70er Jahren mit gravierenden Mängeln. Hässlich, ungepflegt, nicht mehr zeitgemäß. Wir haben aber zugleich auch die Sorge, dass wir es in ein paar Jahren oder Jahrzehnten bedauern, wenn wir dieses Gebäude jetzt opfern. Wir haben uns einen sensibleren Umgang mit den verschiedensten Architekturobjekten aus unterschiedlichen Epochen auf die Fahne geschrieben, daher wollen wir vor der schwierigen Rathausfrage nicht einknicken. Wir stehen daher für den Erhalt unseres Rathauses, weil es ein sehr markantes Gebäude in der Silhouette Ahlens ist.

Aber ist das Rathaus deswegen auch ein Denkmal?

Büscher-Wagner: Das war für uns sehr schwierig zu beantworten, schließlich ist unser Rathaus ja eigentlich noch gar nicht so alt, gerade mal vier Jahrzehnte. Ein großer Teil unserer Bürger kann sich noch an den Bau erinnern. Vielleicht ist das Rathaus jetzt noch kein Denkmal, aber die Zeit wird fortschreiten. Wenn wir uns heute für alte Fachwerkhäuser begeistern oder aber für den Bauhaus-Stil, dann werden wir möglicherweise irgendwann auch dieses Rathaus als Kunstwerk und als Vertreter des Brutalismus sehen und vielleicht sogar stolz darauf sein.

Dass ein umstrittenes Gebäude vielleicht irgendwann, möglicherweise erst in Jahrzehnten, als schön empfunden wird, kann Befürworter eines Neubaus mit Sicherheit nicht überzeugen.

Büscher-Wagner: Das wohl nicht, aber das Thema Nachhaltigkeit können auch sie nicht außen vor lassen. Können wir es uns eigentlich leisten, ein stabiles Gebäude aus widerstandsfähigem Beton einfach abzureißen? Wie viel Energie war für den Neubau erforderlich? Wie viel Energie wird der Abriss benötigen? Da stellen wir uns auf die Seite der Fachleute, die sich gegen den Abriss positionieren. Darunter sind ja auch Ahlener Architekten und unser ehrenamtlicher Denkmalpfleger. Wir appellieren an die politischen Vertreter, weitsichtig diese Gedanken in ihre Entscheidungen einzubinden. Wir haben nicht mehr das Recht, so unbedarft mit Baumaterialien umzugehen.

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